Programmkinos in Hamburg:"Es ist rührend, wie bewegt die Menschen sind"

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Das Abaton war eines der ersten Programmkinos in Deutschland. Momentan darf die Hälfte der Plätze besetzt werden. Die Nachfrage ist gut.

(Foto: Jürgen Ritter/imago images)

Wer jetzt ins Kino geht, muss einiges auf sich nehmen. Doch trotz Pandemie erleben die Hamburger Programmkinos einen ziemlich guten Sommer.

Interview von Anja Martin, Hamburg

Hamburg hat viele Programmkinos. Felix Graßmann leitet das Abaton, das vor mehr als fünfzig Jahren von seinem Vater gegründet worden ist und jetzt einen erstaunlich guten Sommer hat. Ein Gespräch darüber, was es einem Kino bringt, Streaming anzubieten. Und warum Kino die Menschen jetzt besonders glücklich macht.

Herr Graßmann, wie läuft der Kinosommer?

Felix Graßmann: Wir hatten ja das große Glück, wenn man von Glück da überhaupt reden kann, dass der Lockdown praktisch zur besten Kinozeit stattfand, nämlich im letzten Winter und Frühjahr. Alle guten Filme, die da hätten rauskommen sollen, wurden in den Sommer geschoben, sodass es praktisch kein Sommerloch beim Filmangebot gab. Normalerweise hätten uns diese extrem guten und hochwertigen Filme die Kassen im Winter voll gemacht. Dadurch, dass sie jetzt im Sommer kommen - also Filme wie "Nomadland", "Der Rausch" oder "Minari" - läuft es eigentlich sehr gut.

Und wie steht es mit den Hygienemaßnahmen?

Wir haben in Hamburg zwar ziemlich strenge Auflagen, können aber immerhin fünfzig Prozent der Plätze nutzen, sodass wir uns schon in Richtung schwarze Zahlen bewegen. Wir machen zwar immer noch Verluste, aber das ist nicht mehr so dramatisch wie im letzten Sommer. Am Platz darf man trinken und essen, dafür die Maske abnehmen, aber sonst muss man im Saal die Maske tragen. Wir haben im Grunde vier Sicherheitsstufen: Zum einen dürfen nur Getestete, Geimpfte oder Genesene ins Kino. Die Besucher müssen Abstand halten. Und eben eine Maske tragen. Und dann müssen wir die Lüftungsanlage auf höchster Stufe laufen lassen, damit wir garantieren können, dass zehnmal in der Stunde die Luft komplett ausgetauscht wird - also alle sechs Minuten.

Spüren Sie ein Aufatmen bei den Gästen, weil die Kinos wieder offen sind?

Es ist rührend, wie bewegt die Menschen sind, endlich wieder in ihr Kino zu können. Und dass das für sie ein Ort ist, der ihnen gefehlt hat. Wir haben ein großes Stammpublikum, ein sehr treues. Das ist unser großes Glück.

Was treibt die Leute wieder in die Kinos? Wo sie sich doch so an die Couch gewöhnt haben?

Filme gucken im Kino ist etwas anderes. Da schaut man wirklich, was sich auf der Leinwand tut. Das ist zu Hause nicht so der Fall. Auch dadurch, dass jeder immer mehr von den digitalen Geräten um sich herum liegen hat. Da guckt man auf dem Fernseher eine Serie, gleichzeitig klingelt das Telefon und man surft nebenher im Internet. Das wirkt sich natürlich auf das Filmerlebnis aus.

Felix Graßmann

"Unser Stammpublikum weiß, dass es sich auf unsere Filmauswahl verlassen kann." Felix Graßmann leitet das Abaton, das sich auf politisches Kino und deutsches Autorenkino spezialisiert hat.

(Foto: Abaton)

Sie bieten nun auch Streaming an.

Ja, das stimmt. Aber es wird für uns nie eine wirtschaftliche Bedeutung haben. Dafür sind die Margen viel zu gering. Es ist nur eine Möglichkeit, die wir den Leuten bieten wollen, wenn sie zu Hause sind und sich nicht durch die 25 000 Filme auf Netflix oder bei Amazon wühlen wollen. Und das ist ja auch der Grund, warum wir so ein großes Stammpublikum haben. Sie wissen, dass sie sich auf unsere Filmauswahl verlassen können. Das ist es, was sie schätzen. Und das haben wir ins Internet verlegt, um den Leuten auch bei den gestreamten Filmen zur Seite stehen zu können.

Ist Hamburg besonders offen für Programmkinos?

Die Programmkinolandschaft in Hamburg steht eigentlich ganz gut da, aber die Dichte könnte man auch noch erhöhen. Es gibt Richtung Hafencity gewisse Lücken. Das ist aber bisher auch noch kein richtiges Wohnviertel. Richtung Harburg könnte man sicher das ein oder andere Kino wieder aufmachen. Aber die existierenden Kinos haben schon seit Jahren ein interessantes Programmprofil. Da hat jeder so seine Nische, die abhängig ist vom Stammpublikum, vom Viertel, in dem es liegt.

Und welche hat das Abaton, gelegen zwischen dem reichen Rotherbaum und dem Unigelände?

Unser Schwerpunkt ist politisches Kino und deutsches Autorenkino. Das war schon immer unser Fokus und das bleibt es auch. Wir schauen beim unabhängigen Kino, was es da für interessante neue Filme gibt.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate?

Ich hoffe, dass sich die Zahlen auf den Intensivstationen im moderaten Bereich bewegen, dass es nur wenige schwere Verläufe gibt und dass sich die Situation irgendwann normalisiert. Das wird wohl erst im nächsten Jahr der Fall sein. Aber vielleicht entwickeln sich die Dinge auch anders. Ich weiß es ehrlich gesagt überhaupt nicht.

Informationen:

Hamburger Programmkinos: Abaton, Allende-Platz 3 (Ecke Grindelhof), Rotherbaum, abaton.de; 3001 Kino, Schanzenstraße 75, Sternschanze, 3001-kino.de; B-Movie, Brigittenstraße 5, St. Pauli, b-movie.de; Magazin-Filmkunsttheater, Fiefstücken 8a, Winterhude, magazinfilmkunst.de; Metropolis Kino, Kleine Theaterstraße 10, Neustadt, metropoliskino.de; Zeise Kinos, Friedensallee 7-9, Ottensen, zeise.de

© SZ/mai
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