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Hoteltest-Serie "Frisch bezogen":Ein Obdach für Hipster

Ein Zimmer im Hotel "The Keep" in Salzburg.

Aus Treibholz und altem Mobiliar bestehen die Zimmer im "The Keep".

(Foto: Kevin Kolditz)

Das Haus in Salzburg hat schon viel erlebt, eigentlich hätte es abgerissen werden müssen. Jetzt ist es ein Hotel - nach dem Motto "Das ist noch gut, das wirft man nicht weg".

Von Ingrid Brunner

Die Wände haben Narben, so fühlt es sich zumindest an, wenn man mit der Hand darüber fährt. All die Farbschichten, die hier im Laufe der Jahrzehnte eine über die andere gestrichen und nun wieder abgewaschen worden sind, haben Spuren hinterlassen. Sie erzählen von den Menschen, die früher hier gelebt haben. Das Haus in der Schwarzstraße, in Salzburgs Stadtteil Elisabeth-Vorstadt, war schon Arbeiterunterkunft, Altenpension für Menschen mit niedrigen Renten, Flüchtlings- und Obdachlosenheim. Nun wohnt hier ein progressives, alternatives Publikum. Das gut 70 Jahre alte Haus ist als Öko-Unterkunft neu entstanden. Die Gäste sind vorwiegend jung, weiblich, vegetarisch-vegan.

"Das Haus hätte eigentlich abgerissen werden müssen, eine Sanierung im modernen Hotelstandard wäre nicht möglich gewesen", sagt der Eigentümer Ralph Seifried. Doch das wäre mit seiner Philosophie, Dinge weiter zu nutzen, zu recyceln oder durch Upcycling einem neuen Zweck zuzuführen, nicht vereinbar gewesen. "Das ist noch gut, das wirft man nicht weg", diesen Spruch hat Seifried zum Stilprinzip seines im Juli 2019 eröffneten Hotels erkoren. Und zum persönlichen Lebensmotto.

The Keep Hotel

Hat eine gute Nase für den Zeitgeist: der Salzburger Hotelier Ralph Seifried.

(Foto: Wildbild)

Wer das weiß, versteht den etwas erklärungsbedürftigen Name des Hauses - The Keep. Das englische Wort "keep" bedeutet ja nicht nur Burg oder Bergfried, sondern vor allem: behalten. Dass es als "Eco Residence" firmiert, ist eine komische Pointe, denn auf kaum ein anderes Haus dürfte der Modebegriff "shabby chic" besser zutreffen als auf dieses. Davon zeugen das Treppenhaus mit seinen ausgetretenen Stufen, davon zeugen die gebrauchten Möbel oder die Gemeinschaftssanitäranlagen aus den Siebzigerjahren. Die Ausstattung der Zimmer hat wohl zuletzt die Eltern und Großeltern der heutigen Gäste begeistert, damals, als Pensionswirte stolz mit fließend warmem und kaltem Wasser warben. Nun finden das die Hipster cool. So wiederholt sich die Geschichte.

Wie Seifried auf die Geschäftsidee kam? Professionelle Storyteller hätten es sich nicht schöner ausdenken können. Es ist die Geschichte eines Mannes in der Lebensmitte, der in der Gastronomie schon alles gemacht hat. "Ich bin gelernter Koch und habe alle Stationen der Hotellerie durchlaufen, ob im Luxushotel oder auf dem Kreuzfahrtschiff, habe in Tokio eine Bar betrieben, Luxusappartements vermarktet, bis der Burn-out kam." Er wurde krank, der Körper, aber auch die Seele hielten dem Dauerfeuer der Turbogastronomie nicht mehr stand. Und mit der Krankheit, die er rückblickend als Chance, ja als Geschenk betrachtet, kam das Umdenken. "Es war auf einem Seminar in Bad Kissingen zum Thema Kairos", erzählt er. Kairos - der günstige Moment, der in der griechischen Mythologie sogar als Gottheit personifiziert wurde. Diesen richtigen Augenblick habe er ergriffen und seinem Leben eine neue Richtung gegeben, sagt Seifried.

Man könnte auch sagen: Er hatte als erfahrener Gastronom eine gute Nase für den sich ändernden Zeitgeist. Nicht nur er, viele, vor allem junge Menschen finden, dass weniger mehr ist. Runterfahren, nachhaltig mit sich und den Ressourcen des Planeten umgehen. Wenn also die Sessel in den Zimmern durchgesessen und fleckig sind, ist das Konzept. Die Vorhänge: Restposten aus anderen Hotels - "schwer entflammbar, ganz nach Vorschrift", wie Seifried betont. Nicht einmal für neue Möbel - Regale, Handtuchaufhänger, Betten - musste ein Baum gefällt werden: Ein Schreiner aus Oberstdorf hat sie aus Schwemmholz gezimmert. Zehn Fuhren habe man mit einem Transporter vom Hintersee bei Salzburg geholt, und immer noch gebe es da tonnenweise Holz. "Damit könnte ich ein 300-Betten-Haus möblieren", sagt Seifried. Was natürlich nicht zum Konzept passen würde, es soll ja familiär zugehen. Deshalb, und weil gar nicht mehr Platz wäre, hat das Haus 34 Zimmer.

Auch die Gaststube ist ein bunter Mix aus gebrauchtem Wirtshausmobiliar. Alte Spiegel mit Goldrahmen verleihen dem Raum die trendig-nostalgische Gemütlichkeit, wie man sie aus den Szenekneipen zwischen Berlin und Wien kennt. Und weil man ja in Wirtshäusern nie genug Geschichten hören kann: Jeder Spiegel hat eine Vorgeschichte, die Seifried gerne mit den Gästen teilt. "Der da stammt zum Beispiel aus einer Villa in Altaussee", sagt er und deutet auf einen Spiegel mit Rundbogen, dort seien sich die Komponisten Johannes Brahms und Robert Schumann in der Sommerfrische mal begegnet.

Alte österreichische Küche, als Fleisch noch ein Luxusprodukt war, stehe auf dem Speisezettel - minus das Fleisch, auch nicht am Sonntag. Stattdessen gibt es saisonale vegetarisch-vegane Biogerichte, deren Zutaten - so weit möglich - aus einem Umkreis von 50 Kilometern kommen. Im Stadtgarten auf der anderen Seite der Salzach ziehen die Mitarbeiter in 25 alten Badewannen Obst, Gemüse, Kräuter und essbare Blumen. Auf dem Frühstücksbüffet stehen Müsli und Porridge, vegane Aufstriche, Brot, Kuchen und originelle Gemüse- und Müslipralinen. Auch ein deftiges Chili oder eine Suppe gibt es morgens schon. Alles frisch und hausgemacht.

Ob das nun alles zur österreichischen Küche gehört? Egal. Aber wer vegetarisches Essen mal ausprobieren möchte, dem böte sich hier ein guter Einstieg. Das ist abwechslungsreiche vegetarische Kost auf hohem Niveau. Etliche Gäste hätten hier ein Aha-Erlebnis, sagt Seifried. Küchenchef Peter Horvath erzählt, er habe früher in der Sternegastronomie gearbeitet. "Aber ich wollte das nicht mehr - den Stress, den Druck und auch nicht die Lebensmittelverschwendung", sagt Horvath. Nun genießt er die Freiheit, unabhängig von einer fixen Speisekarte kochen zu können. Zubereitet wird, was der eigene Garten und die Ökobauern gerade hergeben.

The Keep Hotel

"Zahle, wie du dich fühlst!" Das Konzept hat dann doch nicht so gut funktioniert. Fünf Euro für ein Biofrühstück waren etwas wenig.

(Foto: Lisa Eiersebner)

Mittlerweile bietet The Keep auch Mittagstisch für externe Gäste. Das laufe gut, sagt Seifried, sogar Gruppen kämen, die sich zum Brunch oder zum Lunch treffen, Geburtstag oder eine Schwangerschaft feiern - zumindest war das so, bis auch Österreich in den erneuten Lockdown gegangen ist. Auch da zeigte sich wieder deutlich: Die Kundschaft ist vorwiegend weiblich. Freilich: Anfangs wurde das Konzept "Pay as you feel", also so viel fürs Essen zu zahlen, wie man für passend hält, von einigen Gästen nicht verstanden, erzählt Superhost Roman Meyer. "Da mussten wir allerhand erklären." Ein Bio-Frühstück gebe es nun mal nicht für fünf Euro, auch wenn keine Wurst und kein Ei dabei sind. Wie es nach dem Lockdown, der nun ja auch The Keep ausbremst, weitergeht? Ralph Seifried sieht das gelassener als die gebeutelte Luxushotellerie in Salzburg. Der Lockdown ist für ihn wohl eher Kairos als Katastrophe, er nutzt den Stillstand, um einen Gemeinschaftsraum und einen Co-Working-Space einzurichten. Mit seinem ersten Geschäftsjahr ist er sehr zufrieden. "2019 hatten wir sogar Festspielbesucher zu Gast, die eine nachhaltige Unterkunft suchten." Und auch Ältere, betont er, schätzten sein Konzept, das seiner Meinung nach unbedingt Nachahmer finden sollte.

Deshalb bietet er nun seine Idee Hoteliers mit in die Jahre gekommenen Häusern als Franchisegeber an. Viele Hotels seien in Schwierigkeiten. Die einen hätten keine Nachfolger, anderen fehle das Kapital für nötige Renovierungen. "Unser Konzept spart Geld und Ressourcen. Aber natürlich suchen wir aus, wer zu unserer Philosophie passt." An Hoteliers mit Sinnkrise herrscht derzeit jedenfalls kein Mangel.

The Keep, Schwarzstraße 50, A-5020 Salzburg, ab 30 Euro zzgl. Frühstück, thekeepresidence.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 26.11.2020/edi
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