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Höhenwanderweg in Ligurien:Grandiose Panoramen

Auf der anderen Seite der 1005 Meter hohen Gipfelkuppe des Monte Castellaro, wo windzerzauste Wacholderstauden wachsen, haben Erdrutsche nach den starken Regenfällen im vergangenen Oktober klaffende Wunden in den Hang gerissen. Vor einem wie Mikadostäbe ineinander verkeilten Haufen von Totholz steht ein graubärtiger Mann. Seinen Kopf bedeckt eine Schildmütze, die Füße stecken in schlammverschmierten Gummistiefeln. "Genau hier war unser Stall, wir züchteten Hasen und Hühner", sagt der Alte, dessen ligurischer Dialekt schwer zu verstehen ist - auch, weil er nur wenige Zähne im Mund hat. "Andere verloren das Leben oder ihr Haus, deshalb will ich nicht klagen." Sie hielten hier noch zu zwölft die Stellung, alle weit über 70, fügt der Graubärtige hinzu und zeigt achselzuckend auf die verwitterten Häuser am zerstörten Hang. "Dörfer wie unseres werden verschwinden."

Einmalige Verwendung, kein Archiv

Mit der Karte sollten Wanderer hier umgehen können. Einen Schilderwald wie in den Alpen gibt es auf dem Höhenwanderweg "Alta Via dei Monti Liguri" nicht.

Nur der Tourismus könnte das verhindern. Doch damit ist es schwierig, die verschlafenen Nester im ligurischen Apennin haben keinerlei Attraktionen. Die Berge sind nicht so hoch und weniger spektakulär als in den Alpen, kunstgeschichtlich relevante Sehenswürdigkeiten gibt es nicht. Außerdem seien die Jahre der "mucche grasse", der "fetten Kühe", vorbei, meint Bonati. Sogar aus der Provinzhauptstadt La Spezia, lange der wichtigste Marinestützpunkt des Landes, wanderten die Jungen ab, weil Arbeitsplätze verlorengingen.

Andererseits: "Wenn unsere Alpenvereinssektion eine Tour anbietet, sind wir mit 100 Leuten unterwegs." Die Schneeschuhwanderungen im Winter seien sehr gefragt. "Vor 15 Jahren belächelte man uns noch", sagt Bonati. "Heute öffnen die Wirte extra ihre Berghütten, wenn wir uns für das Wochenende ankündigen."

Einige ziehen sogar hierher. Zum Beispiel Roberto und Paola Gabrielli, beide Anfang 50. Vor einigen Jahren sind sie aus dem hektischen Genua geflohen. Paola arbeitete dort als Agrotechnikerin, Roberto war Gitarrist einer Reggae-Band. Jetzt vermietet das Paar Ferienzimmer in einem alten Bauernhaus bei Scogna. Ein gotischer Kirchturm spitzt in den Himmel, um ihn herum drängen sich schlichte, würfelförmige Gebäude. Eingebettet ist der Weiler in langsam zuwachsende Terrassenfelder. Im Norden wacht der Monte Aiona, dessen buckliger, 1701 Meter hoher Gipfel noch im Frühjahr in einen weißen Schal gehüllt bleibt.

In Scogna existiert kein öffentliches Gebäude, kein Restaurant, keine Bar, kein Geschäft. "Hier draußen wohnen Eigenbrötler, die brauchen keine Geselligkeit", sagt Roberto Gabrielli. Besucher ohne eigenes Auto holt er manchmal mit einem rostigen Wohnmobil ab. "Einmal kam ein Franzose vorbei, er war zu Fuß nach Jerusalem unterwegs." Der durchschnittliche Gast sei allerdings hier, weil es ihm an der Küste zu laut zugehe.

Zum Abendessen tischt Paola Gemüsesuppe auf, dazu Tagliatelle mit Steinpilzragout, anschließend Sciuette, rosenförmige Kekse auf Mandelbasis - viele Zutaten selbst gesammelt oder im eigenen Garten angebaut. Sie versuchten, mit wenig Geld auszukommen, erklären die beiden Zugereisten ihre Philosophie.

Der Panoramablick von der Terrasse ist grandios. Im Halbkreis staffeln sich die Berge wie Scherenschnitte in allen Grün- und Brauntönen, während aus dem Tal die dunklen Schatten höher kriechen. Unberührt wirkt die Natur, archaisch das steinerne Dorf, über dessen verschachtelte Dächer sich der Rauch von Herdfeuern kringelt. Spät am Abend tuckert noch ein Traktor vorbei, in einem der verstreuten Gehöfte bellt ein Hund.