Tourismus Wie Kreuzfahrtschiffe gegen Angriffe gerüstet werden

Reedereien statten ihre Schiffe gegen Piraten und Terroristen teils mit Spezialkräften und Schallkanonen aus - doch man spricht nicht gern darüber.

Von Frank Behling

Die deutsche Sprache ist nicht gerade bekannt für Vereinfachungen. Der Begriff Sicherheit umschreibt alles, was irgendwie Gefahr ausstrahlt. In der Schifffahrt ist das inzwischen anders. Im anglo-amerikanischen Sprachraum wird die Sicherheit in die Gruppen Safety und Security getrennt.

Nach schweren Schiffsunglücken - zu denken wäre etwa an die Costa Concordia - ging es in Deutschland viel um das Thema Safety: die Sicherheit des Menschen an Bord eines Schiffes vor Havarien. Inzwischen beschäftigen Reedereien aber auch ganze Abteilungen mit dem Thema Security, dem Schutz von Schiff und Passagier gegen Kriminelle oder Terroristen. Im Gegensatz zum Thema Safety sind Reedereien bei der Security jedoch schweigsam. Innovative Rettungsmittel werden offensiv vermarktet. Schafft eine Reederei aber ein neues Schutzsystem zur Überwachung an, ist dies Geheimsache.

Hinzu kommt die Aufrüstung in den Häfen

"Das ist auch Teil des Sicherheitskonzeptes. Man will sich ungern bei diesem Thema in die Karten schauen lassen", sagt Helge Grammerstorf vom Kreuzfahrt-Branchenverband Clia. Wer aber bei der Fachmesse SMM im September in Hamburg hingeschaut hat, der fand zwischen den Herstellern von Feuerlöschern, Rettungsinseln und Radaranlagen auch Firmen mit dem Wort Security im Namen. Neben modernster Kameratechnik, die in integrierenden Verfahren die biometrischen Merkmale von Menschen im gesamten Schiff abgleichen, sind sogar defensive Waffen für Kreuzfahrtschiffe im Angebot. Dazu gehört die Schallkanone: Die Long Range Acoustic Devices (LRAD) ähneln riesigen Scheinwerfern und sollen verdächtige Boote auf Distanz halten.

Fragen nach diesen Systemen verhallen in den Weiten der Flure der Reedereizentralen. Schutzmaßnahmen sind fast so gut gehütete Geschäftsgeheimnisse wie der nächtliche Umsatz der Bars an Bord. Nach unkommentierten Angaben von Schiffsbauern haben die Reedereien allein in Europa im vergangenen Jahr zweistellige Millionenbeträge in Sicherheitsmaßnahmen investiert. Pro Schiff sind zum Teil 15 bis 20 Crewmitglieder allein im Bereich Security tätig. Hinzu kommt die Aufrüstung in den Häfen. Beim Schutz der Schiffe setzen Reedereien auf Mensch und Technik. Die neue Aida Prima hat mehr Kameras als die Münchner Allianz-Arena, in der rund 100 Stück installiert sind. Hinzu kommen Sicherheitskräfte an Bord. Geschult wird dieses Personal bei Aida auch in Zusammenarbeit mit der deutschen Polizei. Spezialeinsatzkommandos und auch die Elitetruppe GSG 9 der Bundespolizei trainieren in Kiel regelmäßig an Kreuzfahrt- und Fährschiffen. Meist unbemerkt von Passagieren.

Proben für den Ernstfall: Das SEK des Landes Schleswig-Holstein entert in Kiel die Aida Cara.

(Foto: Frank Behling)

Die Reederei MSC, Marktführer in Europa, setzt seit Jahren erfolgreich auf das Know-how israelischer Sicherheitskräfte. Diese Frauen und Männer verfügen über eine Ausbildung in der israelischen Armee oder beim Geheimdienst. 2009 hatte eines dieser Teams vor den Seychellen erheblichen Anteil an der Abwehr eines Piratenangriffs auf die MSC Melody - ohne den Einsatz von Schusswaffen. Der Verdienst der Frauen und Männer liegt bei bis zu 1800 Dollar im Monat. Auch versuchte Schleusungen von Flüchtlingen wurden aufgedeckt: beim Abgleich der Passdaten traten Auffälligkeiten zutage.

Bei der technischen Ausstattung setzen die Reedereien ganz auf die körperlichen Fähigkeiten. Schusswaffen sind tabu. Moderne Kreuzfahrtschiffe haben für spezielle Lagen heute zusätzlich einen Raum für die Koordination von Einsätzen und den Zugriff auf alle Kamera- und Kommunikationssysteme.

Die Wachsamkeit der Sicherheitskräfte ist angesichts der Bedrohungen durch Terror hoch. Das zeigte sich am 6. August in Kiel, als die Einschiffung der Passagiere der MSC Musica und Mein Schiff 4 für zwei Stunden gestoppt wurde. Bei der Gepäckkontrolle war im Koffer eines aus Spanien stammenden Passagiers ein verdächtiger Gegenstand entdeckt worden. Der Kampfmittelräumdienst rückte an und öffnete das Gepäckstück. Ergebnis: Es war eine exklusive Gürtelschnalle, deren Form und Material auf dem Röntgengerät einer Handgranate täuschend ähnlich sah. Bei diesen Durchleuchtungen werden in US-Häfen inzwischen aus Sicherheitsgründen auch größere Flüssigkeitsmengen aus den Koffern geholt. Meist ist es hochprozentiger Alkohol. Begründung ist auch hier offiziell der Schutz vor gefährlichen Gegenständen - ähnlich wie in der Luftfahrt.

Trotz der möglichen Bedrohungsszenarien zählen Kreuzfahrtschiffe zu den sichersten Verkehrsmitteln der Welt. Nicht der Terror, sondern die normale Kriminalität ist meist Anlass für Einsätze. So hat die US-Bundespolizei FBI im vergangenen Jahr 14 Gewaltdelikte auf Kreuzfahrtschiffen untersucht. Es handelte sich dabei um zwei Todesfälle, drei Fälle von schwerer Körperverletzung und neun sexuelle Übergriffe. Die Fälle ereigneten sich laut FBI an Bord von Schiffen großer US-Reedereien.

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