Süddeutsche Zeitung

Guyana:Irgendwie karibisch

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Guyana bietet einen grandiosen Wasserfall und viel unberührte Natur. Allzu viele Touristen haben das noch nicht entdeckt.

Von Tom Noga

Schmuck sehen sie aus, die Musiker und Musikerinnen. Sie tragen schwarze Stoffhosen, dazu lilafarbene langärmlige Hemden und schwarze Krawatten. Und sie spielen virtuos. Guyanische Folksongs. Auf Steeldrums. Im Publikum auf einem Parkplatz vor dem Stadion in Guyanas Hauptstadt Georgetown: ein drahtiger Mann mit Schiebermütze auf dem Kopf, unter der krause weiße Haare hervorlugen. Er wippt im Takt. "Das ist meine Musik. In meiner Jugend konntest du den Steeldrums nicht entkommen."

Der Mann heißt Roy Geddes. Er war früher selbst ein bekannter Musiker. Seine Band, die Silverton es, war in den 60ern und 70ern eine der angesagtesten in Georgetown. Geddes lebt am Rand der Stadt, die alles andere als südamerikanisch wirkt. Georgetown ist nicht schachbrettartig angelegt, wie in den früheren spanischen und portugiesischen Kolonien üblich, hat weder einen richtigen Stadtkern noch prachtvolle Kolonialbauten. Roy Geddes lacht und sagt: "Guyana liegt zwar in Südamerika. Aber wir fühlen uns Karibisch."

Sein Haus ist weiß, mit blauem Dach, das Erdgeschoss ist nach allen Seiten offen. Dieser sogenannte Breezeway ist typisch für die Karibik: Eine frische Brise sorgt für Kühlung, gleichzeitig sitzt man bei Regen geschützt. Sein Haus hat Geddes zu einer Art Museum umgebaut. Überall hängen Bilder von Musikern, Plattencover und Zeitungsausschnitte. Im Breezeway gibt er Unterricht und baut Steeldrums - aus alten Ölfässern. "Durch die Steeldrums bin ich rumgekommen. Ins Ausland, aber auch durch Guyana. Dies ist ein wunderschönes Land mit gastfreundlichen Menschen."

Der Weg ins Landesinnere beginnt in einem schmucklosen Hangar neben Georgetowns Stadtflughafen Ogle. Gepäck geschultert und auf die Waage. Eine Mitarbeiterin notiert das Gesamtgewicht - handschriftlich. Dann geht es an Bord. "Sind alle angeschnallt?", fragt der Pilot über die Schulter. Er steuert eine Beechcraft, eine Propellermaschine mit neun Sitzen. Ohne Copiloten, auch ohne Flugbegleiter.

Aus der Luft wird deutlich, wie weit sich Georgetown ausdehnt, aber auch, wie zersiedelt die Metropolregion ist. Guyana hat 770 000 Einwohner, ein gutes Drittel davon lebt in Georgetown und Umgebung. Die Küste besteht aus braunem Marschland. Die Guyaner mögen sich karibisch fühlen, aber türkisfarbenes Wasser und weiße Traumstrände hat das Land nicht zu bieten. "Das Wasser ist trüb, weil die Flüsse in Guyana so viel Schlamm mit sich führen", erläutert Wally Prince. Er ist Reiseführer. Nicht irgendeiner, zweimal wurde er zum besten Reiseführer Guyanas gewählt. Nebenbei schreibt er über das Land, das er kennt wie kaum einer sonst. Heute begleitet er eine Reisegruppe zu den Kaieteur-Falls. Die Wasserfälle sind Guyanas größte Touristenattraktion; sie dürfen aber nur in Begleitung eines Guides besucht werden.

Über den Essequibo River, den größten Fluss Guyanas, geht es landeinwärts. Das Westufer des Flusses ist gerodet. Es wird landwirtschaftlich genutzt, für Reisfelder und Zuckerrohrplantagen. Früher haben hier Sklaven gearbeitet, später Vertragsarbeiter aus Indien. Deren Nachkommen bilden heute die Bevölkerungsmehrheit, vor Afro-Guyanern und "Amerindians", wie man hier zu den Angehörigen indigener Völker sagt. Richtung Süden dehnt sich Regenwald aus: ein grüner, schier endloser Teppich, der 70 Prozent der Landmasse Guyanas bedeckt.

Der Pilot landet auf einem Plateau. Die Piste ist holprig, der Asphalt brüchig. Aus den Spalten quillt Grün. An der Piste steht ein Holzhaus, braun, mit grünem Dach: die Station der Ranger im Nationalpark Kaieteur. Wally Prince führt seine Gruppe zum Wasserfall. Über einen schmalen Pfad, gesäumt von gigantischen Bäumen, deren Stämme von Farnen überwuchert sind. Lianen spannen sich von Baum zu Baum.

Die Kronen der Bäume bilden ein Dach, durch das kaum ein Lichtschein fällt. Vögel singen um die Wette, darunter der Guyanan Cock of the Rock, der Tiefland-Felsenhahn. Er ist etwa taubengroß, knallorange, hat einen fächerförmigen Schopf, der über den Schnabel reicht - und kommt nur im Nationalpark Kaieteur vor. Ebenso der Gelbe Raketenfrosch. Er ist giftig, hat die Größe eines Fingernagels und lebt im Regenwasser, das sich in Bromelien ansammelt.

Der Anblick der Wasserfälle ist gigantisch: Aus 250 Meter Höhe schießt das Wasser hinab. Gischt peitscht auf und bildet Nebelschwaden, die aufsteigen und dann im Sonnenlicht zerstäuben. Ein paar Besucher schießen Fotos von glitschigen, überhängenden Felsen. Die Felsen sind ungesichert, ebenso ist es die Wasserkante. Undenkbar etwa in Iguazú, an Südamerikas größten Wasserfällen. Aber dort, im Grenzgebiet von Argentinien und Brasilien, werden pro Tag mehrere Hundert Touristen durchgeschleust. In Kaieteur sind es selten mehr als 300 - im Monat.

Benannt sind die Wasserfälle nach einem Häuptling der Patamonas, der sich der Legende zufolge über die Klippe gestürzt haben soll, um seinem Volk Frieden zu bringen. 63 000 Hektar umfasst der Nationalpark. Im Jahr 1929 wurde er von den britischen Kolonialherren gegründet, um die sensible Natur vor Gold- und Diamantensuchern zu schützen, im Jahr 1999 vom unabhängigen Guyana erweitert. Erzabbau ist jetzt nur noch in einem kleinen Sektor am Rand des Parks erlaubt. Und mit strikten Auflagen: ohne Maschinen und Chemikalien. Das Zentrum der Erzindustrie ist Bartica. In der Kleinstadt wird Bauxit verschifft, Guyanas wichtigstes Exportgut. Und Gold verkauft. Bartica ist ein typisches Goldsucher-Nest, die Hauptstraße gesäumt von schummrigen Bars und namenlosen Spielhöllen. Dazwischen ein paar Etablissements, in denen junge Frauen ihre Dienste anbieten. Nach dem Verkauf ihres Fundes sollen die "Pork Knocker" - die "Schweineklopfer", wie man die Goldsucher hier nennt, weil sie sich im Regenwald monatelang nur von gepökeltem Schweinefleisch ernähren - ihr Geld möglichst komplett in Bartica lassen. Das scheint gut zu funktionieren, wie ein paar schicke Villen ahnen lassen.

Es regnet. Und der Weiterflug verzögert sich. Schließlich landet die Maschine. Aber mit dem Flug wird es erst einmal nichts. Denn in Startrichtung hängt eine dicke Nebelbank. Erst nach einer guten Stunde verzieht sich der Dunst. Über dichten Regenwald führt der Flug Richtung Südwesten. Die Landschaft ändert sich. Wo gerade noch üppiges Grün war, dominieren nun Ocker- und Rottöne: die Savanne des Rupununi-Flusses, gerahmt von Bergketten. Straßen? Sind nicht zu sehen. Bis auf eine. Sie schlängelt sich durch die Savanne, rostrot, unbefestigt und kaum befahren. Die Straße verbindet Georgetown mit dem 500 Kilometer entfernten Lethem an der brasilianischen Grenze. Minibusse bedienen die Strecke einmal täglich. Abfahrt ist um 18 Uhr, Ankunft am nächsten Tag gegen Mittag.

Vom Buschflughafen Annai, der nur aus einer Erdpiste und einer Strohhütte besteht, geht es wieder über den Rupununi. Mit dem Einbaum. Die Fahrt ist mühselig. Weil der Fluss in der Trockenzeit kaum Wasser führt, müssen Sandbänke vorsichtig umfahren und Untiefen durchpaddelt werden. Am Ufer suhlen sich Capybaras, die südamerikanischen Wasserschweine, in den Mangroven spielen Otterfamilien. Und im Schilf dösen Kaimane.

Das Boot erreicht Yupukari, ein Dorf der Amerindians. Hier in der tiefsten Savanne wird das Leben von Kaimanen erforscht. Anthony Roberts leitet das Projekt. Yupukari wirkt auf den ersten Blick ärmlich: ein paar Hundert Häuser, die sich in der schattenlosen Savanne verlieren, weiß und klein, mit Wellblechdächern. "Aber vor zehn, 15 Jahre standen hier nur Lehmhütten", erzählt Roberts. Jetzt hat Yupukari zwei Schulen und eine öffentliche Bibliothek, als einziges Amerindian-Dorf in Guyana. Außerdem betreibt Yupukari das Caiman House: eine Lodge mit acht Zimmern. Aufgebaut wurde die Lodge, um Besuchern die Teilnahme am Kaiman-Projekt zu ermöglichen. Heute wird das Projekt mit den Einnahmen der Lodge betrieben. Die Besucherzahl war lange auf 300 pro Jahr beschränkt. Vor ein paar Monaten hat die Gemeinschaft eine Erhöhung auf 500 beschlossen.

802 Kaimane sind im Rahmen des Projekts gefangen und untersucht worden, gut die Hälfte mehrmals. Das erlaubt fundierte Aussagen zu Ernährung und Lebensweise. Kaimane haben ein Revier, in das sie immer wieder zurückkehren. Es ist meist klein, oft nur die Biegung des Flusses. Die Verteilungskämpfe sind hart, vor allem in der Trockenzeit, wenn die Tiere untereinander und mit den Piranhas um das knappe Futter konkurrieren. In der Regenzeit dagegen folgen Kaimane den Fischschwärmen über weite Distanzen.

Zurück in Georgetown. Auf dem Bourda Market, dem ältesten und traditionsreichsten in Georgetown. Mit Delven Adams. Er ist Koch. Kein renommierter, die gibt es in Georgetown ohnehin nicht, aber einer auf Mission. Er will guyanisches Street Food salonfähig machen. Und eine lokale Fusion-Küche kreieren. Adams bereitet Lamm-Curry, ein indisches Gericht, mit dem Cassareep der Amerindians zu, dem eingedickten Saft der Maniok-Knolle. Dazu reicht er geröstete Brotfrucht. Und Pulse, ein aus Baumrinden gekeltertes alkoholhaltiges Getränk.

Delven Adams' Restaurant nennt sich Backyard Café. Und ist genau das: ein lauschiger Garten im Hinterhof seines Hauses. Gäste bewirtet der Koch nur nach Voranmeldung. Der Marktbesuch gehört dazu. Damit seine Gäste wissen, was auf den Tisch kommt. Und dass alles frisch ist. "Höchste Zeit, dass Guyana in der Welt bekannt wird", sagt Adams. "Bei uns gibt es so viel zu entdecken. Macht Guyana zu eurem Zuhause in der Fremde."

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Quelle:
SZ vom 09.05.2019
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