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Jack London State Historic Park:"Dieses Etwas, das uns allen fehlt"

Feierabend um 16.30 Uhr: Jack London kaufte sieben Farmen auf, um eine neue Gemeinde zu gründen.

(Foto: Eric Risberg/AP)

Inmitten der Weinberge Kaliforniens wollte der gefeierte Autor Jack London ein Utopia errichten. 100 Jahre nach seinem Tod können Besucher noch immer die Spuren besichtigen.

Die Filmaufnahmen zeigen einen scheinbar kerngesunden Mann: Wie er sein Pferd striegelt, wie er seiner Frau in den Sattel hilft, wie er die Schweine füttert und lachend mit einem Ferkel spielt, wie er zum Abschied fröhlich in die Kamera winkt. "Er hat nach außen immer einen sehr starken Eindruck gemacht", sagt die Touristenführerin Rita Barry. "Dabei war er ein kranker Mann." Sie geht vom Fernseher mit den alten Aufnahmen aus dem Jahr 1916 zwei Zimmer weiter zu einer Pritsche in einem kleinen, sonnendurchflutenden Vorbau. "Hier ist Jack London drei Tage später im Alter von 40 Jahren gestorben."

Sein größtes Projekt blieb unvollendet. Nicht etwa ein Roman, wie man es bei einem weltbekannten Autor vermuten würde, sondern eine riesige Farm, die ungefähr die Fläche des Tegernsees einnimmt. London nannte sie Beauty Ranch und lebte dort mehr als zehn Jahre lang. Heute heißt das Gebiet Jack London State Historic Park und ist eine der weniger bekannten Attraktionen in Kalifornien. Sie erinnert an den Schriftsteller London und seine Vision. In den vergangenen 100 Jahren hat sich hier nicht viel verändert. Das Wohnhaus mit Londons Sterbebett, seinem Arbeits- und Wohnzimmer steht wie damals inmitten des blühenden Gartens und der ausufernden Weinberge.

SZ-Karte

(Foto: SZ-Karte)

"Die Luft ist Wein. An den Hängen der welligen Hügel ist das Meer der Trauben mit flammender Herbströte übergossen. Seenebelfetzen stehlen sich über den Sonoma Mountain hinweg, und die Nachmittagssonne schwelt im schläfrigen Himmel." Diese Zeilen aus Londons autobiografischem Roman "John Barleycorn", in dem er ausführlich über sein problematisches Verhältnis zum Alkohol berichtet, könnten heute geschrieben worden sein. Londons Farm liegt im Sonoma Valley, das zusammen mit dem benachbarten Napa Valley zu den bekanntesten Weinbaugebieten in Nordamerika gehört. Nach San Francisco braucht man mit dem Auto etwa eine Stunde, immer Richtung Süden. Hier gedeihen Merlot und Cabernet Sauvignon, ganzjährig finden Touristentouren mit Weinprobe und Folklore statt.

Am kleinen Örtchen Glen Ellen und dem naheliegenden Park führen diese Fahrten allerdings vorbei. Selbst zum 100. Todesjahr Jack Londons ist hier nicht viel los, nur eine Handvoll Autos parkt vor dem Gedenkstein, der Londons Sterbetag trägt: 22. November 1916. Die Führerin Barry sagt, dass täglich im Schnitt 200 Menschen in den Park kommen, um auf fast 50 Kilometern Wanderwegen Londons Spuren zu folgen. Am heutigen Tag ist allerdings kaum jemand anderes zu sehen, man hat die Farm für sich alleine. "Es geht darum, zu zeigen, was Jack London hier gemacht hat", sagt die blonde, knapp 50-jährige Frau.

Was hat er also gemacht? London wollte hier sein persönliches Utopia errichten. Barry nennt ihn einen "socialist", so würde hier jeder europäische Linksliberale betitelt. Sie meint das positiv, für viele Amerikaner - gerade auf dem Land - ist es ein Schimpfwort. London setzte sich lebenslang für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl ein, für die Schwachen und Bedürftigen. "Er wollte einen besseren Ort schaffen", sagt Barry über das Projekt Beauty Ranch. "Er wollte, dass die Menschen hier geboren werden, leben und sterben", erklärt sie. Eine autarke Gemeinde sollte hier entstehen, mit Poststation, Schule und Arbeitsmöglichkeiten für alle Bewohner.

Auf der Beauty Ranch, einer Fläche so groß wie der Tegernsee, sollten lebensfrohe Arbeitsbedingungen herrschen.

(Foto: Julian Ignatowitsch)

Dazu kaufte London sieben bankrotte Farmen samt einem alten Weingut auf und legte sie zusammen. Er kultivierte den ausgelaugten Boden, düngte ihn mit dem Mist seiner Haus- und Nutztiere, staute einen See zur natürlichen Bewässerung, errichtete Ställe und Scheunen und terrassierte die Hänge. Ein nachhaltiger Landwirt in einer Zeit, in der vor allem die großen, kapitalistischen Unternehmen reüssierten. London beschäftigte seine Arbeiter zu fairen Bedingungen, teilte sich mit ihnen den Mittagstisch und manchmal auch die Freizeit. "Um 16.30 Uhr war Feierabend", sagt Barry und lacht. "Dann wurde geritten, geschwommen oder gewandert."