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Indien:Schluss mit den Faxen!

(Köln) - Lieber Feuerstein, Wie schön, dass wir uns wieder gefunden haben!

Allein der Blick ins Tal des Ganges wirkt heilsam.

Der ayurvedische Arzt wirkt so vertrauenswürdig wie zeitweise rätselhaft. Meine Frau und ich haben gestern am Pool ein Hoteliersehepaar aus der Schweiz kennen gelernt. Er nun erzählte mir betrübt, dass er nicht in den Urlaub gefahren sei, um sich Einläufe verpassen zu lassen und sich "therapeutisch zu erbrechen". Der Arzt beharre hingegen darauf, er könne ihm zwar das Pancha Karma Treatment nicht aufzwingen, aber er sei für eine solche Behandlung sozusagen der ideale Kandidat. Seine Frau hingegen, sagte der Schweizer, sei auf "therapeutisches Erbrechen" und den Einlauf ganz scharf gewesen, habe ihn aber nicht verschrieben bekommen. Ich erzählte dem Schweizer daraufhin, dass das bei meiner Frau und mir der gleiche Fall sei. Das sei ja ein Ding, sagte der Schweizer. Nun stehen unsere Frauen vor der Yoga-Wiese und lachen, während wir so gelassen wie nötig die Sache in Angriff nehmen werden.

Noch ein Rätsel, lieber Feuerstein: Wir waren heute Abend in Rishikesh, dem Ort der heiligen Männer unten am Ganges. Über dem Ort, in dem John, Paul, George und Ringo in den 60-ern von Maharishi Mahesh Yogi erleuchtet wurden, liegt ein heiliger Zauber. Auf dem Rückweg zum Auto hat mich jedoch eine derheiligen Kühe, die dort herum stehen und den Gemüsehändlern eine Monatsmiete vom Karren mampfen, von der Seite attackiert, und zwar ohne Grund. Wollten Sie ein Zeichen senden? Ihr G.

(Köln) - Lieber G., Sie überschätzen meine Macht! Die Kuh, die Sie rammte, war kein Zeichen von mir, und schon gar nicht ein Zeichen von Buddha. Sondern einfach eine Kuh, der Sie im Weg standen. Danke für die Schilderung Ihrer Befindlichkeit. Interessant ist vor allem, dass Sie das "therapeutische Erbrechen" als Höhepunkt Ihrer Reise empfinden.

Aber lassen Sie mich ernsthaft auf die beiden letzten Briefe antworten, denn ich glaube, dass Sie sich auf einem Irrweg befinden. Wellness in einem Luxushotel sollte man nicht mit der Wahrheitssuche verwechseln. Das Problem beginnt allein schon damit, dass man dafür zahlen muss. Kirchensteuer jeder Art aber macht aus der Heilslehre einen Tarifvertrag: Selig sind dann immer nur die Reichen im Konto. Auch der Weg scheint mir zu kurz. Wenn Buddha erst nach jahrzehntelanger Wanderschaft die Erleuchtung fand, dürfen Sie nicht schon in vier Tagen die Erfüllung abzocken wollen. Es würde helfen, wenn Sie den Rückweg nach Deutschland zu Fuß antreten.

Bemerkenswert finde ich, dass der ayurvedische Arzt Ihr Problem sofort erkannt hat: Die Angst des Machos vor dem Einlauf. Ein organisierter Erbrecher weiß eben, was er zu tun hat. Dazu passt die Metapher von den "in Öl getauchten Elefantenzungen". Wieso geben Sie nicht einfach zu, dass es geil ist, von vier kräftigen Männerhänden massiert zu werden? Lassen Sie die Elefanten aus dem Spiel. Noch eine Bitte: Fühlen Sie sich nie wieder als ich! Das ist mir unangenehmer als Ihnen der Einlauf. Ihr Herbert Feuerstein

(Rishikesh) - Lieber Feuerstein, vielen Dank für Ihren Brief. Sie haben sicher Recht, erleuchtet wird man nicht in wenigen Tagen, aber ich vermute, im Gegensatz zu Ihnen habe ich mit dieser Reise den richtigen Weg eingeschlagen.

Wir haben soeben drei weitere Anwendungen über uns ergehen lassen und sind noch etwas benommen. Was mich betrifft, ergab sich dabei folgender "Wasser-Öl-Dreiklang": Im Seaweed Hydrotherapy Bath wird man in einer Art Badewanne voller pulverisierter Algen und heißen Wassers von diversen Düsen abgetastet. Die Hydro Jet Body Blitz-Behandlung müssen Sie sich vorstellen wie eine Hinrichtung: Man steht am Ende eines zehn Meter langen gekachelten Ganges. Am anderen Ende steht ein lächelnder Therapeut mit einem Feuerwehrschlauch. Nun muss man sich an Haltegriffen festhalten, denn der Strahl ist nicht nur heiß, sondern auch geeignet, kleine Männer wie Sie in Sekunden zu pulverisieren. Wie Sie sich denken können, bin ich heute Abend vor Erschöpfung im Restaurant des "Ananda" fast über meinem Chicken Tikka eingeschlafen. Doch dann kam der Kellner mit Ihrem mitteleuropäisch aggressiven Fax. Auch eine Form der Erleuchtung.

Den Vormittag nutzten wir übrigens zu einer schönen Wanderung bis auf 2000 Meter Höhe, zum Kujapuri-Tempel, einem der heiligsten Orte Indiens. Auf dem Weg sind wir nicht nur zitronengroßen Hummeln und verschlagenen Affen begegnet, sondern auch Schulklassen, welche zwischen den Rapsfeldern ihre Lieder von den Tafeln lasen. Prompt ließ eine der Lehrerinnen vom Vermöbeln eines Kleinkinds mit dem Rohrstock ab und grüßte höflich.

Nach mehreren Stunden sind wir am Tempel angekommen, einem Ort der Stille und mit ergreifender Fernsicht über die Himalaya-Kette. Dort begegnete uns ein weiteres Mysterium, nämlich ein lächelnder Hund, der mir nach eindringlicher Betrachtung umso weniger rätselhaft erschien, desto mehr, lieber Feuerstein, er mich an Sie erinnerte. Es war um seine Augen eine geheimnisvolle Traurigkeit, die Partie um die Lefzen hingegen von fast schon penetrant lächelnder Zuversicht. Übrigens geht hier die Sage, dass die Hunde nicht aus den Tempeln vertrieben werden dürfen, weil sie wiedergeborene Mönche seien, welche in ihrem ersten Leben zu wenig meditiert hätten. Macht Sie das nachdenklich? Ich denke schon. Es grüßt Sie heiter, und schon drei Kilo leichter, Ihr Gorkow

(Köln) - Lieber G., Sie haben Recht: Was bei mir als liebevoller, mit leiser Ironie gewürzter Ratschlag abgeht, kommt nach digitaler Zerhackung und elektronischer Reise durch das Weltall bei Ihnen in Indien als aggressive Beschimpfung an, und so ist es wirklich nicht gemeint. Ich beneide Sie um die Reise in das Wunderland, wo auch der abgebrühteste Weltenbummler auf jedem Schritt Neuland betritt, auch innerlich. Nur zu gern möchte ich am Rand des Himalaya vom Nirwana träumen, statt vor einer roten Ampel in Köln zu grübeln, warum man sich von so einem lächerlichen Licht die Freiheit der Bewegung rauben lässt. Und so viel lieber möchte ich von einer Heiligen Kuh gerammt als von den Filzern am Münchner Flughafen angemufft werden. Wollen wir also zum Ende versuchen, netter miteinander umzugehen: Sie unterlassen es hinfort, darauf rumzuhacken, dass ich kleiner bin als Sie, nur weil Sie nicht verkraften können, dass die Frauen mehr auf mich stehen. Ich bemühe mich im Gegenzug, Sie ernst zu nehmen.

Ich beneide Sie auch um die Wellness-Erfahrung, freilich mit einer Einschränkung: Ich finde es toll, den Körper gründlich zu verwöhnen, aber man sollte den therapeutischen Nutzen nicht überbetonen. Sonst kommt man verkrampfter raus als man reingeht. Unsere Leitkultur hat uns von Kindheit an eingetrichtert, dass alles, was gesund ist, entweder scheußlich schmecken muss oder mit Quälerei verbunden ist, von Spinat bis Sport. Wellness soll eigentlich das Gegenteil sein: Das Wohlbefinden schlechthin, unerreichbar freilich für den Hypochonder, der ja das Gegenteil braucht. Sind Sie ein solcher?

Was Sie über den "Wasser-Öl-Dreiklang" berichten, klingt trotz ironischer Überhöhung nicht übel. Zugegeben, Dreiklänge können töten, das wissen wir vom Musikantenstadl, aber der Ihre hat mir gefallen. Und deshalb finde ich, Sie müssen da durch. Bis zum Ende. Der ayurvedische Arzt hat absolut Recht, wenn er Sie im Zustand der Disharmonie wähnt: Sie brauchen die Befreiung. Deshalb fordere ich Sie ganz eindringlich auf - und ich bin sicher, ich spreche auch im Namen aller Kollegen und Leser: Erbrechen Sie! Und: Einlauf! Erwartungsvoll, Ihr Herbert Feuerstein

(Rishiskesh) - Lieber Feuerstein, Indien! Indien!

Flimmernd flirrt die Abendsonne hinterm Scherenschnitt der Himalayakette, unten am Ganges sammeln sich die Meditierenden in den Ashrams und verneigen sich vor Shiva, der als Statue im Fluss steht und weise lächelt. Bitte, lieber Feuerstein, jetzt, wo wir ein wenig die Tonlage gewechselt haben: Erklären Sie mir, wieso hier auch die Ärmsten der Armen lächeln statt zu lamentieren?

Im Rahmen meiner Behandlungen stand heute eine Couple Massage an, die ich also gemeinsam mit meiner Frau genoss und deren wesentlicher Reiz darin lag, dass meine Frau von einer Frau und ihr Mann von einem Mann massiert wurde, und zwar im selben Raum zur selben Zeit. So konnte man diverse Probleme der letzten Monate noch mal ansprechen, wenn auch nicht ausdiskutieren. Danach gab es für mich eine Anwendung, die ich in Anspruch genommen habe, obwohl ich sie bisher nur Männern zugetraut habe, die eine Frau sein wollen: die neunzigminütige Royal Facial Massage. Zu diesem Zweck wurden so oft Kräuteröle, Pasten und Pülverchen über meinem Gesicht verrieben, bis ich in einer Meditation versank, aus der ich schließlich durch leise Sitarklänge wieder erwachte. Meine Nebenhöhlen sind nun erstmals seit Jahren komplett frei, zu Hause werde ich die Menschen in der U-Bahn riechen können! Der ayurvedische Arzt bestand heute in der Tat auf dem Einlauf, welcher jetzt, kurz vor unserer Abreise ohne Wenn und Aber bevorsteht. Da ich damit auch Ihnen eine Freude mache, werde ich das wohl angehen, mich aber nicht mehr gesondert erbrechen, man muss ja nicht alles auf die Spitze treiben.

Ach, lieber Feuerstein, schon bald werden wir im Nachtzug nach Delhi sitzen. Möge Krishna für immer bei uns bleiben, auch bei der Zwischenlandung in Dubai und erst recht, wenn wir in München am Flughafen unsere Koffer öffnen müssen. Indien! Indien! Ihr G.

PS: Soll ich Ihnen was mitbringen?

(Köln) - Lieber G., tja, das Lächeln der Armen. Ich habe auch immer wieder darüber gestaunt, in Südamerika, in Asien, vor allem in Afrika. Warum lächeln sie? Damit wir Erstländer keine Schuldgefühle haben müssen, weil sie uns damit zeigen: "Armut macht glücklich?" Nein, aus Zufriedenheit lächeln sie nicht. Denn wenn man mit einem Lächler länger redet, wird es irgendwann lächelnd aus ihm herausplatzen, wie beschissen sein Leben ist. Ich glaube, dieses Lächeln ist zum einen Teil die Geste der Höflichkeit im Umgang miteinander, genau so, wie wir dem Gast eine Tasse Kaffee anbieten, in der Hoffnung, dass er sie ablehnt und uns keine Umstände macht. Und zum anderen, größeren Teil ist es das freundliche, aber fest verschlossene Tor zu dem, was innen vorgeht. Oft wird das Lächeln von uns Touristen missverstanden, wie nett die armen Menschen seien. Das stimmt nicht immer. Sie lächeln auch mit vorgehaltener Schusswaffe.

Noch etwas, was Sie bestimmt selber längst bemerkt haben - ich sage es trotzdem: Indien verwirrt. Diese ständige Auseinandersetzung mit dem Transzendenten, das Mystische so geballt, dass man es fast mit den Händen greifen kann, dazu die Landschaft, die innere Versenkung und nicht zuletzt die von Ihnen erfahrenenen Geheimnisse einer alten Heilkunst versetzen uns in Zustände, die uns die Vernunft rauben, "Wahnsinn" nennen Sie dieses seltsame Glücksgefühl, denn eigentlich ist es völlig unbegründet: Da ist ja noch das andere Gesicht Indiens, die fürchterlichen sozialen Missstände, die Ungerechtigkeit, die Unterdrückung. Vergessen wir nicht: Genau wie Deutschland ist auch Indien ein Kastenstaat. Aber während es bei uns nur zwei Kasten gibt, nämlich Deutsche und Asylanten, gibt es in Indien sehr viel mehr mit wesentlich komplizierteren, abgestuften Ungerechtigkeiten. Entsprechend mehr Gründe muss es geben, auf verschiedene Arten verzweifelt zu lächeln. Ihr Herbert Feuerstein

PS: Bringen sie mir ein Stück Erleuchtung mit. Aber was soll's, spätestens am Gepäckband des Münchner Flughafens ist die weg. Bleibt ja zum Glück noch der Einlauf. Und? Wie war's?

(München) - Lieber Feuerstein, der Einlauf? Ist vollbracht. Brauche ich das täglich? Oh nein, und abermals: nein. Aber: Vata, Pitta, Kapha? Im Lot! Und jetzt sind wir wieder daheim. Das Land, farblos. Niemand hupt. Aber den unendlichen Götterhimmel haben wir mitgenommen. Danke für Ihre Hilfe, lieber Feuerstein. Frieden, Frieden, Frieden. Shanti, Shanti, Shanti. Ihr G.

(Köln) - Lieber G. ist ja gut. Ein Shanti hätte gereicht. Willkommen in der Leitkultur. Ihr Herbert Feuerstein