Süddeutsche Zeitung

Gufferthütte im Rofangebirge:Obere Mitte

Die Gufferthütte im österreichischen Rofangebirge liegt eher gemütlich als spektakulär. Auch Klettern und Biken geht woanders besser. Aber sie hat ganz besondere Pächter - und zieht vielleicht deswegen so viele Besucher an.

Gufferthütte? "Da ist doch nix", war Thomas Meyers erster Gedanke, als es hieß, dort werde ein Pächter gesucht. Kein hoher Berg, für den man die Hütte zwingend brauchen würde, kein anständiger Gipfel, keine Transalp-Strecke. Aber er ist nicht nur Berggänger, sondern auch Wissenschaftler und ein bedächtiger Mann, darum ist bei ihm selten nach dem ersten Gedanken Schluss. Die genauere Analyse brachte dann ein anderes Ergebnis. "Die Gufferthütte", sagt Thomas Meyer weise, "liegt überall in der oberen Mitte."

Wer zur Saisoneröffnung Mitte Mai die Forststraße zur Hütte hinaufgeht ("absolut kinderwagentauglich", hatte es geheißen) und auf halber Höhe mit Kind und dem blöden Wagen im Neuschnee stecken bleibt, der mag sich die Hütte zwar auf die untere Mitte, auf Parkplatzhöhe oder gleich zum Teufel wünschen. Aber einmal auf 1475 Metern angekommen, wo der Kachelofen in der Stube bullige Wärme verbreitet, kann man das Konzept "obere Mitte" durchaus würdigen.

Stimmt schon, das Rofangebirge zwischen Achensee und Inntal ist eher gemütlich als spektakulär. Und die Berge kann man ohne Übernachtung auf der Hütte besteigen. Die Gegend ist auch nicht das allererste Ziel zum Klettern oder Mountainbiken. Aber es gibt dort schöne Touren für alle, man kann am Abendstein oder am Guffert klettern, und es wird auch nach ein paar Tagen nicht langweilig. Viel idyllischer kann eine Hütte ohnehin nicht gelegen sein; weit und breit keine Siedlung zu sehen, ringsum nichts als weiß verschneite Almen.

Und weil das alles so ist, sitzen Thomas Meyer und seine Frau Petra im stillen Hinterzimmer und sehen ganz zufrieden aus, er bedächtig, sie strahlend. Die beiden sind ungewöhnliche Pächter. "Doktoren-Hütte" wurde die Hütte schon genannt, denn beide haben promoviert; Petra Meyer in der Computerlinguistik, ihr Mann in der Medizin. Beide haben erfolgreiche Firmen gegründet. Den Karriereschritt "Hüttenpächter" würden Personaler bei solchen Biografien eher nicht erwarten.

Unternehmensgründungen scheinen aber keine schlechte Vorbereitung auf so ein Hütten-Unternehmen zu sein, die Gufferthütte wirkt jedenfalls gut gemanagt, das neue Team scheint die Lage im Griff zu haben. Das Gewusel im Gastraum muss kurz ohne die Chefs auskommen, die Hektik im Tal schon länger. "Wir wollten aussteigen, nicht mehr nur aufs Wochenende hinarbeiten", sagt Petra Meyer. Die beiden sind immer viel in die Berge gegangen; irgendwann fingen sie an, sich auf jeder Hütte in die Lage des Wirts zu versetzen. Sie redeten mit Pächtern, halfen aus, dann kam der Probelauf: eine Wintersaison als Vertretung im Lötschental, die Hütte nur per Ski und Helikopter erreichbar.

Gemischtes Publikum

Am ersten Tag: Sicherung kaputt, Strom weg, meterweise Schnee schippen, Sicherung im Hütten-Wasserkraftwerk ausbauen, in der Hütte einbauen, Diesel starten; nicht jedermanns Sache, aber so leicht ließen sich die beiden nicht abschrecken. Eigentlich wollten sie noch eine weitere Hütte anschauen. Aber dann war die Gufferthütte ausgeschrieben, und die Meyers sahen den Charme des Hauses und den Reiz der oberen Mitte, bewarben sich um die Pacht und bekamen den Zuschlag.

Im ersten Jahr hatte Petra Meyer noch ihren Job im Tal, auch als Netz, falls sich das Hüttending doch nicht bewähren sollte. Inzwischen sind beide hauptamtlich Hüttenwirte. Im Winter, wenn die Hütte geschlossen ist, bieten sie Schneeschuh-Wanderungen und Iglu-Übernachtungen im Rofan an und gehen viel auf Skitour. Im Sommer bleibt für Klettern, Wandern oder Mountainbiken wenig Zeit, aber sie haben gelernt, die Berge einfach so zu genießen. "Man hat auf der Hütte auch Stress, aber es ist ein anderer als im Tal", sagt Thomas Meyer. "Die Nöte sind hausgemachter und das Feedback ist spontaner." Keine Kunden, die sich über Dinge beschweren, für die man nichts kann; sondern müde Gäste, die glücklich vor ihrem Essen sitzen.

An diesem Tag ist das ein klassisches, gut gemischtes Guffert-Publikum. Außer dem durch den Schnee geschleppten Kleinkind ist ein lustiger Niederländer da, der mit einem Münchner Freund wandert; eine junge Gruppe in Feierlaune, ein Kindergeburtstag mit Eltern und sieben Mädchen, die offenbar Gezeitenkräften folgend die alten Holztreppen hoch- und runtersausen und das Lager auseinandernehmen. Oben im zweiten Stock ruht ein großer Plüschhund in einem Spielzelt, daneben eimerweise Bauklötze.

Es sind öfter Kinder da, die Hütte ist familienfreundlich. Man macht beim Bergferien-Familienkonzept des Alpenvereins mit, die Hänge ringsum mit Pferden und Kühen bieten im Sommer ein gutes Unterhaltungsprogramm. Die Sausemädchen sind trotz Schnees zufrieden. "Das ist ja ein Sechs-Sterne-Hüttenhotel", sagt eine beeindruckt beim tatsächlich sehr guten Essen. "Und erst die Lage!", sagt eine andere.

Beim Abstieg am nächsten Tag scheint die Sonne, der schmelzende Schnee zeigt sich abwärts deutlich kompromissbereiter. Im Tal hängen noch die Wolken, der Kuckuck ruft, der Filzmoosbach braust. "Eine Wanderung durch Jahrmillionen Erdgeschichte" verspricht der "Geo-Pfad" entlang des Weges, auf den Schildern ist vom oberen Hauptdolomit und von den im Bachbett "schön aufgeschlossenen" grau-grünen Schrambach-Schichten die Rede, von der afrikanischen Kontinentalplatte und einem kippenden Südschenkel, was recht bedrohlich klingt. Dann doch lieber dem Bach beim Brausen zuhören und später auf den aufragenden Guffert schauen. Obere Mitte? Aber locker.

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Quelle:
SZ vom 22.05.2014
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