Haute Route von Chamonix nach Zermatt:Der Stockjigletscher ist zerrissen von Spalten, in denen man einen Bus versenken könnte

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Das Wetter ist nicht besser, als sich die Tür des Minibusses auf der Staumauer des Lac de Mauvoisin öffnet. Doch selbst im Regen bezaubert der Fjordsee. Wasserfälle glitzern in den grünen Felswänden, an der Oberkante hängt ein Gletscher über. Durchnässt kommen alle in der Hütte an. Und sehen zum Frühstück wieder Sturm und Regen vor dem Fenster.

"Da ist guter Rat teuer", sagt Lutz. Es sieht nach Abstieg aus, nach dem Abbruch zumindest dieser Etappe. Doch der alte Bergfuchs hält wenig von Wetter-Apps. Und wie durch ein Wunder reißt es auf, als er die Gruppe durch eine Schlucht und über die flache Rampe des Glacier d'Otemma führt. Man feiert sich gerade für die Furchtlosigkeit, da fallen Flocken, bald blasen Böen die Kristalle ins Gesicht. Es geht eine Flanke hinauf, "das Seil straff halten", ruft Lutz, "hier ist alles voller Spalten". Vorsichtig geht er weiter, stochert ab und an mit der Eisaxt im Schnee - und sackt bis zum Bauch in eine Spalte.

Es wird neblig, immer wieder bricht jemand ein, mal bis zum Knie, mal bis zur Hüfte. Rausrobben und weiter, über verschneite Felsen und eine Wechte. Bis endlich die Cabane des Vignettes auf einem Fels aus dem Nebel auftaucht. Ein Holzofen knistert in der Trockenkammer, die Hütte ist ein surreal komfortables Refugium auf 3157 Metern Höhe. "Die alte Hütte war ein übles Krähennest", sagt Lutz. "Morgens lag Raureif auf den Decken." Jetzt liegen morgens Rührei mit Speck und Stapel frischer Pfannkuchen auf den Tellern des Buffets.

"Wir drehen um"

Noch erstaunlicher ist aber die Bertolhütte. Man sieht sie am nächsten Tag schon von Weitem, auf einem Felsdorn über einer steilen Schneewand, 3311 Meter hoch. "Die perfekte Fluchtburg für die Zombie-Apokalypse", sagt einer der Jungs. Und ein herrliches Basislager für die finale Königsetappe. Vom Balkon aus Eisengittern überblickt man weite Eishügel, überragt von der Pyramide der Dent Blanche. Am Horizont lugt klein das Matterhorn heraus. Sechs Stunden Sonne kündigt der Wetterbericht an. Alle sind sehr zuversichtlich.

Um 3.45 Uhr klingelt der Wecker. Frühstück, anziehen, in die Steigeisen und die Leiter runter. Gut eine Stunde stapft die stumme Kolonne durch den Nebel, langsam wird es heller. Da bleibt Lutz plötzlich stehen und sagt lapidar: "Wir drehen um." Das war's. Kein Rundumblick von der Tête Blanche auf die Viertausender ringsum, kein Zieleinlauf vorbei am Matterhorn.

"Wir hatten null Sicht", erklärt Lutz später, "und der Stockjigletscher ist eine andere Liga." Zerrissen von großen Spalten, in denen man einen Bus versenken könnte. "Wenn sich jemand verletzt, kann ich in diesem Nebel nicht mal den Hubschrauber rufen." In all den Jahren passiere es ihm erst zum zweiten Mal, dass er die letzte Etappe nicht gehen kann. Es fühlt sich wie ein Scheitern an. Doch ein Gedanke tröstet: Das Hochgebirge bleibt unzähmbar.

Info

Anreise: Am einfachsten ist es, nach Genf zu fliegen und dort den Bus nach Chamonix zu nehmen. Die schönere und länger dauernde Variante ist die Zugfahrt durch Österreich und die Schweiz.

Wanderung: Mehrere Bergreiseveranstalter bieten die Haute Route als Paket an, z. B. bei Alpinschule Oase inklusive Bergführer, sechs Übernachtungen und Ausrüstung für 1395 Euro, www.oase-alpin.de, Telefon 083 22/800 09 80. Wer auf eigene Faust gehen will, sollte antizyklisch an einem Werktag aufbrechen und vorab Hüttenschlafplätze reservieren.

Literatur: Marianne Bauer/Michael Waeber: Haute Route. Von Chamonix nach Zermatt. Bergverlag Rother, München 2015. 200 Seiten, 14,90 Euro.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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