Hotel Tortue:Savoir-vivre an der Elbe

Pressefotos Hotel Tortue Hamburg

Intim dinieren: Gerade nach den Lockdowns wollen viele wieder ausgehen.

(Foto: Tortue Hamburg)

Die Hamburger entdecken das französische Flair in der Gastronomie. Die Gäste wollen sich verwöhnen lassen und kurbeln den Umsatz der Branche kräftig an.

Von Steffen Uhlmann

Man kann mit Schildkröten etwas erzählen. Ihre Langsamkeit steht für friedliche Entschleunigung, für ein Lebenstempo Schritt für Schritt. Dem Reptil werden, je nach Fantasie, auch diverse Eigenschaften zugebilligt: Dummheit, Eitelkeit, Lust, Besonnenheit Ausdauer, Klug- und Sturheit oder auch Unerbittlichkeit. Was aber hat Hoteliers dazu getrieben, unter dem Namen Schildkröte in den hart umkämpften Hamburger Hotellerie-Markt einzusteigen? Und das in den Stadthöfen zwischen Neuem Wall und Großen Bleichen?

Man hat lange in alten Hamburger Annalen gestöbert, um die passende Geschichte dazu auszugraben und sich für die Schildkröte die französische Entsprechung "Tortue" zugelegt. Angeblich flanierten zu Napoleons Zeiten französische Dandys mit Schildkröten an der Leine über Hamburgs Prachtpromenaden - als Zeichen für den puren Luxus, den lieben langen Tag Zeit für sich und einen illustren Müßiggang zu haben. "Das hat gepasst", sagt Marc Ciunis, der zusammen mit Carsten von der Heide die Tortue-Geschäfte führt. "Wir wollten mit unserem Hotel französisches Flair und eine für Hamburg völlig neue Welt des Genießens schaffen."

Pressefotos Hotel Tortue Hamburg

Intim dinieren: Gerade nach den Lockdowns wollen viele wieder ausgehen.

(Foto: Tortue Hamburg)

Also Savoir-vivre inmitten der Hansestadt. Darum erfüllt auch das im Sommer 2018 eröffnete Boutique Hotel vornehmlich einen anderen Zweck als übliche Herbergen der Stadt. "Wir sind kein Hotel mit Gastronomiebetrieb, sondern eher umgekehrt: Wir bieten mit unseren Restaurants eine anspruchsvolle internationale Küche, ergänzt von einem Hotel, das über 128 individuell eingerichtete Zimmer verfügt", sagt Ciunis, 57, der genauso wie sein Partner Heide vornehmlich in der Gastronomie beruflich groß geworden ist.

Das Hotel profitiert von der umgebenden Erlebnisgastronomie

So gehören zum Hotelkomplex ein asiatisches Restaurant, eine Brasserie, diverse Bars sowie seit Anfang September auch das "Chez l'ami Tortue", ein intimes Lokal, das hinter schweren Vorhängen in gedämpfter und diskreter Atmosphäre mit sanft flackernden Kerzen die Lust an opulenten Fleischgerichten wecken will. "Und das schon nach ein paar Tagen überaus gut angenommen wird", wie Ciunis betont.

Allerdings ist das Schildkrötentempo auch zum Sinnbild für die Entwicklung des Projekts selbst geworden. Mehr als zehn Jahre hat es von der ersten Idee bis hin zur Fertigstellung des gesamten Gastronomie- und Hotelprojekts gebraucht. Sorgfalt ging vor Tempo. Schließlich hatten sich die Investoren vorgenommen, Hotel und Restaurants in das historisch gewachsene Stadthöfe-Areal zu integrieren. Und dafür hatte man namhafte Architekten und Designer engagiert.

Pressefotos Hotel Tortue Hamburg

"Wir sind kein Hotel mit Gastronomiebetrieb, sondern eher umgekehrt", sagt Marc Ciunis, der zusammen mit Carsten von der Heide die Tortue-Geschäfte leitet.

(Foto: Tortue Hamburg)

So befindet sich nun das Hotel über fünf Etagen in einem stilvollen Gebäude, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt worden war. Die beiden obersten Etagen wurden dabei auf den alten Baukörper aufgesetzt. Das Konzept dazu stammt von dem berühmten Architekten David Chipperfield und dem Büro Kuehn Malvezzi Architects. Das Interieur der Zimmer sowie Restaurants, Bars und Hotellobby entwarfen unter anderem die in Hongkong lebende Designerin und Architektin Joyce Wang und die britische Designerin Kate Hume, die auch schon das größte Apartment in der Elbphilharmonie gestaltet hat.

So viel Aufwand, Sorgfalt, Zeit, Exklusivität und Prominenz kostet. Die Rede ist von 22 Millionen Euro - das Doppelte des ursprünglich geplanten Budgets. Und trotzdem, versichert Geschäftsführer Ciunis, sei die Ärzteversorgung Niedersachsen, die zusammen mit den Ärzteversorgungswerken Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt Eigner des gesamten Stadthöfe-Komplexes ist, sehr zufrieden mit dem Tortue-Komplex: "Wir zählen seit Eröffnung im Sommer 2018 zu einem der neuen Gastro-Hotspots in der City."

Auch das Hotel selbst profitierte von der umgebenden Erlebnisgastronomie. 2019, das erste volle Geschäftsjahr, sei sensationell gelaufen, versichert Ciunis. "Wir hatten eine Auslastung von mehr als 80 Prozent übers Jahr." 2020 dann der Rückschlag - die Corona-Pandemie hatte auch in Hamburg Folgen für das öffentliche Leben der Stadt und vor allem auch für Gastronomie und Hotellerie. Dabei hatte die Tourismuswirtschaft in Hamburg mit seinen rund 10 000 Betrieben, darunter mehr als 520 Hotels, Gasthöfen und Pensionen sowie mehr als 5200 gastronomischen Einrichtungen, in den Vor-Corona-Jahren scheinbar nur eine Richtung gekannt - nach oben.

Hotel Tortue: Das Gebäude, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt worden war, wurde um die beiden obersten Etagen aufgestockt. Von den Stararchitekten David Chipperfield und dem Büro Kuehn Malvezzi Architects stammt das Konzept dazu.

Das Gebäude, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt worden war, wurde um die beiden obersten Etagen aufgestockt. Von den Stararchitekten David Chipperfield und dem Büro Kuehn Malvezzi Architects stammt das Konzept dazu.

(Foto: Tortue Hamburg)

Der Einbruch im Tourismus hat nach Angaben von Wolfgang Raike, Vorstandschef des Hamburger Tourismusverbandes, die Branche in der gesamten Stadt mit ihren etwa 100 000 Beschäftigten hart getroffen. Die Zahl der Übernachtungen übers Jahr 2020 sank um mehr als 55 Prozent auf nicht einmal mehr sieben Millionen, die Gästeanzahl gar um fast 60 Prozent auf dann noch gut drei Millionen.

"Auch wir haben im vergangenen Jahr gegenüber 2019 um die zehn Millionen Euro Umsatzeinbußen hinnehmen müssen", rechnet der Tortue-Geschäftsführer nüchtern vor. "Eine ziemliche Katastrophe." Nicht nur für das Hotel, sondern vor allem auch für die in besten Zeiten mehr als 140 Mitarbeiter, von denen die meisten durch den doppelten Lockdown im Frühjahr und im Herbst und Winter gleich zweimal in Kurzarbeit geschickt werden mussten.

Ciunis und Heide aber hielten den seit Eröffnung schnell gewachsenen Teamgeist hoch. "Ganz im Sinne einer Familie haben wir ein ganzes Bündel von Wohlfühl- und Weiterbildungsmaßnahmen für unsere Mitarbeiter geschnürt", sagt Ciunis und erzählt von Meetings und Workshops via Zoom-Call, von Back-, Koch- und Yogakursen per Internet, von Geschenk- und Cocktailboxen und von der Martinsgans, die jeder Mitarbeiter in der Vorweihnachtszeit mit nach Hause nehmen konnte.

"Wir sind zusammen in die Corona-Zeit gegangen und gemeinsam wieder herausgekommen", sagt Ciunis, dessen geschäftliche Zuversicht in den vergangenen Wochen deutlich gewachsen ist. "War unser Hotel nach Wiedereröffnung im Mai erst zu 40 Prozent ausgelastet, haben wir im August um die 70 Prozent erreicht", sagt der Tortue-Chef. "Das brachte uns die erste schwarze Null in diesem Jahr." Damit liegen Ciunis, Heide und Co im Branchentrend.

Hotel Tortue: Sie gibt das Tempo vor. Die Schildkröte steht symbolhaft für das Hamburger Hotel.

Sie gibt das Tempo vor. Die Schildkröte steht symbolhaft für das Hamburger Hotel.

(Foto: Tortue Hamburg)

Hotellerie und vor allem Gastronomie erholen sich in Hamburg, wenn auch immer noch meist nur im Schildkröten-Trott. Zufrieden ist Ciunis mit den steigenden Gästezahlen in seinen Bars und Lokalen. Die Gäste seien nach den Corona-Lockdowns extrem dankbar, dass man nun wieder ausgehen und essen gehen könne. Und sie wollten sich nach langem Verzicht auch wieder mal "richtig belohnen". Für den Gastronom ein gewichtiger wirtschaftlicher Aspekt, schließlich tendierten sie dabei zu höheren Qualitäten und Preisen. Ciunis ist überzeugt, dass sein Unternehmen trotzdem noch Monate brauchen wird, um wieder auf das Niveau der Vorpandemiezeit zu gelangen. "Der Erholungskurs braucht sicher noch das ganze nächste Jahr", sagt er und zuckt mit den Achseln: "Auch da gibt Tortue das Tempo vor."

© SZ/weka
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