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Serie "Reisen ohne Flug":"Du spürst tatsächlich, dass du reist"

Von links: Venise Cornet aus Frankreich, Frauke Breekelmans aus Belgien, Krzysztof Hirak aus Polen und Svenja Maier aus Deutschland.

(Foto: privat)

Zurzeit verschenkt die EU wieder Interrail-Pässe an junge Europäer. Vier davon erzählen, was das Abenteuer mit der Bahn für sie bedeutet.

Es gibt "Fridays for Future" und Klimastreiks, und es gibt Zahlen, die etwas anderes erzählen: Demnach fliegen ausgerechnet junge Menschen im Schnitt besonders viel. Und es gibt ein Projekt, das eine andere Art der Reise fördert: "DiscoverEU". Seit 2018 verschenkt die EU-Kommission regelmäßig Zehntausende Tickets, die zu bestimmten Konditionen Reisen quer über den Kontinent erlauben - und zwar mit der Bahn. Die aktuelle Frist läuft bis zum 28. November, Bewerber in dieser Runde müssen im Jahr 2001 geboren und EU-Bürger sein. Gewinner dürfen dann gratis zwischen 1. April und 31. Oktober 2020 bis zu 30 Tage mit dem Travel-Pass reisen, allein oder mit bis zu vier Freunden, wenn diese ebenfalls die Voraussetzungen erfüllen. Mit einer geschenkten Reise ist das freilich nicht zu verwechseln: Bestimmte Sitzplatzreservierungen, Übernachtungen, Essen und Trinken sowie Eintrittsgelder und was unterwegs sonst noch Geld kostet, müssen auch die Gewinner selbst bezahlen.

Der EU-Kommission zufolge gab es bislang aus allen teilnehmenden Ländern jedes Mal mehr Bewerber als Plätze, genau gesagt 275 000 Interessenten für etwa 50 000 tatsächlich vergebene Tickets. Am eifrigsten bewarben sich junge Italiener (fast 46 000) sowie Deutsche (etwa 43 000), gefolgt von Franzosen, Spaniern und Polen. Diesmal, es ist die mittlerweile vierte Runde, sind 20 000 Travel-Pässe ausgeschrieben.

Erklärtes Ziel der Initiative ist, bei Jugendlichen Begeisterung für Europa zu wecken und zu fördern. Bahnfahren ist aber als praktisches, sicheres und umweltfreundliches Verkehrsmittel das Mittel der Wahl. Nur in Ausnahmefällen dürfen Strecken per Fähre, Bus oder sogar Flugzeug zurückgelegt werden. Dass über Interrail und DiscoverEU tatsächlich eine internationale Reisecommunity entstanden ist, zeigt sich zum Beispiel am lebhaften Austausch in öffentlichen Facebook-Gruppen wie #DiscoverEU Official. Wie kommen junge Europäerinnen und Europäer zu den Tickets, was versprechen sie sich von ihrer Reise und wie denken sie hinterher über Bahnfahren und Fliegen? Hier teilen vier von ihnen mit uns ihre Reisegeschichte.

Venise Cornet, 18, studiert in Frankreich Jura:

"Ich habe das Ticket zusammen mit meiner Zwillingsschwester gewonnen. Wir sind damit in diesem August nach England, Belgien, Deutschland und Tschechien gefahren, die meiste Zeit gemeinsam; am Ende war ich mit einer Freundin unterwegs. Vorher bin ich immer mit meiner Familie oder der Schule verreist, auch schon in die USA, nach Kanada und Thailand. Innerhalb Europas bin ich aber noch nie geflogen. Mit meinen Eltern waren wir früher oft mit dem Auto oder dem Zug in Spanien. Ich mag Bahnfahren eh lieber. Oft ist es sogar billiger, weil es gerade für junge Leute viele Sparangebote gibt. Ich finde, zu viele Leute machen sich zu viele Sorgen, was das Zugfahren angeht. Dabei ist es viel einfacher als Fliegen, ohne Sicherheitskontrollen und all das. Und die Stimmung ist besonders. Man erlebt die Landschaft, man trifft viele Menschen, ich mag dieses Gemeinschaftsgefühl. Im Flugzeug kann man die anderen nicht einmal richtig sehen, wegen der Art, wie die Sitze eingebaut sind. Da geht es nur um einen selbst und dass man irgendwie ans Ziel kommt. Während meiner Interrail-Tour habe ich dagegen so viele Leute kennengelernt, wir haben während der langen Fahrten unsere Geschichten und Fotos geteilt. Zurück daheim dachte ich zuerst, meine Reise sei vorbei, aber das stimmt gar nicht: Viele Discover-EU-Traveler kommen nach Paris und freuen sich, wenn eine Einheimische sie durch die Stadt führt. So lerne ich auch viel über ihre Länder, in denen ich selbst noch nicht war. Inzwischen freue ich mich schon auf meine nächste Reise: Kommenden Sommer kaufe ich mir das Interrail-Ticket selbst und fahre mit ein paar Leuten los, die ich diesmal bei meiner Reise kennengelernt habe: Wahrscheinlich geht es Richtung Italien, Griechenland und die Balkanländer."

Serie "Reisen ohne Flug"

Statt voller Flugscham um nicht gemachte Fernreisen zu trauern, stellt die SZ in dieser Serie Alternativen vor. Die Artikel erscheinen in loser Folge auf sz.de/reise sowie im Reiseteil in der Süddeutschen Zeitung, alle veröffentlichten Beiträge finden Sie hier auf der Themenseite.

Frauke Breekelmans, 19, macht in Belgien eine Ausbildung zur Pflegerin:

"Eine Freundin hat die Verlosung entdeckt, und da habe ich mitgemacht, man weiß ja nie! Als meine Zusage kam, hieß es leider gleichzeitig, dass meine Freundin selbst drei Tage zu alt sei. Also bin ich allein aufgebrochen. Ich war schon nervös, aber warum nicht? Es ging dann nach Budapest, Prag, Kopenhagen, Stockholm, Utrecht und Rotterdam. Am Zugfahren gefällt mir, dass man die Entfernungen wirklich erlebt. Es dauert seine Zeit, aber dafür spürst du tatsächlich, dass du reist. Ich bin bisher sowieso nur zweimal geflogen und hatte mir schon vorgenommen, es gar nicht mehr zu tun. Ich engagiere mich auch, zum Beispiel über "Students for Climate". Leider ist Fliegen meist viel billiger, das ist so falsch. Über die Möglichkeiten, die Interrail bietet, wissen viele nicht Bescheid, aber wer es ausprobiert, sieht, dass man sehr wohl auch mit der Bahn viele Orte besuchen kann. Und es gibt so nette Begegnungen: Einmal habe ich mit einer Sitznachbarin auf Englisch zu reden begonnen, bis wir gemerkt haben, dass wir beide aus Belgien kommen und das Interrail-Ticket gewonnen hatten. Und zwischen Wien und Budapest habe ich eine palästinensische Familie kennengelernt. Der Zug war total überfüllt und sie durften wegen ihres behinderten Kindes in die 1. Klasse wechseln. Da haben sie mich nachgeholt und in Budapest hat mir der Vater erklärt, wie ich mit dem Bus weiterkomme. Grenzen habe ich nur daran bemerkt, dass Zuggesellschaften wechselten und damit ihre Teams. Zwischen Tschechien und Deutschland hatte ein Passagier Probleme, weil seine Fahrkarte offenbar nur für eine andere Bahngesellschaft gültig war - das fand ich nicht besonders logisch, es ging doch um dieselbe Strecke. Am besten hat alles in Schweden und Dänemark geklappt, mit schönen, immer pünktlichen Zügen. In Deutschland musste ich einmal richtig rennen, habe meinen Anschluss aber auch noch erwischt."

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Krzysztof Hirak, 18, geht in Polen zur Schule:

"Ich war in den Sommerferien mit zwei Freunden unterwegs, wir hatten uns als Gruppe für die Tickets beworben. Wir hatten DiscoverEU schon ein Jahr vorher über Facebook entdeckt und uns damals vorgenommen zu gewinnen. Wir waren zuerst in Budapest und sind dann nochmal zurück nach Hause. Unsere große Tour ging über Kopenhagen (mit einem Abstecher nach Malmö), Paris, Nizza, Monaco und zurück über Triest. Ein Video von unserer Reise habe ich auf YouTube gestellt. Meist hatten wir einen Reisetag und dann zwei oder drei Tage in der Stadt. An einem Punkt wollten wir wegen des Wetters schon früher heim, aber schließlich ging es doch. Insgesamt haben wir uns vorher nicht allzu viel überlegt, was Übernachtungen, Essen oder Besichtigungen betrifft - wir wollten spontan sein können. So etwas mit Flugverbindungen zu organisieren, wäre viel zu kompliziert und auch zu teuer geworden. Das Interrail-Ticket war für uns also vor allem praktisch, obwohl wir natürlich wissen, dass es außerdem besser für das Klima ist. Deswegen finanziert die EU bestimmt auch dieses Projekt. Wenn ich wieder so eine Reise planen würde, würde ich mir allerdings weniger vornehmen, zum Beispiel nur nach Oslo fahren und wieder zurück. Wir hatten in den einzelnen Städten zu wenig Zeit. Für mich kommen weiterhin Zug oder Flug in Frage. Wenn es gleich viel kostet, würde ich mich aber für die Bahn entscheiden. Nur wenn der Flug billiger ist, würde ich fliegen. Aber wenn ich mal kein Schüler mehr bin und das Geld nicht mehr so eine große Rolle spielt, wäre mir Zugfahren auf jeden Fall lieber. Es ist einfach interessanter und jedes Mal anders. Fliegen ist vielleicht beim ersten und zweiten Mal noch spannend. Aber beim 21. Mal sieht man doch immer nur wieder den Himmel und die Wolken."

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Svenja Maier, 18, macht seit ihrem Abitur in Süddeutschland ein Gap Year:

"Ich plane gerade meine Reise: Ich habe erst im September erfahren, dass ich ausgewählt wurde. Und dass ich das Ticket bis Ende Januar nutzen muss. Mein aktueller Job geht aber bis Weihnachten, also blieben nur noch die Wochen danach übrig. Im Sommer wäre es sicher noch schöner, aber die Chance wollte ich trotzdem unbedingt nutzen. Ich lerne gerade Spanisch, deshalb ist mein Hauptziel Spanien. Auf dem Weg dorthin muss ich durch Frankreich, also war auch dieses Ziel klar, vielleicht geht es am Ende bis nach Portugal. Ich hatte Lust, Silvester in Barcelona zu feiern, aber in den Facebook- und Whatsapp-Gruppen der Leute, die im selben Zeitraum mit DiscoverEU unterwegs sein werden, war ich da die Einzige. Deshalb habe ich mich für Silvester in Brüssel entschieden und werde von dort weiterreisen. Bei der Vorbereitung ist die Interrail-Planner-App super, da kann man alles eingeben, die Verbindungen, auch Reservierungen, es entsteht eine Karte... Ohne die App wüsste ich gar nicht, wie ich das machen soll. Das Schwierigste ist, die sieben möglichen Reisetage richtig einzuteilen. Ich hoffe natürlich, dass ich nicht am Ende irgendwo stehe und keinen Tag mehr übrig habe. Und ich hoffe, dass mir unterwegs noch bewusster wird, dass Zugfahren wirklich eine gute Sache ist. In meiner Kindheit sind wir viel mit dem Wohnmobil verreist. Deshalb ist es normal für mich, mindestens in alle Nachbarländer Deutschlands aufs Fliegen zu verzichten, eigentlich auch bei Entfernungen wie Spanien, Italien oder England. Ich bin tatsächlich erst zweimal geflogen, nach Marokko, und finde es kompliziert, mit dem Gepäckgewicht und so weiter. Im Zug ist es einfacher, angenehmer und umweltfreundlicher. Ans Fliegen würde ich erst bei Inseln oder ab den Rändern Europas denken."

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