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Hotel "Eremito" in Umbrien:Ruhe jetzt!

DS Eremito

In den Wäldern Umbriens: Aussicht vom Hotel Eremito.

(Foto: Design Hotels)

Schon Franz von Assisi schätzte die Stille der Wälder Umbriens. Heute steht dort ein Hotel, in dem man am Abend schweigend essen muss, keinen Wlan-Empfang hat und sich in Klosterzellen zur Ruhe bettet.

"Weißt du, was mein Sohn einmal über mich sagen soll?", fragt Marcello und gibt gleich die Antwort: "Ich hatte einen Vater, der glücklich lebte und mit einem Lächeln starb." Marcello, der nicht ungern über sich spricht, sieht sich auf gutem Weg zu diesem Ziel. Denn gerade tut er das, was er vielleicht am liebsten macht - Philosophieren mit seinen Gästen. Er redet über die Wirtschaftskrise in Italien, die arbeitslosen jungen Menschen in den Städten und über die Erfolgreichen, die sich trotzdem nicht freuen könnten, weil ihr Leben vorbei rausche, während sie von Termin zu Termin hetzten. Dann nimmt er einen Schluck der Tisana, des Kräutertees seines Hauses und blickt über die grünen Hügel Umbriens, die sich wie Wellen am Horizont brechen. "Das hier ist die Zukunft. Hier findet man alles, was man braucht."

Und das wäre? Zeit, Stille, Besinnung, Gespräche über Gott und die Welt, Kerzenlicht, vegetarische Küche und den Luxus, den Marcello Murzilli dann doch für nötig hält, um Gäste in sein vom Mönchsleben inspiriertes Domizil zu locken.

Mittelalter mit einem guten Schuss Moderne, Fußbodenheizung inbegriffen, das ist die Formel, der er vertraut. Zwar hat der drahtige, vom täglichen Yoga in Form gehaltene 66-Jährige es nicht wirklich nötig, Geld zu verdienen; das hat er in seinem abenteuerlichen Leben schon genug getan, wovon er noch erzählen wird. Aber seine Botschaft möchte er doch weitergeben. Und nicht nur an seinen Sohn.

Der Luxus ist hier die Einfachheit

"Die Krise in Europa wird nicht mehr vorübergehen", prophezeit er am Holztisch auf der Wiese vor dem Haus, den Boxer Beppo zu seinen Füßen. "Deswegen ist es Zeit, neue Formen des Lebens auszuprobieren." Und das könnten ganz alte sein. Das 13 Einzelzimmer kleine Hotel Eremito, tief versteckt in den umbrischen Bergen, betrachtet Marcello als Prototyp für einen Luxus der Einfachheit und als soziales Experiment. "Dies soll ein weltliches Kloster des 3. Jahrtausends werden", sagt er, während seine vier Gäste - drei Frauen, ein Mann - die vom Fluss heraufziehende Kühle mit dem heißen Kräutertee bekämpfen. "Die Zeiten des Hedonismus sind vorbei. Die Leute suchen heute Orte, an denen sie zu sich kommen und nach ein paar Tagen erkennen, was sie wirklich wollen." Wobei die Leute schon einiges hinblättern müssen, um sich das Eremito zu leisten.

Marcello, der sich mit seinen Gästen duzt, spricht schnell. Er hat nicht mehr viel Zeit. Bald wird zu Abend gegessen und dann heißt es schweigen. Basta.

Wer aus irgendeiner modernen europäischen Stadt hierher gefunden hat, darf sich auf ungewöhnliche Erfahrungen gefasst machen. Marcello, der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt, sieht sich als "sanfter Diktator" und legt Wert darauf, dass seine Regeln eingehalten werden. So hat er Fernseher und klingelnde Handys aus dem Eremito verbannt, auch Internet gibt es nicht, außer für Marcello selbst, der abends gern ein Weilchen im PC abtaucht, jedoch betont, das sei für seine Arbeit als Hotelchef unerlässlich.

Marcello Murzilli hat das "weltliche Kloster" nach seinen Vorstellungen geschaffen, um "neue Formen des Lebens auszuprobieren".

(Foto: Design Hotels)

Immerhin, das Stundengebet, das frühmorgens in der Kapelle reihum laut vorgetragen wird, auf Italienisch, ist nicht obligatorisch und manche Besucher schlafen lieber ein bisschen länger in ihren Zellen. Doch das Schweigen beim Abendessen ist Gesetz. Als Schule des Bewusstseins be-trachtet Marcello dies. Der Körper solle wieder spüren lernen, wie Auberginen, Dinkelsuppe oder Apfelkuchen wirklich schmecken. Wie sie im Mund ihre Aromen entfalten, die Speiseröhre hinuntergleiten und Bauch und Seele erfüllen.

Nicht jeder ist darauf eingestellt. Es ist ein bisschen seltsam, am ersten Abend mit noch wildfremden Menschen im Refektorium bei Tisch zu sitzen und kein Wort zu sprechen, während die Kerzen flackern und gregorianische Choräle erklingen. Nicht einmal Danke soll man sagen, wenn Marcellos stiller Bruder Sergio oder dessen Gehilfen Eli und Maurizia die einfachen, schmackhaften Speisen hereintragen, die oft aus dem Gemüsegarten vor dem Haus stammen. Ein Nicken muss genügen. Und dann ertappt sich der Gast, wie er statt auf den Speisefluss in seinem Inneren auf die Kratzgeräusche auf den Tellern lauscht. Jedes Ablegen der Gabel oder Aufsetzen des Rotweinglases, ja selbst das Kauen der Kaki-Früchte beim Dessert, scheint ungebührlichen Lärm zu erzeugen. So isst man behutsam, den Blick ins Kerzenlicht gesenkt. Doch schon das zweite Abendessen lässt sich unverkrampfter an und danach wird es immer leichter.