Italien:"Man hatte uns nicht weniger als die Rettung Venedigs versprochen"

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Man ist hier in einer Zwischenwelt. Zwanzig Minuten braucht das Vaporetto, der Wasserbus, nach Venedig. Auf Sant'Erasmo indes gibt es einen Lebensmittelladen, eine Kirche, eine Bar. "Wir müssen unsere Häuser nicht zusperren. Wir kennen uns alle", sagt Pamela Pedron, die auf der Insel aufgewachsen ist und auf dem Weingut arbeitet, das so heißt, wie die Insel wirkt: Orto, Gemüsegarten. Den Garten mit seinen Pfirsich- und Feigenbäumen, den Reben, dem Spargel, den Tomaten zu erhalten, ist allerdings ein ständiger Kampf. Land, auf dem nichts angepflanzt wird, ist sofort von Schilf bedeckt.

Die Fischer von Sant'Erasmo, sie sind meist zugleich Jäger. Für die Vogeljagd bauen sie im seichten Wasser einen Sichtschutz aus Schilf, Coegia genannt. Manche Fischer setzen zudem Lockvögel aus Plastik ein. Wer an einem Wochenende in der Lagune unterwegs ist, wundert sich, dass hier überhaupt noch etwas kreucht und schwimmt und fliegt. Weil ja nicht nur die professionellen Fischer die Lagune bewirtschaften, so gut wie jeder Venezianer scheint sich zu bedienen. Vor jeder Insel ankern Boote, von denen aus zwei, drei Angelruten ins Wasser führen. Und wo das Meer Sandbänke freigibt, bohren Menschen ihre Finger in den Schlick. Was sie finden, einheimische Herzmuscheln oder die größere, eingeschleppte Philippinische Venusmuschel, landet auf dem Teller.

"Das Meer hier ist unglaublich nährstoffreich", sagt Paolo Bubacco, der Präsident der Fischervereinigung der Insel Sant'Erasmo. Jede Flut spült frisches Wasser in die Lagune, jede Ebbe zieht den Dreck der Stadt hinaus aufs offene Meer. Zumindest war es bislang so.

Seit 2003 wird in der Lagune an einem Sperrwerk gearbeitet, das Venedig vor Acqua Alta, der gefürchteten Sturmflut schützen soll. Ein gewaltiges Unterfangen, allein die Kosten für den Bau werden auf bis zu sechs Milliarden Euro geschätzt. Mose heißt das Projekt, eine Abkürzung für Modulo Sperimentale Elettromeccanico. Falls ein Hochwasser droht, sollen bewegliche Klappen, die in Schächten am Meeresboden liegen, herausgefahren werden und verhindern, dass Wasser in die Stadt drückt.

Die meisten Venezianer sind nicht gut auf das Projekt zu sprechen, das einen Bürgermeister bereits das Amt gekostet hat. "Man hatte uns nicht weniger als die Rettung Venedigs versprochen", sagt Paolo Bubacco, der Fischer. "Was willst du dagegen einwenden." Doch die Kosten explodieren. "Und keiner weiß, ob das Werk jemals funktioniert." Nun sei das Geld gebunden, das für den Erhalt der Wasserwegweiser gebraucht würde, ärgert sich Bubacco. Er lässt aber auch nicht unerwähnt, dass die Lagune von dem Projekt profitiert hat. Vielerorts wurden Sickergruben durch Kläranlagen ersetzt.

So sauber wie jetzt sei das Wasser schon lange nicht mehr gewesen, sagt Adriano Sfriso, Professor für Ökologie an der Universität von Venedig. Kein Vergleich mit den Jahren zwischen 1960 und 1990, als die Fischer auf der Suche nach Muscheln den Sand mit gewaltigen Rechen durchpflügten und so die Bodenstruktur zerstörten. Und als zudem noch aus den Anlagen in Marghera unkontrolliert Abwässer eingeleitet wurden. Die Zeiten sind vorbei - und Paolo Bubacco hat neue Sorgen. Am Porto di Lido, einer Öffnung der Lagune zum Meer, wurde für das Mose-Projekt eigens eine Insel aufgeschüttet.

Man ist zwar vertraut hier mit solchen Mammut-Projekten: Schon vor Jahrhunderten wurden die Flüsse Brenta, Piave und Sile umgeleitet, die zu viel Schlamm, Sand und Süßwasser in die Lagune trugen. Die neue Insel aber, sie steht wie ein Bollwerk inmitten des so wichtigen Zuflusses. Schon jetzt merken die Fischer, dass sich die Wasserbeschaffenheit in der Lagune verändert. "Es wird salziger", sagt Bubacco. Dass dem so ist, bestätigt auch Sfriso. Er führt die Zunahme des Salzgehalts allerdings auf eine über Jahrzehnte andauernde Entwicklung zurück, verursacht unter anderem durch das immer tiefere Ausheben der Kanäle.

Dass das Wasser salziger wird, hat Auswirkungen auf den Fischbestand. Der Wolfsbarsch, der bislang in der Lagune stark verbreitet war, werde seltener, sagen die Fischer - dafür fühlen sich Goldbrassen wohler. Den Europäischen Wels, ein großer Jäger, der eigentlich im Süßwasser beheimatet ist, sehen sie immer weniger. Dafür werde eine silberfarbene Muschel, Pinna Pectinata, vermehrt gefunden. "Und wir dachten schon, es gibt sie in der Lagune nicht mehr", sagt Bubacco. Sie ist hübsch, wird bis zu zwei Meter groß. "Nur leider schmeckt sie nicht besonders." Ein Umstand wiederum, der ihr hier das Überleben sichern könnte.

Reiseinformationen

Übernachtung: Il Lato Azzuro, Sant'Erasmo, Doppelzimmer mit Frühstück 80 Euro, bei HP zusätzlich 25 Euro pro Person; www.latoazzurro.it

Reisearrangement: Kajak-Touren durch Stadt und Lagune von Venedig (4 Tage) bieten die Adria- und Lagunenspezialisten von genusspaddeln.at. Auf dem Programm stehen Tagestouren in Venedig und in der Lagune, je nach Bedingungen zu den Inseln Murano, Burano, Torcello, Le Vignole, Sant'Erasmo oder Lido. Preis: 380 Euro pro Person für Ausrüstung und revierkundige Führung. Anreise, Übernachtung und Verpflegung kosten extra. Kontakt: office@genusspaddeln.at, Tel.: 0043 / 664 32 65 65 3, www.genusspaddeln.at

Weitere Auskünfte: www.venice-tourism.com

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