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Hütten-Serie "Hoch gelegen":So schön urig

Rauhekopfhütte im Kaunertal

Obwohl die Hütte spartanisch ausgestattet ist, herrscht großer Andrang.

(Foto: Florian Sanktjohanser)

Duschen mit Gletscherwasser, schlafen dicht an dicht und der Weg führt über den schmelzenden Gepatschferner - trotzdem wird die Rauhekopfhütte im Kaunertal von Gästen überrannt.

Im August 2015 hätten sie beinahe den Notstand ausrufen müssen auf der Rauhekopfhütte: Die Vorräte drohten auszugehen. "Zum Glück waren die Wirtinnen zwei patente Frauen, die aus den Resten noch etwas kochen konnten", sagt Daniel Sterner, der Vorsitzende der Alpenvereins-Sektion Frankfurt, zu der die Hütte gehört. Am Ende kam der Hubschrauber und brachte Nachschub.

450 Gäste pro Jahr, das war bis dahin der Standard auf der Hütte gewesen. Im Super-Bergsommer 2015 kamen plötzlich 600. "Und es werden jedes Jahr mehr", sagt Sterner. Das klingt zunächst einmal wenig erstaunlich. Überall in den Alpen werden die Berghütten von immer mehr Wanderern und Bikern überrannt. Die Rauhekopfhütte allerdings ist kein Massenbetrieb an einem Fernwanderweg. Sie liegt auf 2731 Metern Höhe über dem Gepatschferner im hinteren Kaunertal. Wer zu ihr hinaufsteigen will, muss den Gletscher überqueren. "Und sie ist noch urig", sagt Sterner. So urig, dass die Organisation Mountain Wilderness Deutschland sie in ihren Reiseführer "Wilde Hütten" aufgenommen hat.

Der Aufstieg beginnt 800 Höhenmeter tiefer, am Gepatschhaus. Man wandert über einen Wiesenhang, am Wegesrand wachsen Teufelskrallen, Kuckucksblumen und Heidekraut. "Früher ging man eine Dreiviertelstunde vom Gepatschhaus zur Gletscherzunge", sagt Sterner, "jetzt sind es eineinhalb Stunden." Kein anderer Gletscher in Österreich zieht sich derzeit schneller zurück. In einem Jahr schrumpfte der Gepatschferner um 121 Meter. An der Abbruchkante der Moräne sieht man deutlich, wie hoch der Gletscher einst reichte - gut 70 Meter höher als jetzt.

SZ-Serie: Hoch gelegen

Berghütten sind mehr als schlichte Schlafgelegenheiten im Gebirge mit Kaiserschmarrn-Verpflegung. Viele haben eine lange Geschichte, sind Ausgangsort für Bergsteigerkarrieren und für manche Menschen sogar der Lebensmittelpunkt. In der Serie "Hoch gelegen" stellen wir einige dieser alpinen Unterkünfte vor.

Steigeisen und Pickel sollten Wanderer trotzdem einpacken, denn noch immer geht man mehr als eine halbe Stunde über das Eis. Auf der anderen Seite steigt der Weg noch mal steil an, dann steht man vor der hellen Holzhütte mit Wellblechdach. Und wundert sich, hier im Hochgebirge Österreichs auf Hessisch begrüßt zu werden.

Stefan Ernst, 47 Jahre alt, kommt aus Königsstein im Taunus, für ein paar Wochen im Jahr lebt er hier. Ernst ist der Hüttenwart der Rauhekopfhütte. Und gerade wieder Wirt, für zwei Wochen, so wie all die anderen, die sich bei ihm bewerben und einen Zuschlag erhalten. Dieses Modell der rotierenden Teilzeitwirte ist einmalig. Vor elf Jahren kam Stefan Ernst zum ersten Mal mit einem Hochtourenkurs auf die Rauhekopfhütte - und verliebte sich sofort. Seit 2007 organisiert er den Hüttendienst. Bewerben könne sich jeder, sagt er, aber man sollte mindestens zu zweit sein. "Einer sollte kochen und einer mit der Technik umgehen können. Ist aber kein Hexenwerk."

Diesmal hat Ernst seine Partnerin, seine kleine Tochter, einen Freund und dessen Sohn dabei. Den Kindern scheint ihr Ferienlager auf dem Berg zu gefallen. Die Tochter im Dirndl bringt den Gästen Apfelschorle und Skiwasser, dann tobt sie wieder ums Haus. "Ich war damals gestresst, als ich das erste Mal hierher kam", erzählt Ernst. "Aber hier kam ich zur Ruhe." Natürlich müsse man auf der Hütte auch arbeiten. "Aber es ist sehr anders als der Alltag." Die Tage beginnen früh. "Wenn die Gäste um halb acht frühstücken wollen, müssen wir Stunden vorher einheizen und den Kaffee aufbrühen." Und zwar mit Holz. Die Solaranlage erzeugt nur genug Strom für Gefriertruhe, Kühlschrank, Hüttenkasse und die Notleuchten im Lager. Mehr ist nicht möglich, für Akkus wäre kein Platz. Abends sitzt man in der Stube bei Kerzenlicht zusammen, wie früher.

Ernst macht der Verzicht auf Komfort nichts aus. "Es ist sehr schön, mit Holz zu kochen", sagt er. "Wir haben immer heißes Wasser für Kaffee oder eine Suppe auf dem Herd." An diesem Tag ist es eine Gerstensuppe, dazu reichen die beiden Mitwirte Wurst- und Käsebrot, Walnuss- und Schokokuchen durchs Fenster auf die Terrasse.

Die Hütte ist winzig. Unterm Dach liegen die Matratzen in zwei Reihen, so dicht beieinander, dass man lieber keinen unruhigen oder übergriffigen Schläfer neben sich hat. Funzellampen erleuchten den Raum, der so niedrig ist, dass man kaum stehen kann. Die einzige Dusche steht draußen, über einem ausgehöhlten Baumstamm, dem Waschbecken. Das Wasser kommt aus dem Gletscherbach. An Sonnentagen erwärmt es sich im schwarzen Schlauch angeblich so stark, dass drei Gäste warm duschen können. "Es kam noch nie vor, dass Gäste enttäuscht waren", sagt Ernst. "Die Leute wissen, worauf sie sich einlassen." Die Alpenvereins-Sektion bekomme sogar Liebesbriefe: "Bitte lasst alles, wie es ist."

So einfach ist das allerdings nicht. 2010 forderten die Behörden, dass der Alpenverein eine neue Abwasseranlage einbaut. Ansonsten werde die Hütte geschlossen. Die Sektion diskutierte. 200 000 Euro für die Renovierung, so viel Geld, würde sich das lohnen? Am Ende entschied man, dass die Hütte besonders erhaltenswert sei, wegen ihrer Lage. Die Bergführer und Kursleiter sehen das genauso. Sie schätzen die Rauhekopfhütte als Basislager, auch im Winter, für Skitouren auf die Weißseespitze oder zum Fluchtkogel.

Für die Hüttenwirte bleiben diese Gipfel während ihres Dienstes meist unerreichbar. Aber zumindest auf den Rauhekopf sei er an einem ruhigen Nachmittag schon mal gestiegen, sagt Ernst. Er bleibt ohnehin gerne hier. Wenn morgens alle Gäste ausgeschwärmt sind, wenn aufgeräumt und abgespült ist, wenn es ruhig wird auf der Hütte, dann setzt er sich auf die Terrasse in die Sonne. Und genießt einfach den Blick auf den Kaunergrat, auf Fernergries und Ölgrubenspitze. "Fantastisch", sagt er.

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