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Piemont:Ein Meer aus Reisfeldern

In Sichtweite des Monte Rosa liegt Europas größtes Reisanbaugebiet. Die Arbeit war einst ein Knochenjob. Heute machen Firmen aus den Überbleibseln nachhaltige Produkte wie Wandfarben.

Von Francesca Polistina

Der Film "Bitterer Reis" gilt als berühmtes Werk des italienischen Neorealismus. Er erzählt die Geschichte des Diebes Walter und seiner Geliebten Francesca. Letztere will untertauchen und schließt sich deshalb den Scharen der Erntehelferinnen in der Po-Ebene an und solidarisiert sich mit ihnen. In den Fünfzigerjahren machte der Film wegen der nackten Beine der Hauptdarstellerin Silvana Mangano Furore, heute ist er vor allem bekannt, weil er ein beliebtes Motiv der norditalienischen Volkskultur auf den Bildschirm überträgt: das Motiv der sogenannten "Mondine", jener saisonalen Arbeiterinnen, die Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Reisfeldern des Piemont und der Lombardei arbeiteten.

Das Wort "mondare" bedeutet etwa "putzen", und tatsächlich bestand die Aufgabe dieser Frauen darin, den Reis zu säen und ihn dann vom Unkraut zu befreien, während sich die Männer um die Heuernte kümmerten. Mit der späteren Romantisierung dieser Arbeit hatte die Realität auf den Feldern wenig zu tun: Tagelang standen die Mondine mit den Füßen im Wasser, sie hatten den Rücken gebeugt, ein Tuch vor dem Mund gegen die Insekten, einen runden Strohhut auf dem Kopf gegen die pralle Sonne. Für ihre Rechte und bessere Arbeitsbedingungen kämpften sie hart, wie eine Reihe von Volksliedern beweist. Ein Titel lautet etwa: "Wenn acht Stunden euch kurz erscheinen." Mittlerweile haben Spritzmittel und Traktoren die Saisonarbeiterinnen ersetzt, die Reisfelder und die Mücken aber bleiben.

Nach Norditalien gelangte der Reis über Umwege. Aus China, wo die Pflanze Oryza sativa heimisch ist, ging es zunächst in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Die Araber brachten den Reis nach Sizilien, wo er in der örtlichen Küche Spuren hinterließ (man denke an die Arancini, gefüllte und frittierte Reisbällchen, die immer noch in großen Mengen verzehrt werden), und weiter nach Spanien, wo die Paella zum Nationalgericht wurde. Von Katalonien nach Frankreich ist es schlicht ein Katzensprung, und von Frankreich nach Norditalien muss man nur die Alpen überqueren.

In der Po-Ebene herrschen perfekte Bedingungen: Es ist sumpfig und flach

In die Po-Ebene kam der Reis wahrscheinlich im 13. oder 14. Jahrhundert, dort fand er ein perfektes Umfeld, das aus sumpfigen Gebieten und flachen Feldern bestand. Der Reis, der an sich keine Wasserpflanze ist, passte sich schnell an die neue Gegend an. Und natürlich an den lokalen Geschmack: Denn anders als in Asien, wo er häufig als Beilage oder als eine Art Brot dient, wird Reis in Italien als Einzelgericht serviert.

Reisfelder in der Umgebung von Cassolnovo in Lombardei, Italien.

(Foto: mauritius images/AGF)

"Ursprünglich wurde der Reis in Italien als eine Art Suppe mit saisonalen Gemüsen zubereitet. Mit der Zeit wurde das Gericht trockener, und so entstand der Risotto", sagt der italienische Reis-Experte Massimo Biloni, der mit seinem Kleinunternehmen Acqua Verde Riso auch Reis-Sommelierkurse anbietet. Kurse, die mit wachsendem Interesse nachgefragt werden, wie er am Telefon erzählt, denn schließlich habe die ständige Präsenz von Köchen und Köchinnen im Fernsehen auch einen positiven Effekt.

Die Hälfte der europäischen Reisproduktion kommt aus Italien. Und fast alles davon aus dem Dreieck Novara, Vercelli und Pavia, etwa 50 Kilometer westlich von Mailand. Die Gegend gilt als größtes Reisanbaugebiet Europas, hier werden nicht nur typische italienische Risotto-Reissorten wie Arborio und Carnaroli angebaut, die aus einer Kreuzung entstanden und durch große und lange Körner gekennzeichnet sind, sondern auch Variationen, die als typisch asiatisch gelten, etwa die Indica oder Japonica. Etwa 4000 Unternehmen sind in der Branche tätig, sie sind durchschnittlich größer als die anderen Getreideunternehmen und exportorientiert. Zwei Drittel der italienischen Produktion landen im Ausland. Die Firmen stellen nicht nur einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Gegend dar, sie haben auch die Landschaft geprägt. Eine Landschaft, die manche Touristen in Italien nicht erwarten würden - insbesondere im Frühjahr und Sommer, wenn die Felder durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem geflutet werden.

Fährt man zu dieser Zeit mit dem Auto oder mit dem Zug durch das Gebiet, sieht man rundherum vor allem rechteckige, riesige Reisfelder, die unter Wasser stehen, den Himmel spiegeln und nicht zufällig als "kariertes Meer" bezeichnet werden. Je nach Wachstumsstand der Pflanze färben sich dann die Felder gelb bis grün, drei Wochen vor der Ernte im September werden sie trockengelegt und der Reis mit Mähtraktoren geerntet.

Die Straßen in der Po-Ebene verlaufen kilometerlang komplett gerade, zwischen einem Feld und dem nächsten fließen kleine Kanäle oder Wildbäche und stehen häufig Pappelreihen. Am Horizont erhebt sich an den klaren Tagen die Alpenkette mit dem Gletscher des Monte Rosa, mit seinen 4634 Metern der zweithöchste Berg der Alpen. Immer wieder fährt man an vereinzelten Landwirtschaftsbetrieben vorbei: Sie werden hier "Cascine" genannt und sind manchmal so groß, dass sie an kleine Dörfer erinnern, mit eigener Kirche und Friedhof. Bis in die Sechzigerjahre wohnten hier Dutzende, zum Teil Hunderte Arbeiterinnen, heute ruhen Traktoren mit GPS-Steuerung vor den Gebäuden, weil die Orientierung im Wasser, ohne sichtbare Bezugspunkte, besonders schwierig ist.

Bei klarem Wetter spiegeln sich hinter den Pappelalleen auch die Berge in den Reisfeldern. Früher erledigten Frauen die mühevolle Pflegearbeit.

(Foto: Riccardo Manc/mauritius images)

Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass es Italien mit seinen 1,5 Millionen Tonnen Reis nicht einmal in die Weltrangliste der Top 30 schafft. Verglichen mit den 210 Millionen Tonnen, die jedes Jahr in China produziert werden, oder mit den 160 Millionen, die aus Indien kommen, ist das Ergebnis also recht bescheiden - und der Druck aus Asien ist groß, wie der Landwirtschaftsverband Coldiretti mehrmals hervorgehoben hat. Dennoch bleibt der Reisanbau eine wichtige Tradition, für die Landwirte, aber auch für die lokalen Start-ups.

So wie im Fall von Ricehouse. Das Unternehmen, vor vier Jahren bei Biella gegründet, verwandelt Abfälle aus der Reisproduktion in Materialien für nachhaltiges Bauen. Die Gründerin und Architektin Tiziana Monterisi experimentiert schon lange mit natürlichen Werkstoffen, die Idee, mit Reisabfällen zu arbeiten, kam ihr schlicht aus der Beobachtung. "Ich sah, wie im Herbst Produktionsreste wie Reisstroh oder -schalen verbrannt wurden, so begann ich, mich dafür zu interessieren und zu forschen", erzählt sie am Telefon.

Das Unternehmen bietet Produkte wie Wandfarben und Isolierplatten an, sie sind vor allem für den Wohnungsbau gefragt, werden aber mittlerweile auch beim Bau von Schulen und anderen Gebäuden eingesetzt. Für die Umwelt besteht der Vorteil darin, dass solche Abfälle durch die Reisernte sowieso jedes Jahr anfallen, anders zum Beispiel als bei der Holzproduktion. So müssen sie nicht verbrannt werden.

Bislang gebe es noch sehr wenig Firmen, die mit vergleichbaren Technologien arbeiten, sagt Monterisi, aber das Potenzial sei groß. Und die Idee übertragbar auf andere Bereiche, etwa die Modebranche. "Es ist noch ein langer Weg", sagt die Unternehmerin. Tausend Jahre Geschichte zwischen Ost und West hat der Reis hinter sich, und sie ist noch nicht zu Ende.

© SZ vom 04.02.2021
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