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Hasankeyf in der Türkei:Ein Ort vor dem Verschwinden

Hasankeyf, Anatolien, Türkei

Hasankeyf - bald wird hier alles anders aussehen.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Hasankeyf am Tigris ist ein Ort mit tausendjähriger Geschichte. Einst verlief durch ihn ein Zweig der Seidenstraße, nun soll er geflutet werden. Wer ihn noch sehen will, muss jetzt hin.

Sieben Wege führen hinauf auf den Rücken des Monolithen. Einer ist in die Steilwand geklopft, die Treppen sind nahezu senkrecht. Ungefährlicher ist der Aufstieg über einen breiten, steingepflasterten Weg, vorbei an Höhlen, durch zerfallene Stadttore, über Klippen und Holztreppen. Eidechsen wetzen über Stufen, Steinchen rollen in die Tiefe.

Oben angekommen, liegt die herbe Schönheit Südostanatoliens vor einem: zerklüftete Bergketten, Granatapfelhaine, Dörfer mit Moscheen, deren Kuppeln von sandfarbenen Minaretten überragt werden. Und dazwischen fließt der Tigris, jener Fluss, der im Osten der Türkei entspringt und nach 1900 Kilometern in den Persischen Golf mündet. Jener Fluss, der schon die ersten Felder der Menschheit bewässerte.

"Willkommen auf der Felsenfestung. Willkommen in Hasankeyf", sagt Bilal Sidik und breitet die Arme aus. In einem Atemzug hakt er zehntausend Jahre Geschichte ab. Assyrer, Perser, Römer, Araber, Seldschuken, Osmanen, alle kamen und gingen. "Siehst du die alte Brücke?", fragt Bilal und deutet auf zwei Stümpfe in der Tiefe, die aus dem Tigris ragen. Es sind die Reste von Pfeilern einer vor 800 Jahren erbauten Steinbrücke.

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Je größer der Protest, desto mehr Besucher kamen

Hasankeyf war Grenzposten und Handelszentrum. Über einen Zweig der Seidenstraße verband die Stadt Anatolien mit Persien und Mesopotamien. Von der Felsenfestung ist wenig geblieben. Erdbeben und die Zeit haben sie geschliffen. Und bald schon wird der ganze Ort Geschichte sein. Der Ilısu-Staudamm, 70 Kilometer flussabwärts, ist so gut wie fertiggestellt. 2016 werden Hasankeyf und 200 weitere Ortschaften untergehen in einem 300 Quadratkilometer großen See.

Der Staudamm ist Teil des Südanatolien-Projekts, eines der größten Vorhaben in der Geschichte der Türkei. 22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke sind entlang von Euphrat und Tigris geplant; sie sollen den wachsenden Energiehunger des Landes stillen. 2006 legte der heutige Präsident Tayyip Erdoğan den Grundstein zum Bau des Damms - trotz heftiger Gegenwehr der örtlichen Bevölkerung.

Hasankeyf in der Türkei

Vor dem Verschwinden

Umweltschützer hatten noch versucht, Hasankeyf auf die Unesco-Weltkulturerbe-Liste setzen zu lassen. Petitionen wurden verfasst, Klagen eingereicht, Broschüren an Touristen verteilt, Brücken und Straßen blockiert. Alles vergebens. Doch je größer und lauter sich der Protest erhob, desto mehr Besucher kamen. Aus der Türkei und dem Ausland. Gerade erlebt Hasankeyf den vermutlich letzten Touristenboom.