Von der Talstation der Luftseilbahn Kies-Mettmen aus ist oben am Berg ein großer Holzkubus zu sehen. Ein modernes Haus mit einer Verschalung aus Lärchenholz. "Wir haben uns am Anfang gewundert, dass es keine Dachvorsprünge hat", sagt die Seilbahnbedienstete. Doch dann habe sie es sich angeschaut von außen und innen - und war begeistert: "Wenn man da reingeht, dann ist da dieser Duft nach Arvenholz - herrlich", sagt sie und atmet mit geschlossenen Augen tief ein. Schon wahr: Das auf 1610 Metern liegende Berghotel Mettmen hat mit Sehgewohnheiten gebrochen. Ein hochaufragender Baukörper mit einer eigenwilligen Kastenform, die wenig mit der typisch alpinen Bauweise gemein hat. Bruchstein, Holz, Glas, Sichtbeton, Stahl sind die Baustoffe, die der Architekt Thomas Aschmann vorwiegend eingesetzt hat. "Wir haben versucht, mit einfachen Mitteln und Materialien ein Berghotel zu realisieren", sagt er. Das ist ihm gelungen. Seit 1. Mai hat das Berghotel Mettmen auf der Mettmenalp im Schweizer Kanton Glarner Land geöffnet. Im Dezember startete ein Probelauf. "Wir haben den Betrieb langsam anlaufen lassen und waren überrascht vom Erfolg. Im Dezember und Januar hatten wird schon tausend Übernachtungen", sagt Romano Frei.
Der Blick vom neuen Berghotel Mettmen ist spektakulär schön.
So weit oben über dem Tal stören kaum Geräusche die Nachtruhe.

Sara und Romano Frei sind die Gastgeber.
Romano und Sara Frei, 37 und 36 Jahre alt, Eltern zweier kleiner Kinder, sind die Gastgeber hier oben. "Das ist keine Hütte", betont er, ergo sind er und seine Frau auch keine Hüttenwirte - das waren die beiden lange Jahre mit Leidenschaft in der einige Stunden Fußmarsch entfernten Leglerhütte. Das Berghotel ist der Gegenentwurf zur Hütte: In der Lounge treffen sich die Gäste am Kamin zum Apéro, wie sie hier zum Aperitif sagen, oder auf einen Plausch. Im Seminarraum tagen kleine Gruppen. Von der Sauna blicken die Gäste in den Wald und auf die Berge. Im Restaurant essen sie Gerichte einer ambitionierten regionalen Küche. Auf der Karte stehen zum Beispiel: Ziege, einst ein Arme-Leute-Gericht, Filet vom Reh oder heimische Käsesorten wie das Zigerstöckli. Der Übernachtungspreis enthält ein viergängiges Genießermenü. Und die bodentiefen Fenster in den geschmackvoll und doch schlicht eingerichteten Zimmern geben den Blick frei auf den Talboden mit dem Fluss Linth, zur Kantonshauptstadt Glarus und bei guter Sicht sogar bis zum Zürichsee. Die Resonanz ist gut. "Wir haben schon 2500 Buchungen für den Sommer", sagt Romano Frei.
Die Mettmenalp kannte er schon länger, er ist früher öfter hier am Garichti-Stausee vorbeigekommen - und an dem verlassenen Haus, in dem die Arbeiter lebten, die zwischen 1929 und 1931 die Staumauer errichtet haben. "Da könnte man was draus machen", habe er sich immer mal wieder gedacht, sagt Frei. Noch dazu, weil Haus und Stausee malerisch mitten in einem Freiberg liegen. Freiberg oder Fryberg heißen in der Schweiz Wildschutzgebiete. Joachim Bäldi, seinerzeit Landammann, also Vorsitzender der Kantonsregierung von Glarus, hat schon 1548 die Bedeutung des Naturschutzes erkannt und setzte sich dafür ein, die Mettmenalp zum Wildschutzgebiet zu machen. Seither ist die Jagd in diesem 106 Quadratkilometer großen Gebiet verboten. Über die Jahrhunderte ist hier oben ein Biotop mit seltenen Wildpflanzen, Säugetieren und Vögeln entstanden. Der Besucher kann Gämsen von ganz nah beobachten. Ein Naturidyll, mit Moorlehrpfad, kleiner Kneippanlage, Kletterfelsen. Und ein Wandergebiet, in dem man verschiedene, auch mehrtägige Touren zu anderen Hütten gehen kann.

Deshalb fragten die Freis Thomas Aschmann um Rat, als die ehemalige Unterkunft der Bauarbeiter vor vier Jahren zum Verkauf stand. Man kannte und schätzte sich bereits: Mit ihm hatten die jungen Eheleute schon die Leglerhütte erweitert und modernisiert. Nach einigem Hin und Her entschied man sich schließlich dafür, ein neues Haus auf den Grundmauern des alten zu bauen. Architekt Aschmann hat Erfahrung darin, er findet Umbauten viel spannender, ressourcenschonender und kostengünstiger: "Wenn du hundert Kubikmeter nicht abbrechen und ins Tal transportieren musst, das macht schon einen Unterschied", sagt er.
Die geschätzten Kosten waren dennoch happig: fünf bis sechs Millionen Franken. "Uns war schnell klar: Das geht nicht allein." Die Finanzierung ist ein Lehrstück darüber, wie man mit einem guten Netzwerk an Freunden, Familie, Kunden und Geschäftspartnern ein Projekt auf die Beine stellen kann, auch wenn das Eigenkapital nicht reicht. Es brauchte vor allem eines: "Leute, die an unser Projekt glaubten", erzählt Frei. Sie gründeten eine Aktiengesellschaft, gaben 250 Aktien zu je 500 Franken aus und sammelten "erstaunlich schnell" viel Geld ein. Dann gab die Bank zwei Millionen. Den Rest finanzierten und finanzieren immer noch Sponsoren.
Einzige Gegenleistung ist ein kleines Namensschild. So kommt es, dass im Berghotel Mettmen fast alle Stühle, Tische, die Zimmer, die Lounge, sogar die Sauna diskret einen Namen tragen. Schwarmfinanzierung nach Schweizer Art. "Als Nächstes kommen die Außenmöbel dran", sagt Romano Frei.