Halloween in Salem:Lasst die Toten sprechen!

Lesezeit: 5 min

Was heute in der US-Kleinstadt Salem als fröhlich-kommerzielles Spektakel daherkommt, fußt auf einem grausigen Hexenprozess im Jahr 1692. Nachts kann es noch immer ganz schön unheimlich werden

Ingo Hübner

Das warme, dezente Licht der Lampe macht schläfrig. Sie steht auf dem Boden in der Mitte des Raumes und sieht aus, als sei sie von Superman vom Planeten Krypton mitgebracht worden: ein großer Quarzkristall mit einer geheimnisvollen Leuchtkraft im Inneren.

In einem Kreis herum sitzen etwa 20 Menschen, darunter Barbara - wegen ihr sind alle gekommen. Im Rücken der Gruppe ein großes Schaufenster nach draußen, vor dem sich die Bäume im abendlichen Herbststurm biegen. "Schließt jetzt die Augen und atmet ganz bewusst und langsam", Barbaras Worte klingen noch einige Sekunden in der Stille nach. "Atmet und entspannt euch."

So machen das alle einige Minuten lang und man hat fast schon das Gefühl als befände man sich in einem Yoga-Kurs. Doch nein, wir sind mitten in einer Séance und Barbara, das Medium, will mit Verstorbenen kommunizieren, die den Anwesenden nahe standen.

Die Spannung ist jetzt fast greifbar im Raum. "Ein Mann, Mitte 50, graues zurückgekämmtes Haar, ein Loch in seiner Stirn, er sagt, sein Name sei George", Barbara richtet den Blick in die Runde: "Fühlt sich irgendjemand an George erinnert?" Zögerlich meldet sich eine ältere Frau zu Wort: "Mein Mann hieß George, er ist bei einem Unfall an einer Kopfverletzung gestorben", sagt sie. "Hatte er eine Taschenuhr?", fragt Barbara. "Ja." - "George sagt, sie sollen ihm nicht mehr nachtrauern und endlich ihr eigenes Leben weiterführen."

Zwei Stunden geht die Séance in diesem Stil weiter, dann ist Barbara erschöpft. "Danke, dass ihr gekommen seid und Entschuldigung, dass nicht jeder zum Zug gekommen ist", sagt sie zum Abschied.

Ein ziemlich unspektakuläres Ende für eine unspektakuläre Séance. Doch genau das hat die Veranstaltung so mysteriös gemacht. Es können ja nicht die Hälfte der Anwesenden gekauft sein und mit Barbara unter einer Decke stecken. Das waren doch echte Touristen, ihre Salem-Einkaufstüten und ihr Dialekt haben sie eindeutig verraten! Punkte, die der Verstand akribisch auflistet, während er fieberhaft nach einer logischen Erklärung für das Geschehene sucht.

Dümmlich grinsende Kürbisfratzen verhöhnen mich aus Schaufenstern und vor Hauseingängen. Jemand in einem Hexenkostüm huscht über die Straße und verschwindet in einer schmalen Gasse. Halloween und Hexen, eine verstörende Mischung in dieser Nacht.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB