Interview "Bergsteiger nehmen den Klimawandel am stärksten wahr"

Auch der Gletscher am Großvenediger wird von Jahr zu Jahr kleiner.

(Foto: Daniel Hofer)

Gletscher schmelzen, Wege werden verschüttet: Die warmen Temperaturen verändern die Alpen. Das setzt Bergsteiger neuen Risiken aus, sagt Tobias Hipp vom Deutschen Alpenverein. Doch sind sie nicht selbst Teil des Problems?

Interview von Eva Dignös

Einen so stabilen Bergsommer gab es selten, ein sonniger Herbst würde das Wandererglück perfekt machen. Doch es gibt auch Schattenseiten im klimasensiblen Alpenraum. Tobias Hipp, Geowissenschaftler beim Deutschen Alpenverein, erläutert, welche Spuren Wanderer und Bergsteiger auf ihren Touren hinterlassen und warum sie dem Boden unter ihren Füßen nicht mehr trauen können.

SZ: Herr Hipp, beim Thema Klimawandel denken viele zuerst an steigende Meeresspiegel. Müssen sich Wanderer und Bergsteiger hoch oben auf dem Gipfel überhaupt damit auseinandersetzen?

Tobias Hipp: Ja, denn die Alpen verändern sich momentan sehr stark, vor allem durch steigende Temperaturen. Es geht hier nicht um einen einzelnen heißen Sommer, sondern um den langfristigen Trend. In den Alpen liegen wir im Schnitt bereits zwei Grad über den Temperaturen des vorindustriellen Zeitalters und damit deutlich über dem globalen Durchschnitt.

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Warum wird es ausgerechnet in den Bergen wärmer?

Die Alpen sind exponiert, sie ragen weit in die Atmosphäre hinein. Viele Hänge wirken wie gekippte Dächer, die von der Sonne intensiv angestrahlt werden. Die Berge sind dadurch ein Körper, der sich schneller erwärmt.

Mit welchen Folgen?

Der offensichtlichste Klimazeiger im Alpenraum sind die Gletscher. Dort sehen wir jetzt schon deutliche Auswirkungen, weil die Gletscherzungen zurückgehen. Das wird künftig Konsequenzen für die Wasserversorgung haben. Die Gletscher sind derzeit im Sommer noch Wasserspeicher: Das Schmelzwasser ergänzt geringe Niederschläge in den Gebirgsflüssen und sorgt für ausgeglichene Pegelstände. Wir bekommen dann Wasser von den Gletschern, wenn wir es am dringendsten brauchen. Je mehr die Gletscher schrumpfen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in Hitzesommern zu Wasserknappheit kommen kann.

Auch beim Permafrost beobachten wir Veränderungen, also in den Bereichen im Fels oder im Schutt, deren Temperatur auch im Sommer unter null Grad liegt. An Nordhängen ist das bei etwa 2600 Meter der Fall, an Südhängen bei etwa 3200 Meter. Durch die Erwärmung taut der Permafrost im Sommer nicht mehr nur oberflächlich, sondern auch in tieferen Schichten auf. Da wird es für Bergsteiger gefährlich.

Weshalb?

Die aufgetauten Berghänge können instabil werden. Die Folgen sind Steinschlag, Felsstürze und größere Murenabgänge. Auch starke Temperaturschwankungen, wie in diesem Jahr mit Kälte im Winter und einem heißen Sommer, fördern die Verwitterung. In vielen Bereichen der Alpen wurden größere Felsstürze beobachtet.

Aber müssen sich Bergsteiger nicht immer auf solche Risiken einstellen?

Natürlich. Aber wenn sie nicht mehr erkennen können, ob der Boden, der bisher immer gefroren war, noch stabil ist oder wegrutschen könnte, birgt das zusätzliche Gefahren. Oder wenn Täler nicht mehr überquert werden können, weil die Gletscherzunge weg ist. Viele klassische Touren sind im Sommer nicht mehr machbar, beispielsweise in Nordflanken, die früher ganz aus Eis waren. Dort besteht mittlerweile ein immens höheres Steinschlagrisiko. Das betrifft auch große bekannte Berge wie das Matterhorn oder den Mont Blanc. Bergsteiger sind diejenigen, die den Klimawandel derzeit wohl am stärksten wahrnehmen: Das eigene Risiko steigt, Natur und Landschaft der Alpen verändern sich.

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In den meisten bayerischen Skigebieten werden die Pisten künstlich beschneit. Das erweckt den Eindruck, alles sei noch in Ordnung, schließlich kann man ja Ski fahren. Verschleiert man auf diese Weise nicht das wahre Ausmaß der Klimaveränderungen?

Man zögert es hinaus. Es gibt viele Studien, die belegen, dass die natürliche Schneedecke abnimmt und wir in mittleren und niedrigen Bereichen gerade in den bayerischen Alpen damit rechnen müssen, dass die Schneemächtigkeit bis Ende des Jahrhunderts um 50 bis 80 Prozent abnehmen wird. Derzeit können die Skigebiete noch innerhalb von zwei bis drei kalten Nächten beschneit werden, immer verbunden mit dem Risiko, dass nach einem Wärmeeinbruch der mit viel Energieaufwand erzeugte Kunstschnee wieder schmilzt. Aber das Beschneien ist keine zielführende Maßnahme für die Zukunft. Wir plädieren dafür, stattdessen in Formen des sanften Tourismus zu investieren.

Wie reagieren die Orte auf solche Appelle? Sie leben ja größtenteils vom Tourismus.

Ein Problem ist, dass sich die Saison in Richtung Frühjahr verlagert, weil der Schnee später fällt. Nach wie vor ist aber Weihnachten die wichtigste Einnahmezeit für Skitourismus. In Gemeinden wie Garmisch oder Oberstdorf, die sehr stark davon abhängig sind, ist die Maßgabe deshalb weiterhin der Ausbau der Skigebiete. Kleinere Gemeinden haben aber schon erkannt, dass sie diversifizieren müssen, dass sie nicht mehr nur auf Winter und Sommer setzen dürfen, sondern ein breiteres Angebot haben sollten.

Manche Orte setzen dabei auf ziemlich spektakuläre Angebote, Aussichtsplattformen im Hochgebirge zum Beispiel, Riesenschaukeln oder kilometerlange Flying-Fox-Bahnen. Ist das in einer so klimasensiblen Region wie den Alpen das richtige Signal? Kommen dann nicht mehr Menschen als die Natur verträgt?

Grundsätzlich ist es eine positive Entwicklung, wenn mehr Leute in die Natur gehen, statt in die Karibik zu fliegen. Aber das darf nicht zu Erlebnisinstallationen auf jedem Gipfel führen. Wir beobachten tatsächlich einen wachsenden Druck auf die Berge als Freizeit- und Urlaubsdestination. Dabei sehen wir im DAV aber auch die Verantwortung, zu schauen, inwieweit eine Lenkung der Bergsportler erforderlich ist, um Nutzungskonflikte zu vermeiden. Das tun wir bereits im Winter im Bereich Ski- und Schneeschuhtouren: Im Projekt "Natürlich auf Tour" weisen wir in Abstimmung mit lokalen Vertretern "Wald-Wild-Schongebiete" aus, die auf unseren Karten verzeichnet und mit dem Appell verbunden sind, diese Räume nicht zu befahren. Ein weiteres Dauerthema sind die Auswirkungen der Anreise zum Bergsport mit dem Auto: Als Bergsportler sind wir mit verantwortlich für die Emission von Treibhausgasen und für das Verkehrschaos in bestimmten Alpenregionen an Wochenenden.

Also mit der Bahn zum Berg statt mit dem Auto. Vielen Wanderern ist das zu mühsam.

Ich glaube, dass Bergsteiger grundsätzlich sehr sensibel für den Klimaschutz sind, aber ein Thema ist sicher die Anreise. Man könnte sich - neben der Anfahrt mit der Bahn - beispielsweise überlegen, ob es immer Tagesausflüge sein müssen oder vielleicht doch einmal eine mehrtägige Tour, bei der die Fahrt nur einmal anfällt. Auch mit dem Mountainbike gibt es viele Möglichkeiten, ohne Auto anzureisen.

Können Wanderer und Bergsteiger noch mehr tun, um die Alpen zu bewahren?

Sie können zum Beispiel stärker berücksichtigen, welche Aktivitäten gerade Saison haben, und die Hobbys an die Veränderungen durch den Klimawandel anpassen. Muss ich wirklich im November, wenn noch gar kein Schnee gefallen ist, schon auf die Ski? Und 300 Kilometer weit ins Zillertal, um auf einem Gletscher zu fahren, auf dem vielleicht drei Lifte offen sind und die Pisten mit hohem Energieaufwand beschneit wurden? Warum gehe ich nicht stattdessen einfach wandern? Mit der Wahl der passenden Aktivität kann ich als einzelner Bergsportler einen großen Beitrag zum Klimaschutz und einer nachhaltigen Entwicklung im Alpenraum beitragen. Und natürlich gilt: Wir müssen den Bergen und der Natur Respekt erweisen, wir sind nur zu Gast. Wir haben mittlerweile auch in den Bergen ein großes Problem mit Plastikmüll und einen hohen Druck auf sensible Bereiche wie Brutgebiete. Hier Rücksicht zu nehmen, wäre eine Sache, die jeder leisten kann, um die Alpen attraktiv zu halten. Wir müssen lokal handeln, damit es global Auswirkungen hat.

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