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Rothenburg ob der Tauber:Schmucke Schmiede statt schlichter Scheune

Zwar war die Judengasse einst kein Ghetto, auch Christen wohnten hier. Doch die Gewalt des Erdbebens, das einst die Burg zerstört haben soll, die Rothenburg den Namen gab, reichte wohl gar nicht bis hierher: "Wahrscheinlicher ist leider, dass bei einem Pogrom Juden in der Burg verbrannt wurden", meint Oberbürgermeister Hartl. Nach anderen Quellen flüchteten sich die Menschen in die Burg, mussten sich nach einigen Tagen aber ergeben und wurden umgebracht. Es sollte nicht der letzte Pogrom sein in der Stadt, die manchmal nur von außen schön ist.

Dass Rothenburg wie eine Kulisse wirkt, liegt auch daran, dass die Altstadt teilweise filmreif wieder aufgebaut wurde: 40 Prozent waren nach den Angriffen alliierter Brandbomber ausgerechnet am Karfreitag 1945 vernichtet, Jahrzehnte lang entstanden die Gebäude nach strengen Plänen neu - etwas besser als das Original. Die Giebelhöhen wurden angeglichen, die Dächer ausgefallen spitz; wo früher eine schlichte Scheune stand, wurde eine schmucke Schmiede errichtet.

Gerlachschmiede in Rothenburg ob der Tauber

Gar nicht so alt: die Gerlachschmiede

(Foto: Willi Pfitzinger; Rothenburg Tourismus Service/W.Pfitzinger)

Doch die Straßen blieben so schmal wie früher. Das Mittelalter-Gefühl sollte nicht verloren gehen, im Gegenteil. Daher tun sich auch heute manche Besucher mit den ungewohnten Pflastersteinen schwer, die sich auf dem vielbegangenen Marktplatz zu sanften Wellen gehoben und gesenkt haben. Wo Straßen saniert werden, wird zwar auch an Kinderwagen, Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer gedacht. Aber ein Verzicht auf das Pflaster könnte teuer werden, auf lange Sicht: Es gehört einfach zur Disney-Vision, die Besucher vorfinden wollen. Das Städtchen inspirierte die Zeichner von Walt Disney zu dem verschneiten Dorf, dem Geburtsort von "Pinocchio". Das Haus des alten Geppetto stünde direkt am fotogenen "Plönlein".

Mit ihrer Optik begeisterte die Stadt schon früh - erst Maler um 1900 vor allem aus England, die von dem romantischen Anblick hingerissen waren. Und dann die Nationalsozialisten, die nach ihren Reichsparteitagen in Nürnberg einen Ausflug machten in die "deutscheste aller Städte", so die Propaganda. Sie waren hochwillkommen, die Saat des Judenhasses war hier längst aufgegangen: Aus Rothenburg waren die Juden schon vor der Reichspogromnacht im November 1938 vertrieben worden. Dieses Rothenburg war ein Symbol, das die Bombardierung der Alliierten beinahe auslöschte.

Eigentlich sollte ein weiterer Artillerieangriff der Stadt den Rest geben. Doch John Jay McCloy, damals stellvertretender Staatssekretär im US-Kriegsministerium, bat um Gnade: Seine Mutter hatte die Stadt zweimal vor dem Krieg besucht und von dem wunderschönen mittelalterlichen Ort geschwärmt. Eine Touristin rettete Rothenburg, ihr Sohn wurde später Ehrenbürger.

Filmszene aus "Scheidungsreise", 1938

Das "Plönlein" in einer Szene aus dem Film "Scheidungsreise" von 1938.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Und Touristen halfen, die Stadt wieder aufzubauen: Ihre Namen sind auf "Spendensteinen" in der Stadtmauer verewigt, darauf steht New York, Osaka, Milwaukee, Kiyose-shi, Fairfax oder Castrop-Rauxel. Inzwischen hat Rothenburg seine dunkle Vergangenheit der Ausgrenzung offenbar hinter sich gelassen: Die Stadt wurde 2010 von der Bundesregierung als "Ort der Vielfalt" ausgezeichnet, ihre Bevölkerung stammt nun aus 70 Nationen - darunter Japan.

Ein Maler, verzaubert von Rothenburg

Vor fast drei Jahrzehnten kam Eiichi Takeyama aus Tokio das erste Mal nach Rothenburg, blickte von der Brücke im Taubertal hinauf zur mittelalterlichen Stadt und war von dem pittoresken Bild so begeistert wie hundert Jahre zuvor die englischen Maler. Der Kunstdozent reiste mit Schülern auf Motivsuche durch Europa, er sah München, Paris und die Schweiz, doch nach Rothenburg kehrte er zurück.

Jeden Tag malte er ein anderes Detail, suchte sich ein anderes Motiv und wurde von den Einwohnern hofiert: "Ein Hotelchef hat mir Wein geschenkt, während ich malte", freut sich der Künstler, der in Rothenburg alt wurde, noch immer. Besonders stolz war er aber, als der Künstlerbund gemeinsam mit ihm ausstellte, "all die Rothenburger und ich, der Japaner".

Leidenschaftlicher Maler und Tennisspieler: Eiichi Takeyama

(Foto: Katja Schnitzler)

Leicht ist es auch in Rothenburg nicht, sich als Maler über Wasser zu halten: Die normalen Touristen leisten sich höchstens Takeyamas Postkarten mit Aquarellmotiven der Stadt. Seufzend blickt er auf die weitaus größeren und teureren Leinwände, die in der Galerie an den Wänden hängen und in mehreren Reihen davor aneinander lehnen. Ab und an kommen kaufkräftige Kunden, doch seit der Wirtschaftskrise weniger aus seiner Heimat Japan.

Heute suchten sich eher Koreaner und Chinesen ihr Lieblingsbild von Rothenburg aus. Eiichi Takeyama hat sich deshalb eine zweite Einnahmequelle gesucht: In einem Nebenraum verkauft er Tennisschläger. Auch mit 80 Jahren spielt er noch leidenschaftlich gern und gehört seit 15 Jahren der Rothenburger Senioren-Mannschaft an. Glücklich zeigt er ein altes Zeitungsfoto, das ihn nach einem Match mit Profi Björn Borg zeigt, als beide noch lange Haare hatten.

"Hier habe ich zweimal Spaß"

Ansonsten genießt Takeyama, nun mit grauen, raspelkurzen Haaren, aber weiterhin in Sporthose, dass in Rothenburg weder so verbissen gearbeitet noch Tennis gespielt werde wie in Japan. Der ewige Wettstreit war ihm sichtlich zuwider. Daher blieb und bleibt er: "Hier habe ich zweimal Spaß, das ist sehr wichtig", sagt der Mann sehr leiser Worte mit fester Stimme.

Einen Konkurrenzkampf der anderen Art liefern sich die Geschäfte an der "Laufstrecke", die Urlauber von den Busparkplätzen zum Marktplatz zurücklegen: In den Schaufenstern wird mehr Kitsch als Kunst feilgeboten, es gibt Spielschwerter und Barfußschuhe. Bäckereien stapeln die traditionellen "Schneeballen" zu Pyramiden, auch wenn nicht mehr alle die Kugeln aus Mürbeteig noch selbst in der Backstube machen. Die meisten Kunden bleiben nicht lange genug, um den Unterschied zu entdecken.

Doch das Angebot auf Touristen auszurichten, lohnt: Fast die Hälfte der mehr als 135 Millionen Euro, die Touristen im vergangenen Jahr in Rothenburg gelassen haben, macht das Gastgewerbe an Umsatz, gefolgt vom Einzelhandel, der mehr als ein Drittel abbekommt. In mancher Kleinstadt ohne Touristenstrom und ohne nennenswerte Industrie, in der mit der letzten Gaststätte auch ein Raum für Begegnungen schließt, träumt man von solchen Zahlen.

Teilen sich die Gasse neben dem Marktplatz: Fußgänger, Autofahrer und Cafébesucher.

(Foto: Antonia Küpferling)

Weniger Touristen sollten es jedenfalls nicht werden, meint Robert Nehr vom Tourismus Service. Und gerne mehr als die Hälfte dürfe aus Deutschland kommen, um unabhängiger vom ausländischen Markt und dem Weltgeschehen zu sein - die Folgen der Anschläge in Paris merkten sie auch in Rothenburg, weil über die französische Hauptstadt viele Amerikaner anreisen. Und ein Risiko sei, dass die Touristen entdeckten, dass in Osteuropa schöne, unzerstörte Städte besuchenswert seien, "nicht nur Prag". Schließlich hänge an den Urlaubern nicht nur das Wohl der Geschäfte, sondern auch von Handwerksbetrieben und familiär geführten Hotels. Und auch die drei Museen sowie die alten Gebäude wären ohne das Geld der Urlauber nicht zu erhalten, einige müssten sowieso dringend restauriert werden.

Dass noch Platz für mehr ist, zeigt Nehr auf dem vier Kilometer langen Turmweg entlang der Stadtmauer. Unten fließt die Tauber, am steilen Hang wächst Wein und steigt warme Luft auf, weshalb die Einwohner gerne von der "Rothenburger Riviera" sprechen, während die Stadt ob ihrer festungsgleichen Lage hoch über der Tauber den Stempel "fränkisches Jerusalem" aufgedrückt bekommt. Egal wie man es nennt, den Ausblick hat man jedenfalls fast für sich allein.

Riviera oder fränkisches Jerusalem? Der Weinberg mit alten Rebsorten liegt direkt unterhalb der Stadtmauer.

(Foto: Antonia Küpferling)

Im Gegensatz zu den Gassen der Altstadt, durch die sich auch Autos schieben, zum Erstaunen mancher Touristen. "Da muss man sich als Anwohner anblaffen lassen, obwohl man Schrittgeschwindigkeit fährt", ärgert sich Hellmuth Möhring. Einer habe ihm sogar mal auf das Autodach geschlagen. "Und auf den wenigen Parkplätzen stehen oft Hotelgäste mehrere Tage lang." Möhring ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Alt-Rothenburg, doch zwei Herzen schlagen in seiner Brust: Er ist auch Leiter des Reichsstadtmuseums, für das er sich mehr Besucher wünscht.

Platz zum Wohnen, nicht nur zum Übernachten

Als Bewohner der Altstadt jedoch könnten es manchmal etwas weniger sein. Doch wegziehen kommt für ihn nicht in Frage, "ich will nicht in so einem Vorstadtbrei wohnen, und Rothenburg ist ja noch immer ein architektonisches Kleinod mit schönen Ecken". Dafür nehme er privat den "Touch des Abgegriffenen und Übertouristisierten" hin. Aber dass sich Rothenburger den Ausbau ihrer alten Häuser für den Eigenbedarf genehmigen lassen und die Räume dann zu Ferienwohnungen umwidmen, erzürnt ihn.

Da spielt der Stadtrat allerdings seit einigen Jahren nicht mehr mit: Der Wohnraum soll erhalten bleiben, statt teuer von Airbnb-Kunden belegt zu werden. Damit sich das Leben in Rothenburgs Altstadt, die doch mehr sein will als eine Kulisse, nicht nur zwischen ein paar Fotomotiven abspielt.

Schließlich soll das Märchen nicht so lauten: Es war einmal eine Stadt, die war jeden Tag voller Leute - doch niemand von ihnen wollte hier länger bleiben als ein paar Tage. Sondern: Sie lebten glücklich und zufrieden und teilten sich harmonisch ihre Altstadt, die an manchen Ecken zu schön ist, um wahr zu sein.

Dieser Text wurde zuerst am 02.10.2018 veröffentlicht.

© SZ.de/edi/sks
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