Hans Brinker Hotel in Amsterdam Zwei Nächte im "schlechtesten Hotel der Welt"

"Du denkst, es kann nicht schlimmer kommen, doch wir schaffen das": So wirbt das Hans Brinker Hotel in Amsterdam. Zeit für einen Hausbesuch, natürlich unangekündigt.

Von Katja Schnitzler, Amsterdam

Das schlechteste Hotel der Welt liegt in Amsterdam. So definiert das Management des Hans Brinker Budget Hotels sein Etablissement: Wenn der Gast denke, schlimmer könne es nicht kommen - nun, bei Hans Brinker seien sie stets bemüht, das niedrige Niveau noch zu unterbieten. Mit humorvollen, zum selbstironischen Zeitgeist passenden Kampagnen machte das Hotel, das eigentlich ein Hostel ist, auf sich aufmerksam: "Wir sind stolz darauf, Dreck sowie eine große Bandbreite an Bakterien zu bieten. Nur eine Nacht bei uns bringt dein Immunsystem wieder auf Touren. Aktiviere es, bevor es zu spät ist!"

Doch in letzter Zeit will das billige Hotel in bester Lage an der Keizersgracht ganz unironisch gemocht werden, genauer gesagt: Es will das Hotel mit den meisten Facebook-Likes der Welt werden. Setzt das schlechteste Hotel der Welt plötzlich auf ein Saubermann-Image? Zeit für einen Besuch, natürlich unangekündigt - um einige Vorurteile zu prüfen, die das Hotel mehr oder weniger selbst in die Welt gesetzt hat.

Vorurteil 1: Dem Personal ist alles egal.

"Danke, dass du uns störst", bereitete die Telefonansage auf einen wenig herzlichen Empfang vor. Aber dann: Alle sind so nett hier, auch bei der Ankunft zur besten Partyzeit um elf Uhr nachts. Kein Problem, der Schreibtisch am Eingang ist rund um die Uhr besetzt. Wer nachts Einlass begehrt, müsse nur den Schlüssel ans Fenster halten, schon werde geöffnet. Für diesen Schlüssel wird ebenfalls sehr höflich um fünf Euro Kaution gebeten. Die gibt es nur zurück, wenn der Gast vor zehn Uhr (vormittags!) ausgecheckt und nichts kaputtgemacht hat. Ein positiver erster Eindruck: Hier wird offenbar doch Wert auf intaktes Inventar gelegt.

Vorurteil 2: Es ist schmutzig.

Auf dem graublauen Linoleumboden, der farblich auf die Zimmertüren abgestimmt ist, lässt sich die Sauberkeit nicht wirklich gut beurteilen. Das schmale Viererzimmer ist offensichtlich bereits von drei anderen Gästen bezogen, die ihr Gepäck auf vier Betten verteilt haben. Vielleicht stammen die Make-up-Spuren auf dem weißen Laken ja von den Zimmergenossen. Ein anderer verdächtiger Fleck lässt sich leicht abkratzen, das Kopfkissen ist aber makellos. Und die gelben Spuren auf dem Handtuch sind ebenfalls kein Problem, ich habe mein eigenes eingepackt.

Das Bad überrascht positiv, nicht nur weil jedes Zimmer sein eigenes hat: Die weißen Fliesen sind sauber, in den Fugen ist nicht mehr Schimmel als in anderen fensterlosen Hotelbädern. Der Spiegel wurde streifenfrei geputzt und beweist, dass Reisen bildet: Ich wusste gar nicht, dass auch Spiegel wegrosten können.

Auch sonst ist für Reinlichkeit gesorgt: Entgegen der Anti-Werbung ist durchaus Klopapier vorhanden, man findet es nur nicht. Jedenfalls nicht gleich. Die Rolle hängt auf Kopfhöhe bereit, wenn man steht. Wie rücksichtsvoll, den Gästen in der Nasszelle - die wegen ihrer Ausmaße diesen Namen wirklich verdient hat - auf dem Klo etwas mehr Armfreiheit zu verschaffen.

Hans Brinker Hotel in Amsterdam

Besuch im "schlechtesten Hotel der Welt"

Vorurteil 3: Es ist laut.

Um kurz nach Mitternacht werden die Terrassentüren zur Bar geschlossen, so dass nur noch das gutturale Grölen spätpubertierender Raucher zu hören ist. Gedämpft dringt "Sweet dreams" von Eurythmics durch, was paradoxerweise wieder wacher macht: Dies ist nun schon das fünfte Lied aus den 1980ern, obwohl nur die wenigsten Hotelgäste damals schon geboren waren. Im hauseigenen Keller-Club mit zwei Pole-dance-Stangen, an denen keiner zu tanzen wagt, weil auch sonst niemand tanzt, sitzen ein paar Grüppchen und hören Musik aus der Jetztzeit. Entweder glühen sie vor oder sind auf Klassenfahrt und dürfen nicht mehr allein durch die Stadt ziehen.

Im Viererzimmer sind drei Britinnen, Anfang 20, eingetroffen. Sie blockieren nicht lange das Bad: Zwei werfen sich wie sie sind ins Bett, nur eine putzt sich schnell die Zähne. Im Nachbarzimmer legt man offenbar ebenfalls Wert auf Hygiene, es rauscht und gluckert.

Vom Einschlafen hält dann nur noch das regelmäßige Aufstöhnen einer Britin ab, die noch eine Stunde lang Nachrichten auf dem Smartphone checkt. Es sind offenbar keine guten, sie seufzt tief und schwer. Dafür schläft sie selig weiter, als zwischen drei und vier Uhr nachts jemand mit einem Korbstuhl auf dem Flur Fußball spielt. Jedenfalls hört es sich so an.