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Hallerangeralm in den Alpen:Mehr Karwendel geht nicht

Hallerangeralm, Karwendel

Wie gemalt: die Hallerangeralm. Dahinter - zwischen Bäumen - das Hallerangerhaus und der Große Lafatscher.

(Foto: Prantl)

Zurück zum Ursprung: An einer der Isarquellen liegt die Hallerangeralm inmitten von Viehweiden und Felswänden. Aber: Bei so viel Idylle ist die Konkurrenz nicht weit.

Dieser Beitrag ist erschienen am 18. Juni 2015. Wir haben die Übernachtungspreise aktualisiert. Darüber hinaus ist der Text unverändert.

An den Tag seiner Rückkehr in die Heimat kann sich Horst Schallhart noch gut erinnern. Mai 2011; der beinahe tödliche Autounfall als Beifahrer war gerade ein halbes Jahr her, das Lungenvolumen betrug nur noch die Hälfte von einst, nie war der Weg zu seiner Hallerangeralm weiter. Schallhart lief das letzte Stück des Weges selbst, dabei hatte er lange gedacht, "dass ich da nie wieder hoch komme". Mit seiner Frau Evelyne setzte er sich auf eine Bank, mit Blick auf eine beeindruckende Kerbe in der Felswand namens Lafatscher-Verschneidung und auf jene Kapelle, die seine Großmutter 1946 hatte errichten lassen. Es sei "einer der schönsten Augenblicke" seines Lebens gewesen.

Wer den Weg bis zur Hallerangeralm mit dem Mountainbike auf sich nimmt, kann ein wenig nachvollziehen, wie es dem Almwirt Schallhart damals erging - und das nicht nur, weil es einem auf den finalen Abschnitten den Atem raubt. Man lässt auf dem Weg so einiges hinter sich: den Karwendelparkplatz mit seiner hektischen Betriebsamkeit, die Einstiegsstelle für die Kanuten, das Schild "Isar Ursprung - Bei den Flüssen", schließlich die Kastenalm mit ihrem Wendeplatz für Kleinbustaxen. Am Lafatscher-Niederleger ist auch die Arbeitswoche endlich Vergangenheit.

Und dann die Hallerangeralm: das Haupthaus auf einer Anhöhe, darunter einige Nebengebäude mit insgesamt 70 Gästebetten, gen Sonnenuntergang die Kapelle. Horst Schallhart hat hier auf 1774 Metern schon als Kind jeden Sommer verbracht, und es scheint, als würden ihm die Berge außenrum jeden Tag ein Stück wichtiger werden. Er kann so donnernd über die kleinen Witze und Gemeinheiten des Alltags lachen, dass es selbst eine Radlerlunge zwei Drittel ihres Volumens kosten würde. Er kann sich aber auch aufregen über die Regeln aus der Welt da unten, die er nicht versteht und die wahrscheinlich auch nicht zu verstehen sind. Schallhart sagt dann einen Satz, von dem man nicht so recht weiß, ob er der Angewohnheit, Resignation oder einer almtypischen Urgelassenheit entspringt: "Des isch a mal a so."

Früher zum Beispiel hätten sie hier oben geschlachtet und ein paar eigene Milchkühe gehabt. "Heute bräuchten wir 50 Stück, dass sich das Melken lohnt." Es ist halt jetzt a mal a so, dass sie nur noch das Fremdvieh von Bauern der Umgebung betreuen. Auch Butter und Käse hätten sie einst produziert. "Geht nicht mehr wegen der ganzen Auflagen." Zudem hätte er gemeinsam mit dem World Wide Fund for Nature (WWF) ein riesiges Areal von 5000 Hektar im angrenzenden Vomper Loch gerne zum Wildschutzgebiet erklären lassen. Die Hallerangeralm besitzt an dem Gebiet die Weiderechte, die Österreichischen Bundesforste verfügen über die Holz- und Jagdrechte. An Letzteren sei es gescheitert. Das ist jetzt auch a mal a so, aber man merkt, dass Schallhart das Scheitern nicht passt.

Dabei ist der gelernte Metzger selbst ein großer Freund des ordentlichen Wildbratens; aus seiner Jagd rund um die Alm stammt unter anderem das Fleisch für die vorzügliche Gamswurst, eine der Almspezialitäten. Die Wanderung durch sein Jagdrevier führt vorbei am Lafatscher Bach und einem weiteren Schild mit der Aufschrift "Isar Quelle - 1770 m". Für Schallhart ist das der einzig wahre Isar-Ursprung: "Ist sogar im Wasserbuch eingetragen. Das unten ist doch was für Rollstuhlfahrer." Auf dem weiteren Weg zum Überschalljoch bilden Enzian, Mehlprimeln und Hornklee ein Blütenfest der Grundfarben. Gämsen queren die letzten Schneefelder unterhalb der steil aufragenden Speckkarspitze, zwei Hirsche wackeln zur Mittagszeit in Sichtweite über eine Lichtung. Schallhart analysiert durchs Fernglas das Alter des Rotwilds und meint: "So etwas zu sehen ist für mich Qualität." Mehr Karwendel geht nicht.

Wahrscheinlich hat der Deutsche Alpenverein deshalb nur wenige Hundert Meter weiter einen Bau namens Hallerangerhaus mit heute 96 Schlafplätzen errichtet. Die Grundfesten der ersten DAV-Hütte stammen sogar aus dem Jahr 1901, dennoch ist die große Geschichte eher auf der Alm und im Stammbaum der Familie Schallhart zu finden: Bis 1581 reicht die Chronik des "Haller Anger" zurück; Horsts Vorfahr Johann erwarb das Anwesen bereits vor 185 Jahren von der Stadt Hall. Heute blicken die Schallharts mit gemischten Gefühlen auf den Nachbarn zwischen den nahen Bäumen, auch wenn die Konkurrenz nicht wirklich wehtut. Sie waren dort vor mehr als 20 Jahren ja selbst einmal für eine Saison als Pächter aktiv. "Hat nicht hingehauen", sagen beide, die eher den Besuch und das familiäre Umfeld vieler Stammgäste aus der Region als den "Durchgangsverkehr" (Evelyne) der Fernwanderer auf ihrem Weg nach Venedig gewohnt waren. Man kann sich auch gut vorstellen, dass die Regeln und Ideen des Alpenvereins nicht unbedingt die Sache der Schallharts sind, obwohl die Unabhängigkeit manchmal ihren Preis hat. Egal ob Klär-, Entkeimungsanlage oder neue Dachschindeln - hinter der Alm steht kein eine Million Mitglieder starker Verein als Kapitalgeber. Und manchmal grätscht auch noch der Vater dazwischen. Der habe einst, als der Filius seinen Gästen den Luxus einer Dusche nicht vorenthalten wollte, mit dem Satz reagiert: "Die sollen sich im Brunnen waschen."

Informationen

Anreise: Von den Parkplätzen "Karwendeltäler" in Scharnitz (Kleingeld für Parkticket! Sonst auch einfach mit der Bahn erreichbar) am besten per Mountainbike bis zur Kastenalm (etwa 13 km, knapp 300 HM). Hier entweder das Rad deponieren - zu Fuß sind es dann noch zwei Stunden zur Hallerangeralm - oder weiter im Sattel sehr steil bergauf strampeln.

Unterkunft: Hallerangeralm, Familie Schallhart, ÜN ab 10 Euro, mit HP ab 35 Euro, Tel.: 00 43/664/105 59 55, www.halleranger-alm.at

Touren: z. B. Sunntigerspitze (2321 m, 1,5 Std Aufstieg) oder Speckkarspitze (2621 m, 3 Std); für Kletterer gibt es etliche alpine Routen sowie den Klettergarten "Durchschlag" (3. bis 8. Grad, 20 min.).

Vielleicht wird Horst ("Wir wollen, dass es bodenständig bleibt") ähnlich reagieren, sollte eines der beiden längst erwachsenen Kinder irgendwann die Alm übernehmen und Wlan, Sauna oder Public Viewing anbieten. Momentan ist die Sorge erst mal eine andere: "Hoffentlich wird das nicht wieder so ein nasser Sommer wie vergangenes Jahr", sagt Evelyne, als am Morgen dicke Wolken Gewitter ankündigen. Touren auf Sunntiger- oder Speckkarspitze sind heute zu riskant, aber was soll's? Des isch jetzt halt a mal a so.

© SZ vom 18.06.2015/ihe
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