Jahrhundertsommer Eis mit Gurke

Überall Liegestühle und entspannte Menschen: Die vormalige Hauptstadt der verwehten Regenschirme wurde zum Dauer-Openair. Und die Freude ist noch nicht vorbei.

(Foto: Marcus Vogel/laif)

Nie war Hamburg sonniger, unbeschwerter und von Weißwein trunkener als in diesem Sommer. Eine Liebeserklärung.

Von Peter Burghardt

Dieser Hamburger Sommer war unfassbar heiß und stimmig, man könnte auch sagen: Er war Eis & innig. So heißt seit ungefähr eineinhalb Jahren eine Eisdiele zwischen den Stadtteilen Hoheluft und Eppendorf, für die man zwar besser nicht mehr werben sollte, weil die Schlange sonst noch länger wird. Aber die einem irgendwo symbolisch vorkommt für dieses sagenhafte Naturereignis. Ein weiterer Eisladen kann ja nie schaden, vor allem ein dermaßen guter und origineller wie dieser, doch wer konnte mit dieser Karriere rechnen?

Die erste Saison war 2017 noch eher so mittel, es regnete, abgesehen von ein paar ausgewählten Höhepunkten, praktisch ununterbrochen. Wie Hamburg halt so ist, dachte man sich. "Bei ordentlichem Hamburger Schietwetter nur bis 18 Uhr", ist bei den Öffnungszeiten von "Eis & innig" vermerkt, ansonsten sollte um 19 Uhr Feierabend sein. Dann 2018. Es begann mit einem strahlenden April, so blieb es im Mai, im Juni, im Juli, im August, bis in diesen September hinein. Die Kunden saßen und standen (und sitzen und stehen) vor diesem gestylten Eislokal, sie aßen (und essen) Eis der Sorten Gurke, Salzkaramell, Milchreis-Himbeere oder Minze oder Zitrone; die Früchte und Kräuter kommen dem Vernehmen nach vom guten und teuren Isemarkt nebenan unter der Hochbahnbrücke. Bunte Streusel drauf für die Kinder, und wenn das Eis zu Boden fiel, dann gab es kostenlos ein neues, wenn der Mann mit Bart an der Theke gut gelaunt war. Der Feierabend wurde angesichts von Wetter und Andrang auf 20 Uhr verschoben, nix Hamburger Schietwetter.

In den Eiskübeln und an den Täfelchen an der Wand finden sich auch Variationen wie Piña Colada und Lulo - Lulo ist eine Frucht, die jeder auf ewig liebt, der jemals in Kolumbien war. Schmeckt wie Kiwi, nur besser. Der Mann mit Bart von "Eis & innig" hatte immer mehr junge Angestellte an den Eiströgen, wobei der eine oder andere Gast zu Stoßzeiten vor lauter Warterei trotzdem um die Ecke bog und zu Dante floh, dem gemütlichen italienischen Eiscafé, das ebenfalls ein Jahr der Jahre erlebte. Gegenüber wurde derweil ein früheres Klohäuschen zum Sommerhit: Es heißt Little Amsterdam und bietet außer Hockern und Treppen auch Liegestühle, auf einer Wiese, sehr gemütlich, vor allem mit Weißwein und Weißbier. Kellner bringen die Getränke auch zu den Liegenden.

Bis vor ungefähr zwei nassen Sommern war in dieser kioskhaften Anlage ein liebenswerter Thailänder untergebracht, ehe die Betreiber vor dem Stress und dem Regen in Hamburg nach Thailand flohen. Nun also Little Amsterdam, Biobratwurst, Veggie-Wrap und stilsicherer Rausch im Freien. Gleich hinter dem Kneipencafé fließt der Isebekkanal wie in einer Gracht unter der Brücke hindurch, wobei an dieser Stelle noch mal festzuhalten wäre, dass Hamburg nicht nur mehr Brücken als Amsterdam besitzt, sondern auch mehr als Amsterdam und Venedig zusammen. Es sind laut städtischer Zählung so um die 2500. Selten war die Aussicht an diesen schmiedeeisernen Geländern wochenlang so erhaben, ohne von Windböen verbogene Regenschirme über den Köpfen.

Fiebrige Fragen: im Alten Land wachsen Pfirsiche, Aprikosen - bald auch Lulo-Früchte?

Außer Enten glitten bis in die Nacht hinein Surfbretter, Schlauchboote oder Kajaks mit Menschen vorbei. Es schien in der Freien Hanse- und Ruderstadt auf einmal mehr Stand-up-Paddler zu geben als Alsterschwäne, gerne mit Tattoos auf der Haut. Niemand hätte sich wundern dürfen, wäre der Ruderfreund und vormalige Bürgermeister Olaf Scholz zum Abschied stehend Richtung Spree gepaddelt. Hamburg, meine Perle, wurde zum Sommermärchen am Wasser, mehr noch als 2006 bei dieser damals noch seligen WM und noch weit über die grandiosen Uferklassiker Strandperle (Elbe) und Alsterperle hinaus.

Sollte man selbst eine Eisdiele aufmachen? Einen Stand-up-Paddelverleih mit Liegestühlen? Solche Gedanken gingen einem durch den Kopf, wenn man herrlich durchgeschwitzt ins Büro radelte, von einem Haus mit Garten und Großgrill am Innocentiapark träumte und sich freute, abends wieder draußen beim Italiener am Spielplatz einzukehren. Zwischendurch erwog man, Abbitte zu leisten für die Jammerei in den Jahren zuvor. Wer zum Beispiel aus südlicheren Gegenden zugezogen war, nehmen wir als beliebiges Beispiel Argentinien, dem drohte hier ja mitunter der schwere, lichtlose Himmel auf den Kopf zu fallen. Und nun: sonnig, trocken, warm. 60 Tage mehr als 25 Grad, 18 Tage mehr als 30 Grad; 2017 hatte es nicht ein einziges Mal 30 Grad gehabt. Plötzlich eine Frage: Würde es in Hamburg je wieder regnen?

Die vormalige Hauptstadt der verwehten Regenschirme wurde zum Dauer-Open-Air. Es stieg die Nachfrage nach Shorts, Moskitonetzen, Ventilatoren, Klimaanlagen, Eiswürfelbeuteln. Fiebrige Nachrichten machten die Runde: Im Alten Land an der Elbe wachsen Pfirsiche und Aprikosen! Bald auch Lulo? Am Suppenküchenwagen auf dem Isemarkt gab es kühles Gazpacho. Hamburger Urlauber auf der überfüllten Insel Mallorca fragten sich, wieso sie nicht zu Hause geblieben sind.

Vitamin-D-Pillen, sonst Kassenschlager in den Apotheken gegen Hamburger Schwermut? Völlig unnötig 2018, man aß Lulo-Eis oder trank Weißwein. Zwischenzeitlich war Hamburg so prächtig gelaunt, dass die Grenzschlachten zwischen Fußgängern und Radfahrern an den Nähten zwischen Fahrradwegen und Gehwegen ganz leicht nachzulassen schienen. Man brauchte auch keine Socken mehr, man trug Havaianas, brasilianische Gummilatschen. Joggen? Schwierig. Grillen!

Manchen Hamburgern wurde es zwischenzeitlich zu heiß und innig. Sie warteten auf den Herbst, um wieder joggen zu können und nicht ständig Weißwein trinken zu müssen. Vom Weinberg Stintfang über dem Hafen wurde Rebenraub gemeldet, vor der ersehnten Weinlese des Jahrzehnts! Alsterschwäne mussten evakuiert werden - Blaualgen-Alarm! Scharen von Touristen bestaunten die ausgedörrte Stadt, und dann kamen Schwärme von Wespen. Hamburg probierte Wespennest-Attrappen aus, entzündete Kaffeepulver. Die Regenstadt wurde zur Wespenstadt, zur Flipflopstadt, zur Eisstadt. Nur zuletzt sah man vereinzelt wieder dünne Daunensteppjacken und Regenmäntel, Hamburgs Uniformen. Und falls eines Tages die Wespen verschwinden, dann fliegen die Eisdielenleute sicher bald in den Süden.