Italien:Weil es so windig ist, müssen die Winzer weniger spritzen

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Unterdessen kommt in einem Fiat Panda sein Sohn Andrej Bole angefahren, steigt aus und schimpft: "Die Bürokratie ist furchtbar!" Den Weinbauern werde es hier viel schwerer gemacht als etwa in Slowenien. Auf einem guten Teil ihrer dreieinhalb Hektar bauen die Boles Malvasia, Vitovska und Glera an, autochthone Weißweintrauben, die als Cuvée den Prosekar ergeben. Er verkauft ihn als hochwertigen trockenen Wein sowie als Schaumwein: "Prosekar Piščanci Brut". Zwölf Euro kostet die Flasche, aber das sei auch gerechtfertigt, findet Bole: "Unser Prosekar ist hochwertiger als der Prosecco aus Venetien. Schon allein deshalb, weil wir wegen des kargen Karstbodens nur ein Drittel der Menge pro Weinstock ernten - im Vergleich zum Valdobbiadene."

Wie überdimensionale Schuhschachteln stapeln sich die Weinterrassen rund um den Bauernhof übereinander: Die meisten sind viel zu schmal, um mit einem Traktor bewirtschaftet zu werden. Dank flacher, in die Trockenmauern eingefügter Steine gelangt man von einer Terrasse zur anderen. An Drahtgestellen ranken die verholzten Rebtriebe. Andrej hat sie mit eisernen Klammern am Draht befestigt. Das sei notwendig wegen der Bora, des kalten, aus dem Norden wehenden Fallwinds, erklärt er. "Die Bewohner Triests dürfen keine Blumenvasen auf das Fensterbrett stellen - die Bora würde sie Passanten auf den Kopf hauen." Für ihn als Winzer bringe die Bora auch Vorteile, sagt Bole: Der Wind halte die Feuchtigkeit von den Reben fern und mache sie weniger anfällig für Pilzkrankheiten. "Wir müssen hier deshalb nur halb so viel spritzen wie die in Venetien."

Die Malvasia ist eine von drei Traubensorten, aus denen der Prosecco produziert wird.

Die Malvasia ist eine von drei Traubensorten, aus denen der Prosecco produziert wird.

(Foto: imago/robertharding)

Zurück in Prosecco, startet am südlichen Ortsrand Katrin Stoka, die Cousine von Prosekar-Präsident Alessio Stoka, mit einer Gruppe zur "Prosecco-Tour". Das Gesicht der Winzerin ist von einem Schal und einer tief herabgezogenen Wollmütze bedeckt. Inzwischen zeigt nämlich die Bora, was sie drauf hat. Sie rüttelt an Bäumen und Laternenmasten. Über den Himmel jagen dunkle Wolkenfetzen. "Solche Wetterumschwünge sind hier normal", erklärt Stoka. Zuerst geht es durch einen Kiefernwald. Dann einen schmalen Pfad entlang, der über verwinkelte Treppen bergabführt. Hinter der Geländekante lässt der Wind plötzlich nach. Zwei Bussarde kreisen über den senkrechten Kalkfelsen. Tief unten ragt auf einer Klippe das mit weißen Zinnen geschmückte Schloss Miramare vor dem Meer empor.

"Wir stehen hier an der Wiege des Prosekars. Für uns ist es, als lagere im Boden ein Goldschatz, den wir nicht heben können", sagt Stoka. Der Grund: Trotz aller Politikerversprechen fehlten noch immer die Voraussetzungen für eine moderne Bewirtschaftung. Wie natürliche Geländestufen breiten sich die Weinterrassen links und rechts der Treppen aus, einige sind halb verwildert. "Im Sommer gehen wir hier zum Baden in die Meeresbucht hinunter", erzählt Stoka.

Im Sommer geht man durch die steilen Weinberge runter ans Meer zum Baden

Die Tour endet in Katrins Stokas Weinkeller, der mitten in einem Weinberg mit Meerblick in den Karst gebaut wurde. Im steingemauerten Raum sind ein Dutzend Holz- und Stahlfässer aufgereiht, es riecht nach verschüttetem Wein und feuchter Erde. Katrins Vater Sergio hat Salami und Käse aufgeschnitten. An einem zum Tisch umfunktionierten Fass wird nun beides gegessen, außerdem gibt es Frittelle, mit Sardellen gefüllte Krapfen.

Passt alles gut zum Wein, den die Winzerin ausschenkt. Ihr Prosekar ist ein Stillwein. Je nach Anteil der Glera-, Vitovska- oder Malvasiatraube schmeckt er anders: mal fruchtig und aromatisch, mal eher herb und beinahe salzig. Garniert wird die Verkostung vom blutigen Kopf eines Wildschweins, Sergio Stoka hat es vor zwei Tagen erlegt, weil die Tiere seine Trauben fressen. Der Tochter ist die Trophäe ein bisschen peinlich. Aber auch sie ist Jägerin. "Wird ein guter Braten", sagt sie. Als die Gäste im Dunkeln durch die Weinberge heimgehen, werfen die Hafenlichter von Triest und die Tankschiffe bunte Flecken auf die Adria. Die Bora hat Regen gebracht. Die Rebstöcke, findet Stoka, könnten die Feuchtigkeit gut gebrauchen.

Reiseinformationen

Anreise: Mit der Bahn oder dem Auto nach Triest, Prosecco/Prosek ist ein Vorort von Triest.

Unterkunft: Agriturismo Colja Jozko in Sgonico, Übernachtung im Einzelzimmer mit Frühstück 48 Euro, Tel.: 0039/ 040 22 93 26 (es gibt eine Osmiza im Haus, also einen Buschenschank, der aber nur zu bestimmten Zeiten geöffnet hat). Hotel Center im Karstdorf Basovizza, ÜN mit Frühstück im Doppelzimmer für zwei Personen 75 Euro, www.centerhotel.it

Prosekar: Auskünfte zum Thema Wein beim Verein Prosekar: www.prosekar.it, info@prosekar.it, Tel.: 0039/347/625 97 71

Geführte Touren: www.proseccoescapes.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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