Süddeutsche Zeitung

Tauchen in Indonesien:Die Schatzinseln von Raja Ampat

Raja Ampat ist eines der besten Tauchgebiete der Welt. Doch die Bewohner des Archipels profitieren davon bislang kaum. Das soll sich nun ändern.

Reportage von Florian Sanktjohanser

Um die Giganten von Raja Ampat zu sehen, muss man sich hinter einem Mäuerchen aus Korallenstücken in den weißen Sand knien. Die Flugshow in 20 Metern Tiefe beginnt ohne Vorspann. Einer nach dem anderen segeln die Mantas ein. Bald schneiden sechs Riesenrochen elegante Kurven ins Blau, die Schwingen erhoben. Sie steigen auf, Bauch an Bauch, und flattern wie Vögel im Balztanz. Oder sie schweben reglos über den Korallen und lassen sich von Putzerfischen Schuppen und Parasiten von der Haut knabbern. Einige Male gleitet einer der Mantas so dicht über die Taucher hinweg, dass sie seinen Bauch streicheln könnten.

Der wahre Reichtum der Inselgruppe verbirgt sich unter Wasser

Noch vor wenigen Jahren war "Manta Sandy" ein Geheimtipp. Jetzt ist die Putzerstation der berühmteste Tauchplatz von Raja Ampat. Und der Ort, an dem man das Ausmaß des Hypes um die Inselgruppe am besten erfassen kann.

"Vor drei Jahren kannte keiner Raja Ampat", sagt Dave Pagliari. "Jetzt wirbt jeder Aussteller auf der Tauchmesse in Jakarta mit den Fotos - sogar, wenn er Inseln bei Borneo vermarktet." Pagliari, 42 Jahre alt, in Hongkong geborener Schotte, kreuzt seit 2002 mit seinem Tauchsafari-Schiff Shakti durch den Archipel, dessen Name übersetzt "vier Könige" bedeutet. Kaum einer kennt die 1500 Inseln, Felsen und Sandbänke vor der Westspitze der indonesischen Provinz West-Papua so gut wie er. Die meisten sind unbewohnte Karst-Inseln, von Wind und Regen modelliert, von Dschungel überwuchert. Doch der wahre Reichtum der Inselgruppe verbirgt sich unter Wasser.

Tauchen mit Teppichhaien und Pygmäen-Seepferdchen

Raja Ampat ist das Herz des Korallendreiecks, nirgendwo auf der Erde gibt es eine größere Artenvielfalt. Drei Viertel aller Hartkorallen-Arten kommen hier vor und mehr als die Hälfte der bekannten Weichkorallen. Wissenschaftler zählten bislang 1523 Spezies von Fischen. Durch die häufigen Erdbeben sind viele Lebensräume entstanden: Saumriffe, Buchten, Abgründe. Starke Strömungen tragen Larven von Korallen und Fischen aus fernen Meeren heran.

Der Fischkundler Mark Erdmann nennt Raja Ampat eine Speziesfabrik. Nur in Raja Ampat watschelt beispielsweise der Epaulettenhai auf seinen Brustflossen über den Meeresgrund. Und fast täglich sehen Taucher Teppichhaie und Pygmäen-Seepferdchen. Dazu kommen Schildkröten, Riffhaie und Schwärme von Barrakudas, Füsilieren, Makrelen, Doktorfischen.

Als Gott verehrt

Max Ammer war einer der Ersten, der diese Wunderwelt erkundete. Der 53-jährige Niederländer ist Pilot, Schatztaucher, Forscher, Hotelier und Gott wider Willen. Ammer kam Ende der Achtzigerjahre nach Raja Ampat, um im Meer Flugzeugwracks und Jeeps aus dem Zweiten Weltkrieg zu suchen. Er fand sie und verkaufte sie an Weltkriegs-Nostalgiker. Mit dem Erlös finanzierte er seine ersten Camps für Taucher.

Die Gäste waren begeistert, die Plätze für die nächsten Expeditionen bei Tauchmessen schnell ausverkauft. Doch bald kamen die Probleme. Das erste Camp musste Ammer wegen bissiger Sandflöhe schließen, das zweite brannten zornige Einheimische nieder. Sie warfen ihm vor, er lasse sich als Gott anbeten. Tatsächlich verehrten Anhänger eines Cargo-Kults den fremden Weißen als Manar Makeri, eine messianische Gestalt. "Sie beugten sich zu Boden und küssten meine Hand", erzählt Ammer. "Ich fand es sonderbar. Aber ich dachte, es sei ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit."

Ammer ließ sich von den Rückschlägen nicht entmutigen und baute erneut. Das Kri Eco Resort steht bis heute. In den Bungalows aus geflochtenen Palmblättern, auf Stelzen über das Wasser gebaut, schliefen all die Wissenschaftler und Journalisten, die Ammer zu den Riffen brachte. Sie machten Raja Ampat berühmt. Raja Ampat wurde zum besten Tauchgebiet der Welt erklärt, der Boom begann. Jetzt tuckern 40 Tauchsafari-Schiffe durch den Archipel, offiziell. Tatsächlich sind es deutlich mehr, manche schätzen 65. "Keiner kontrolliert das wirklich", sagt Burt Jones, Autor mehrerer Bücher über Raja Ampat. "Es ist sehr einfach, ohne Lizenz zu fahren."

Nun wollen auch die Einheimischen am Boom verdienen

An Spots wie Manta Sandy an der Dampier Strait, per Boot in zwei Stunden von der nächsten Großstadt Sorong erreichbar, liegen einige der berühmtesten Tauchplätze, die alle Safarischiffe ansteuern. Hier ballen sich bereits heute zehn Resorts. In Wasai, der Hauptstadt von Raja Ampat, eröffnen seit einigen Jahren in immer schnellerer Folge Privatzimmer für Rucksackreisende. Denn nun wollen auch die Einheimischen an den reichen Besuchern aus dem Westen verdienen.

"Bisher profitieren die Papua kaum vom Tourismus", sagt Burt Jones. Die meisten Hotels und Safarischiffe beschäftigen lieber Indonesier aus Sulawesi, Java oder von den Molukken, die besser ausgebildet und im Tourismus erfahren sind. Viele der 48 000 Bewohner von Raja Ampat sind nie zur Schule gegangen. Ihr Leben ist einfach geblieben. Sie fangen Fische und Meeresfrüchte, sie bauen Taro und Gemüse an, und sie höhlen Sagopalmen aus, um daraus Brei zu kochen. In vielen Dörfern gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Schule und keine Gesundheitsversorgung. Das soll sich nun ändern, mit Hilfe der Touristendollars.

Eintrittsgebühr für das Meeresschutzgebiet

Seit 2007 müssen Besucher in Raja Ampat eine Eintrittsgebühr bezahlen, eine Million Rupiah, etwa 65 Euro. Ein großer Teil des Geldes ist bestimmt für das 35 000 Quadratkilometer umfassende Meeresschutzgebiet. Seit 2010 ist es in Raja Ampat zudem verboten, Haie, Mantas, Schildkröten und Seekühe zu töten. Das Verbot wirkt. "Als ich hierher kam, sah ich oft tagelang keinen Hai", erzählt Dave Pagliari. "Jetzt haben wir auf jedem Tauchgang mehrere."

Viele andere Projekte indes seien wirkungslos, behauptet Pagliari: "Greenwashing". Die Wachposten seien an sinnlosen Orten gebaut worden, und er sehe nie ein Patrouillenboot. Mitarbeiter von Resorts erzählen, dass bei der Marinepolizei oft keiner ans Telefon gehe, wenn sie illegale Fischer melden wollen. Oder die Beamten winkten ab: kein Benzin. Hier hat der Tourismus allerdings einen positiven Effekt. "Wenn ein Safarischiff in einer Bucht liegt, trauen sich die Fischer nicht, mit Dynamit zu fischen", sagt Burt Jones.

Um die Papua davon zu überzeugen, dass intakte Riffe profitabler sind als Dynamitfischen, Holzfällen oder Bergbau, sollen eigentlich 40 Prozent der Eintrittsgebühr an die Dörfer fließen. Doch bisher scheint das nicht zu funktionieren. "Viele Dorfbewohner sind wütend, weil sie nichts bekommen", sagt Burt Jones. Im Jahr 2013 sperrten aufgebrachte Papua die Wayag-Inseln für mehrere Monate - jene grünen Spitzhüte und Drachenrücken im türkisen Meer, mit denen Hotels und Veranstalter für Raja Ampat werben. "Wir sind an einem kritischen Punkt", sagt Jones.

"Eines Tages will ich ein richtiges Resort haben"

Mathias Mayor will nicht auf Regierungsgeld oder einen Job in einem Resort warten. Er hat sich sein eigenes Haus an einen weißen Strand in der Nähe des Dorfs Yenbeser gebaut. Mayor errichtete zunächst eine Stelzenhütte aus Palmblättern, mittlerweile hat er fünf Gästezimmer. Die Matratzen liegen auf dem Boden aus Eisenholz, darüber hängt ein Moskitonetz, fertig. Ein Gartenschlauch ist die Dusche. Alles sehr einfach, aber sauber. Fünf bis zehn Gäste hat Mayor pro Monat. Reich wird er dadurch nicht. Aber er kann die Schulgebühren für seine sechs Kinder und die anderer Familien bezahlen, Essen und Kleidung kaufen und noch etwas sparen. "Eines Tages will ich ein richtiges Resort haben", sagt er. "Das ist mein Traum."

Tertius Kammeyer hilft ihm, diesem Traum näher zu kommen. Der 28 Jahre alte Südafrikaner leitet das Projekt "Kayak4Conservation", das Max Ammer gestartet hat: eine Art minimalinvasiver Tourismus, von dem die Einheimischen profitieren sollen. "Ich weiß, was der Backpacker-Tourismus in Thailand angerichtet hat", sagt Kammeyer, der solche Zustände in Raja Ampat nicht fördern will. Erste Hostels mit lauter Musik und Alkoholexzessen gibt es bereits. Nicht so bei Kammeyer: Seine Gäste paddeln mit dem Kajak von Homestay zu Homestay, durch Kanäle im dichten Uferwald oder auch übers offene Meer.

Ihr Guide ist Papua, sie essen und schlafen bei Papua, und auf ihren gelben Kajaks steht: Made in Papua. Eine Firma in Südafrika spendete die Baupläne, das Fiberglas wird aus Jakarta importiert, aber gegossen wurden die Boote in Max Ammers Werkstatt auf der Insel Kri. "Die Jungs sind so stolz darauf", sagt Kammeyer, "das kannst du dir nicht vorstellen."

Reiseinformationen

Anreise: KLM fliegt von Deutschland über Paris nach Jakarta, ab 855 Euro, www.klm.com. Weiter nach Sorong fliegen indonesische Airlines. Dreimal pro Woche gibt es ab Sorong Flugverbindungen nach Wasai. Ansonsten fahren täglich zwei Fähren dorthin.

Übernachten: Eine Übersicht zu Gästehäusern bietet www.stayrajaampat.com, weitere Infos auf www.east-indonesia.info. Die Kajaks kosten pro Tag 35 Euro Leihgebühr, hinzu kommen die Kosten für Übernachtung und Guide, www.kayak4conservation.com

Weitere Auskünfte: Botschaft Indonesiens, Berlin, Tel.: 030/47 80 72 00, www.botschaft-indonesien.de

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SZ vom 28.01.2016
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