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Großes Walsertal:Lieber etwas bescheidener

Die Alpe Steris im Großen Walsertal.

Die Alpe Steris im Großen Walsertal.

(Foto: Verein Großes Walsertal Tourismus)

Das Große Walsertal wurde vor 20 Jahren der erste Unesco-Biosphärenpark Österreichs. Allen Bedenken zum Trotz hat sich das Projekt bewährt - und die Dörfer näher zusammengebracht.

Von Johanna Pfund

Die Idee lag vor der Haustür. Josef Türtscher, Bergbauer in Buchboden am Ende des Großen Walsertales und damals Landtagsabgeordneter, hatte Ende der Neunziger erfahren, dass Vorarlberg einen Biosphärenpark nach den Regeln der Unesco schaffen wollte; also ein Gebiet mit einer außergewöhnlichen Landschaft, dessen Bewohner aktiv an einer nachhaltigen Entwicklung mitwirken. Und warum nicht auch vor seiner Haustür? Im dünn besiedelten Großen Walsertal mit seinen knapp dreieinhalbtausend Einwohnern, seinen extensiv bewirtschafteten Alpen und karstigen Höhenzügen? Wo es mit Gadental und Faludriga-Nova schon zwei Naturschutzgebiete gab? Türtscher gelang es, die Walsertaler für das Projekt zu interessieren. Eine Exkursion in den Biosphärenpark Rhön wurde organisiert, und schon bei der Rückfahrt im Omnibus wurde klar, das wäre etwas für das Tal. So wurde das Große Walsertal vor 20 Jahren der erste Unesco-Biosphärenpark Österreichs. Die meisten Walsertaler sind stolz darauf - auch wenn manches anders gekommen ist als gedacht.

"Eigentlich war es das Ziel, mehr Touristen ins Große Walsertal zu locken", erzählt Maria Ganahl, die sich in Blons, einer der sechs Gemeinden im Tal, um die Walserbibliothek kümmert und als Wanderführerin arbeitet. "Stattdessen hat der Biosphärenpark den Zusammenhalt im Tal gestärkt." Denn um Fördermittel etwa für die ländliche Entwicklung zu beantragen, arbeiten die sechs Gemeinden Sonntag-Buchboden, Fontanella-Faschina, Blons, St. Gerold, Raggal-Marul und Thüringerberg nun zusammen. Geld von der Unesco gibt es nicht, nur das wohlklingende Prädikat, das alle zehn Jahre überprüft wird. Übergreifende Projekte wie die Käserei oder die Kräuterfrauen Alchemilla wurden ins Leben gerufen, bestehende Themenwege und umweltfreundliche Energieversorgung weiterentwickelt. Heute finden sich im 2009 eröffneten Biosphärenpark-Haus im Ort Sonntag eine Schaukäserei, das Infozentrum des Parks und ein kleines Bistro. "Das, was schon da war, wurde in neuer Qualität aufgearbeitet", sagt Bischof. Eine ungewöhnliche Entwicklung für ein Tal, in dem jede kleine Ortschaft für sich ein Auskommen suchte, und in der jedes Dorf seinen eigenen Dialekt hatte.

So gab es am Anfang durchaus Vorbehalte gegen die Idee. Würden die Bauern weiter wirtschaften können? "Der Vorteil war, dass die Naturschutzgebiete als Kernzonen schon da waren", sagt Bischof. Daneben wurden Zonen für Dauersiedlung und Skigebiete, sogenannte Pflegezonen - Wiesen, Weiden, Forst - und schließlich Regenerationszonen festgelegt. Eine etwa liegt am Wasserkraftwerk Blons, dort muss jetzt eine Restwassermenge im Fluss bleiben. Aber: "Der Park ist keine Käseglocke", betont Monika Bischof. Zwar pendeln 1000 Arbeitnehmer aus, aber die Kulturlandschaft - das ist ganz im Sinne des Unesco-Siegels - wird erhalten, mit der klassischen Drei-Stufen-Wirtschaft.

Die haben die Walser mitgebracht, als sie um 1300 auf Einladung des Grafen von Montfort aus dem Schweizerischen Wallis ins heutige Vorarlberg eingewandert sind. Sie galten als arbeitsam. Das mussten sie in diesem V-Tal auch sein. Von 580 Metern Seehöhe geht es hinauf bis auf 2700 Meter, eine ebene Fläche ist schwer zu finden, der Winter dauert lang. Also zieht man samt Vieh dem Futter nach. Den Winter verbringen die Familien in niedrigeren Lagen, mit zunehmenden Temperaturen geht es hinauf auf die Mai- oder Vorsäßen, im Hochsommer auf die Alpen, wie die Almen in Vorarlberg heißen. Es ist ein bis heute übliches Arbeiten mit der Natur. 47 Alpen sind bewirtschaftet, auf 22 davon wird gekäst. "Wir sind halbe Nomaden", scherzt Bäuerin und Alchemilla-Kräuterfrau Christiane Martin. Immer unterwegs. Aber sie schätzt auch das Leben, das sie und ihre Familie auf ihrer Alpe oberhalb des Faschinajochs im Sommer führen, kein Handy, zurück zum Kartenspielen.

Selbst Andrea Schwarzmann, als Bundesbäuerin Sprecherin aller Landwirtinnen in Österreich, lässt sich allen politischen Verpflichtungen zum Trotz den Sommer auf der Alpe Steris oberhalb des Ortes Raggal nicht nehmen. "Im Februar, März kommt das Älplervirus, im September geht es wieder", sagt die 55-Jährige. Die Alpe Steris besteht aus mehreren Hütten, betrieben wird sie von einer Agrargemeinschaft. Vieles ist wie früher. Gut, es gibt befahrbare Wege, Strom und Wasser erleichtern die Käseproduktion und die Versorgung. Die Arbeit aber bleibt. Und Schwarzmann ist stolz darauf, dass viele der Bauernhöfe im Tal Nachfolger haben. Bewirkt hat das Unesco-Siegel nach Ansicht der Bundesbäuerin vor allem eines: "Es hat die Schätze im Tal gehoben." Es hat Walser in ihrem sorgsamen Umgang mit der Natur bestärkt, in ihnen den Stolz auf die Naturschutzgebiete wie auch die Kulturlandschaft mit ihren artenreichen Wiesen geweckt. Wobei: Ohne staatliche Vergütung für die Landschaftspflege, von ihren Produkten allein könnten die Bauern nicht leben, so Schwarzmann.

Und es werde immer schwieriger, Alp-Personal zu finden. Aber es gibt, wie fast immer, Ausnahmen. Ganz hinten im Naturschutzgebiet Gadental, einer der Kernzonen des Parks, liegt die Matoner-Alpe. Matoner leitet sich von Madonna ab; das soll ein Knecht ausgerufen haben, als er entdeckte, dass das eisenhaltige Wasser der Quelle im Tal seinen schmerzenden Fuß kuriert hatte. Auf der Alpe oben, die nur über einen Steig erreichbar ist, da im Naturschutzgebiet keine Fahrstraßen gebaut werden, wirtschaftet ein junges Paar aus dem Bregenzerwald, Katrin Fink und Emanuel Stark. Katrin serviert Ziegenkäse. Es ist ihr sechster Sommer dort oben, die 25-Jährige schätzt das ursprüngliche Gebiet. "Im Sommer will ich auch gar nicht runter ins Tal", erzählt sie. Lieber bleibt sie oben, kümmert sich um die 88 Rinder, die Ziegen, die Hühner und die drei Alpschweine. So um die zehn Leute, schätzt Katrin, kommen am Tag vorbei - anders als auf der Alpe Steris, die an einem befahrbaren Schotterweg liegt, der mittlerweile gerne von E-Bikern genutzt wird. Das Gadental hingegen ist ein Refugium für Ruhesuchende.

Doch ein Zuviel an Besuchern oder gar Overtourism muss man nirgends im Großen Walsertal fürchten. Der Tourismus ist bescheiden geblieben, daran hat der Biosphärenpark nichts geändert. Es gibt wenige größere Häuser, ansonsten kleinere Gasthöfe und Privatvermieter. Insgesamt stehen 2200 Gästebetten zur Verfügung. Das gesamte Tal ist seit 2008 Bergsteigerdorf. Die Skigebiete am Faschinajoch und in Sonntag-Stein sind überschaubar. Entwicklung wurde auch immer wieder mit Argwohn betrachtet. Viele Talbewohner erinnern sich noch gut an den Tag Mitte der Achtzigerjahre, als die neue Straßenverbindung über das Faschinajoch hinüber in den Bregenzerwald eröffnet werden sollte.

Biosphärenpark

Das Große Walsertal wurde 2000 in die Liste der Unesco-Biosphärenparks aufgenommen und war damit der erste Biosphärenpark Österreichs. Es besteht aus sechs Gemeinden mit etwa 3400 Einwohnern und einer Fläche von 19 200 Hektar. Die Kulturlandschaft ist geprägt von Berglandwirtschaft, Weide- und Forstwirtschaft. Rechtsträger ist der Verein Regionalplanungsgemeinschaft Großes Walsertal (Regio), aus der wiederum das Kuratorium des Parks hervorgeht, das die strategische Leitung innehat. Weltweit gibt es knapp 700 Biosphärenparks in mehr als 120 Ländern. Laut Definition der Unesco handelt es sich dabei um international repräsentative Land-, Wasser- oder Küstenregionen, in denen nachhaltige Entwicklung gelebt wird. Ob das Siegel verdient ist, wird in regelmäßigen Abständen überprüft. Die Parks definieren Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen, um Naturschutz ebenso zu gewährleisten wie die Pflege traditioneller Kulturlandschaften und Kommunalentwicklung. Infos unter www.grosseswalsertal.at und www.vorarlberg-alpenregion.at

Pater Nathanael von der Propstei St. Gerold am westlichen Taleingang - einem Ableger der Schweizer Benediktinerabtei Einsiedeln - war ein entschiedener Gegner dieser Straße. Er befürchtete, dass das Walsertal zur Kulisse für Auto- oder Motorradrennen verkommen könnte. Am Tag der Eröffnung war der Pater da. Mit seinen Haflingern blockierte er nahe der Propstei die Straße, auf der die Honoratioren zur Eröffnung fahren wollten. Dabei war dieser Propst alles andere als rückwärtsgewandt, er war vielmehr einer, der die Walsertaler mit seinen modernen Ideen strapazierte. Auf dem Friedhof von St. Gerold gibt es keine Gräber mehr, nur Tafeln mit Namen und Lebensdaten sind in der Friedhofsmauer eingelassen. Die Idee war: Im Tod sind alle gleich. Der Propst setzte sich durch, ohne die Walser auf immer zu verärgern. Heute ist die Propstei mit ihrem Gästehaus und ihren Veranstaltungen geistiges und kulturelles Zentrum des Tals. Der Biosphärenpark passt gut zum Konzept der Propstei, findet Pater Nathanaels Nachfolger, Pater Kolumban Reichlin. "Es geht um nachhaltiges Wirtschaften, wie in einer Klostergemeinschaft auch." Nicht alles müsse man auf dem Altar der Wirtschaftlichkeit opfern, und so werde mit Professionalität, aber umsichtig gewirtschaftet.

Den Spagat zwischen Tradition und Entwicklung probt auch das Museum Großes Walsertal in Sonntag. Das Haus hat sich bewusst verabschiedet vom einstigen Begriff Heimatmuseum, wie Museumsleiter David Ganahl erzählt. In den niedrigen Räumen des teils 500 Jahre alten Hauses sind zwar wie üblich alte Arbeitsutensilien ausgestellt, auch die Walsertracht, die bei den Frauenkleidern ohne Taille auskommt. Doch in der aktuellen Ausstellung zeigt das Haus bis 2021 Werke des umstrittenen Walser Malers Otmar Burtscher. Einfach im Alten Neues wagen, das ist offensichtlich eine Walser-Spezialität.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 17.09.2020/edi
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