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Italien:Wandas Amore und Feinkost in Bologna

Im Musikvideo von Wanda ist der Laden "Ceccarelli" zu sehen. Dessen Besitzer wundert sich über die vielen jungen Menschen, die inzwischen zu ihm kommen. Ein Besuch.

Von Pia Ratzesberger

Zum Glück war es die Tante Ceccarelli, die sich in dieser Stadt dem Vergnügen hingab, die in Bologna Amore machte. Denn würde Michael Marco Fitzthum, der Sänger der Wiener Band Wanda, von einer anderen Dame singen, während er mit breitem Schritt durch die arkadengesäumten Straßen Bolognas flaniert, wäre einem Ladenbesitzer in dieser Stadt ziemlich viel entgangen. In einer engen Gasse, die sich von der Piazza Maggiore aus in die Altstadt gräbt, verlässt Amedeo Ceccarelli seinen Platz hinter der Kasse, tritt auf die Straße und steckt sich eine Zigarette an, ist ja schon zehn Uhr am Morgen. Er inhaliert tief. Ceccarelli, ja, das sei sein Name, er weiß nur zu gut, warum plötzlich so viele danach fragen.

Nur etwa zwei Sekunden weht der Schriftzug seines Ladens durch das Musikvideo des Gassenhauers "Bologna", doch das hat schon gereicht. Seit eineinhalb Jahren verzücken Wanda mit diesem Schlager das Publikum, zumindest nördlich der Alpen. In Italien blieb die Euphorie um den rotzigen Schlager unbemerkt, in Bologna kennt kaum einer dieses Lied, und es schert sich dort erst recht niemand um die Frage, ob die jungen Herren aus Wien mit ihren simplen Zeilen wie "Tante Ceccarelli hat einmal in Bologna Amore gemacht" nun geistlos oder doch genial sind. Erst recht Signore Ceccarelli nicht, warum auch, er versteht kaum, was die Wiener Jungs da von sich geben. Der alte Herr in Lederjacke mustert seine Auslagen, den gestapelten Parmesan, die gefalteten Tortellini, 24 Euro das Kilo. Hauptsache, die Wiener bringen Kundschaft in den Laden.

Ein salziger Geruch tränkt die Gasse, vorne am Eck reckt ein Händler seine neuesten Errungenschaften vom Fischmarkt in die Luft. Bologna strotzt nur so vor Feinkost, aber nirgends ist die Stadt so fett wie hier, in der Via Pescherie Vecchie. Die Schinkenkeulen in Ceccarellis Geschäft hängen in schweren Trauben von der Decke, gerade hat der Signore noch den Fleischeinkauf einer älteren Dame kassiert, die ihre Taschen nun über die Türschwelle hievt. Soll der Kollege drinnen nun eben übernehmen, selbstverständlich nimmt sich der Chef ein wenig Zeit - ist ja auch schön, dass immer noch so viele fragen nach seinem Laden, selbst viele Monate, nachdem Wanda zum ersten Mal ihr Loblied auf die Stadt in der Emilia-Romagna sangen.

"Du weißt schon, es geht wieder um dieses Musikvideo", ruft Ceccarelli freudig in den Laden hinein, er kneift die Augen zusammen. Sein Mitarbeiter aber schüttelt nur den Kopf und schlichtet weiter die eingeschweißten Wurststücke ins Regal, Mortadella di Bologna natürlich. Solche Nachfragen beeindrucken ihn nicht mehr, ist schließlich nichts Neues, dass immer wieder Fremde vor dem Laden herumstromern, die rote Markise abfotografieren, den Schriftzug "Ceccarelli". Vor allem junge Deutsche, junge Österreicher erkennen das Geschäft aus dem Musikvideo wieder, denn in ihren Ländern verharrte das Lied wochenlang in den Chartlisten. Mit dem Feinkostladen von Amedeo Ceccarelli schmücken die Reisenden ihre Online-Profile, prahlen auf Facebook, auf Instagram: Seht her, was ich im Urlaub entdeckt habe. Hashtag Wanda, Hashtag Amore.

Die Musikfans prahlen mit Fotos von dem Laden auf ihren Online-Profilen

Warum die Wiener Musikanten ausgerechnet Bologna rühmen, warum sie ausgerechnet von einer Tante Ceccarelli erzählen, das versteht Signore Ceccarelli, 64 Jahre alt, bis heute nicht so richtig. Er hebt die Schultern. Verwandt ist er mit dem österreichischen Sänger jedenfalls nicht, getroffen hat er ihn ohnehin noch nie. Der Frontmann von Wanda erzählte in einem Interview einmal, seine eigene Tante habe Ceccarelli geheißen, sei unglücklich in ihren Cousin verliebt gewesen und habe Michael Marco Fitzthum als Kind erste Instrumente geschenkt - deshalb habe er "Bologna" geschrieben.

Amedeo Ceccarelli reibt sich die Augen, ist ja letztendlich auch egal, ob die besungene Tante nun wirklich einmal in der Stadt gelebt hat. Denn was für die deutschsprachige Musikszene die Inkarnation des Rock'n'Roll ist, stellt für den schmächtigen Besitzer des Feinkostgeschäfts nichts anderes als Werbung dar. Ceccarelli nimmt noch einen Zug, amüsiert zieht er sein Handy aus der Lederjacke, ach, diese Österreicher: Entlang der Palazzi schlendert Fitzthum im Video durch die Straßen, mit aufgeknöpftem Hemd stößt er betont lässig seine Verse aus, grölt "Bologna, meine Stadt", immer und immer wieder. Gerade einmal einen Augenblick ist die rote Markise mit dem Namen des Ladens im Bild, doch immerhin haben sich schon mehr als fünf Millionen Menschen diese Markise angesehen. Definitiv mehr als Ceccarelli mit einer Anzeige im Lokalblatt je erreichen könnte.

Alle paar Tage kommt jemand in seinen Laden und erkundigt sich, ob dies das Geschäft sei, das man aus dem Internet kenne. Wahrscheinlich hätte sich Ceccarelli nach dem dritten oder vierten Besuch dieses Video sowieso einmal angesehen, doch schon bevor ihm die jungen Leute vor seinen Schaufenstern auffielen, sendete ein Bekannter ihm den Link zu dem österreichischen Schlager: "Schau mal, da sieht man deinen Laden." Woher der Bekannte das Lied gekannt habe? "Keine Ahnung", sagt Ceccarelli, "Österreicher ist er jedenfalls keiner."

Tante Ceccarelli hat Amedeo Ceccarellis Umsatz gesteigert. Wenn die Wanda-Sympathisanten in dem gedrungenen Raum stehen, mit den üppig befüllten Regalen, nehmen sie fast immer noch ein Präsent für die Zuhausegebliebenen mit. Auch, weil der Bologneser schon lange nicht mehr nur Fleisch und Wurst verkauft, wie früher einmal, als das Geschäft allein Metzgerei war. Als Ceccarelli hier sein erstes eigenes Geld verdiente, seinen ersten Arbeitstag erlebte hinter der Theke, noch als junger Kerl. Viele Jahre später tauschte er das Schild über der Eingangstür aus: Ceccarelli steht seitdem dort. Sein Laden, seine Stadt.

Der Signore legt den Kopf schräg und blickt die Straße hinab, die Bologneser hetzen an ihm vorbei, von Laden zu Laden. Er aber steht da voller Ruhe, steckt die Zigaretten in die Lederjacke, tritt zurück in sein Geschäft. Der schmächtige Mann wirkt wie jemand, der nicht viel zu bereuen hat in seinem Leben, der immer noch zufrieden ist, hier hinter der Kasse, nach mehr als 40 Jahren. In ein paar Stunden wird er an seine Mitarbeiter übergeben, schließlich hat er heute Morgen schon den Laden aufgesperrt, zu einer Zeit, als die Dunkelheit noch die Stadt verschluckte. Dann laden die ersten Großkunden die bestellte Ware in ihre Fahrzeuge. Einer seiner Mitarbeiter ist Ceccarelli junior, sein Sohn, Mitte zwanzig, der kennt Wanda nun auch. In zwei, drei Jahren wird der Junior alleine die Geschäfte führen. Die rote Markise aber, das Schild über der Tür, das alles wird bleiben: Ceccarelli. Ihre Stadt.

© SZ vom 30.06.2016/ihe

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