Süddeutsche Zeitung

Haute Route von Chamonix nach Zermatt:Sommer auf dem Eis

Lesezeit: 6 min

Einmal im Leben von Chamonix nach Zermatt durch die Westalpen - die Haute Route ist die Königin aller Skitouren. Nun kommt die Strecke auch im Sommer wieder in Mode. Ein Selbstversuch.

Von Florian Sanktjohanser

Es ist stockdunkel, als die Bergsteiger die Stahlleiter hinabklettern. Die Zacken der Steigeisen bleiben an den Sprossen hängen, es ist kalt. Wie benommen trottet die Seilschaft über den Gletscher, Nebel verschluckt die Berge ringsum. Klasse Sommerurlaub, denkt man. Und verscheucht den kleingeistigen Missmut gleich wieder. Denn heute ist der große Tag: die letzte Etappe, über Eis und Fels zum Matterhorn. Die Krönung der Haute Route.

Seit Generationen träumen Tourengeher von dieser Reise. Einmal im Leben auf Skiern von Chamonix nach Zermatt durch die Westalpen, vorbei an etlichen Viertausendern. Die Haute Route ist die Königin aller Skitouren. Was kaum einer weiß: Ursprünglich war sie ein Sommerweg.

Mitte des 19. Jahrhunderts suchten die britischen Gentleman-Bergsteiger eine direkte Verbindung, einen Höhenweg zwischen den Epizentren des Alpinismus. Und eine spannendere Alternative zur Kutschfahrt durch das Rhônetal. 1842 fand sie der Geologe und Schriftsteller James David Forbes. Im Zickzack ließ er sich von Einheimischen über die damals bekannten Pässe führen. Mitglieder des britische Alpine Club vollendeten bis 1861 die High Level Route. Und machten sie weltberühmt.

Dieter Lutz weiß nicht mehr, wann er seine erste Haute Route gegangen ist. Spät, sagt er, wahrscheinlich mit Anfang 30. "Es hat mich nicht interessiert. Weil es zu einfach ist." Der 64-Jährige ist drahtig wie ein Asket, die Sonne hat sein Gesicht rotbraun gegerbt. Man hätte ihn auch ohne den Schriftzug der Alpinschule auf der Hose als Bergführer erkannt.

Lutz sitzt auf einer Wiese gegenüber der Talstation des Skilifts von Le Tour. Hier, im Talschluss oberhalb von Chamonix, treffen sich die meisten Gruppen, die die Haute Route als Paket bei einem Veranstalter gebucht haben. 30 bis 50 Mal wird er die Tour schon geführt haben, schätzt Lutz, im Sommer wie im Winter. Seine Gruppe für die sechstägige Tour dieses Mal: ein Steuerberater aus Köln und eine Familie aus dem Schwarzwald, die Söhne 17 und 15 Jahre alt.

Mit Gondel und Lift geht es hinauf zum Col de Balme, unten springen Biker in Panzerung und Helm über Schanzen, in der Ferne leuchten die Gletscher über Chamonix. Die erste Etappe ist ein Spaziergang, über sanft ansteigende Wege wandert die Gruppe bergauf, Familien mit kleinen Kindern kommen ihr entgegen. Und doch bekommt man einen Vorgeschmack auf die hochalpine Welt, durch die man die kommenden Tage gehen wird.

Hinter einem Hang aus Gneisplatten kommt der Glacier du Tour in Sicht, aus seinem hellblau schimmernden Eispanzer schießt wie aus einer Düse Schmelzwasser und ergießt sich in Kaskaden über rund gewaschene Felsen. Auf einem Felspodest darüber sitzt die erste Hütte. Das "Refuge Albert 1er" auf 2707 Metern wirkt wie eine Jugendherberge, bunt, spartanisch, funktional. Der Speisesaal ist proppenvoll. "Man kann die Haute Route nicht mit dem beliebten Fernwanderweg E 5 vergleichen", sagt Lutz, "aber freilich boomt sie auch. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Hütten so ausgebaut wurden."

Seit Alpenüberquerungen groß in Mode sind, gehen auch wieder mehr Bergsteiger im Sommer die Haute Route. Es gibt einige Varianten, darunter eine entschärfte Version, bei der man keinen einzigen Gletscher überquert. Stellt sich die Frage, ob man in Zeiten von GPS-Geräten die Haute Route auch ohne Guide gehen kann. "Ja", sagt Lutz, "bei schönem Wetter schon."

Es dämmert noch, als Lutz am nächsten Morgen über einen Geröllhang und Schneefelder bergauf führt. Am Gletscher zeigt er erst mal, wie man die Steigeisen über die Bergstiefel zieht. Und erklärt die Grundregeln. Die wichtigsten: niemals mit den Steigeisen aufs Seil treten! Und das Seil immer einigermaßen gespannt halten.

Gleichmäßig geht es über den Gletscher aufwärts, ab und an muss man einen langen Schritt über eine Spalte machen. Wolkenfetzen jagen über den schrumpeligen Eispanzer, aus dem zwei gigantische Skorpionstachel aus Granit aufragen. Sie sind das Tor zum Col Supérieur du Tour, der ersten Passhöhe. Lutz kürzt den Seilabstand auf zwei Meter, um besser sichern zu können, falls jemand ausrutscht. "Die Spaltengefahr ist hier gleich null", sagt er. Dafür wird es nun anstrengender. Und noch langsamer.

Im Zickzack stapft man zum Sattel, eine andere Seilschaft überholt, es kommt zum Stau. Der Wind pfeift immer kälter und heftiger, bald muss man über verkantete Felsen klettern, mit den Stahlspitzen der Steigeisen. Der Vordermann zerrt, der Hintermann schreit, der Wind pfeift. Es sind stressige Minuten - bis man plötzlich in der Scharte steht und über ein Eisfeld blickt, das in der gleißenden Morgensonne blendet. Dahinter stechen die Granitzacken der Aiguilles Dorées in den Himmel.

Zum Staunen bleibt keine Zeit, Lutz ist kein Fan von Pausen. Trinkt jemand zu lange, geht er los und ruft: "Ihr kommt schon nach." Diesmal ist Eile angebracht, dunkle Wolken quellen am Horizont. Im Laufschritt quert Lutz die weiße Pfanne, die Mittagspause in der Cabane du Trient am anderen Ende fällt aus. Föhnböen schubsen von der Seite, eine Stunde noch, dann ist es geschafft. Kurz vor zwölf zischen in der Cabane d'Orny die Weißbierdosen.

Der Nachmittag ist lang, wenn einen der eisige Wind nach ein paar Minuten wieder in die Hütte treibt. Was tun, wenn man aus Gewichtsgründen kein Buch eingepackt hat und das Bier 6,50 Euro kostet? Genau, man legt sich hin. Die beiden Jungs schaffen es so, fast den ganzen Nachmittag durchzuschlafen. Von der Terrasse der Hütte aus kann man in der Ferne die etwas nördlich verlaufende Winterroute erahnen.

Sie führte südlich des Grand Combin entlang. Wegen der Steinschlag-Salven von den auftauenden Flanken ist sie seit einigen Jahren im Sommer zu gefährlich. Aber es geht ohnehin fast niemand die komplette Strecke von Chamonix nach Zermatt. Selbst der Reiseführer empfiehlt, den Abschnitt zwischen Champex und Mauvoisin zu überspringen. Es wären zwei zusätzliche Tage durchs Tal, ein langer, fader Hatsch. Und da es am nächsten Morgen regnet, kürzt Lutz auch noch den Abstieg nach Champex per Sessellift ab.

Der Stockjigletscher ist zerrissen von Spalten, in denen man einen Bus versenken könnte

Das Wetter ist nicht besser, als sich die Tür des Minibusses auf der Staumauer des Lac de Mauvoisin öffnet. Doch selbst im Regen bezaubert der Fjordsee. Wasserfälle glitzern in den grünen Felswänden, an der Oberkante hängt ein Gletscher über. Durchnässt kommen alle in der Hütte an. Und sehen zum Frühstück wieder Sturm und Regen vor dem Fenster.

"Da ist guter Rat teuer", sagt Lutz. Es sieht nach Abstieg aus, nach dem Abbruch zumindest dieser Etappe. Doch der alte Bergfuchs hält wenig von Wetter-Apps. Und wie durch ein Wunder reißt es auf, als er die Gruppe durch eine Schlucht und über die flache Rampe des Glacier d'Otemma führt. Man feiert sich gerade für die Furchtlosigkeit, da fallen Flocken, bald blasen Böen die Kristalle ins Gesicht. Es geht eine Flanke hinauf, "das Seil straff halten", ruft Lutz, "hier ist alles voller Spalten". Vorsichtig geht er weiter, stochert ab und an mit der Eisaxt im Schnee - und sackt bis zum Bauch in eine Spalte.

Es wird neblig, immer wieder bricht jemand ein, mal bis zum Knie, mal bis zur Hüfte. Rausrobben und weiter, über verschneite Felsen und eine Wechte. Bis endlich die Cabane des Vignettes auf einem Fels aus dem Nebel auftaucht. Ein Holzofen knistert in der Trockenkammer, die Hütte ist ein surreal komfortables Refugium auf 3157 Metern Höhe. "Die alte Hütte war ein übles Krähennest", sagt Lutz. "Morgens lag Raureif auf den Decken." Jetzt liegen morgens Rührei mit Speck und Stapel frischer Pfannkuchen auf den Tellern des Buffets.

"Wir drehen um"

Noch erstaunlicher ist aber die Bertolhütte. Man sieht sie am nächsten Tag schon von Weitem, auf einem Felsdorn über einer steilen Schneewand, 3311 Meter hoch. "Die perfekte Fluchtburg für die Zombie-Apokalypse", sagt einer der Jungs. Und ein herrliches Basislager für die finale Königsetappe. Vom Balkon aus Eisengittern überblickt man weite Eishügel, überragt von der Pyramide der Dent Blanche. Am Horizont lugt klein das Matterhorn heraus. Sechs Stunden Sonne kündigt der Wetterbericht an. Alle sind sehr zuversichtlich.

Um 3.45 Uhr klingelt der Wecker. Frühstück, anziehen, in die Steigeisen und die Leiter runter. Gut eine Stunde stapft die stumme Kolonne durch den Nebel, langsam wird es heller. Da bleibt Lutz plötzlich stehen und sagt lapidar: "Wir drehen um." Das war's. Kein Rundumblick von der Tête Blanche auf die Viertausender ringsum, kein Zieleinlauf vorbei am Matterhorn.

"Wir hatten null Sicht", erklärt Lutz später, "und der Stockjigletscher ist eine andere Liga." Zerrissen von großen Spalten, in denen man einen Bus versenken könnte. "Wenn sich jemand verletzt, kann ich in diesem Nebel nicht mal den Hubschrauber rufen." In all den Jahren passiere es ihm erst zum zweiten Mal, dass er die letzte Etappe nicht gehen kann. Es fühlt sich wie ein Scheitern an. Doch ein Gedanke tröstet: Das Hochgebirge bleibt unzähmbar.

Info

Anreise: Am einfachsten ist es, nach Genf zu fliegen und dort den Bus nach Chamonix zu nehmen. Die schönere und länger dauernde Variante ist die Zugfahrt durch Österreich und die Schweiz.

Wanderung: Mehrere Bergreiseveranstalter bieten die Haute Route als Paket an, z. B. bei Alpinschule Oase inklusive Bergführer, sechs Übernachtungen und Ausrüstung für 1395 Euro, www.oase-alpin.de, Telefon 083 22/800 09 80. Wer auf eigene Faust gehen will, sollte antizyklisch an einem Werktag aufbrechen und vorab Hüttenschlafplätze reservieren.

Literatur: Marianne Bauer/Michael Waeber: Haute Route. Von Chamonix nach Zermatt. Bergverlag Rother, München 2015. 200 Seiten, 14,90 Euro.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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SZ vom 17.08.2017/ihe
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