Grossbritannien Seltsamer Stein

An der englischen Nordseeküste lässt sich bei Ebbe besonders viel Jet finden, ein schwarzer, organischer Stoff, aus dem sie hier Schmuck herstellen. Früher war er bei Königinnen beliebt, heute schätzt ihn die Gothic-Szene.

Von Oliver Abraham

Der Morgen ist dunkel und diesig. Fahnen flattern und Taue schlagen an die Masten der Schiffe. Der Wind weht die klagenden Schreie der Möwen durch die leeren Gassen der Stadt Whitby in Yorkshire. Böen stürmen über die Nordsee und an die hohen Klippen hier an der Ostküste Englands. Whitby ist ein schmucker Ort, aber auch einer mit offenbar schwarzer Magie: Im Whitby-Museum funkeln in den Vitrinen Schmuckstücke aus dunkler Materie. Ebenso in den Antiquitätenläden in der Flowergate, wo man historischen Schmuck aus diesem schwarzen Stein kaufen kann. Und am östlichen Ufer des River Esk gibt es Schmuckmanufakturen, in denen man den Handwerkern dabei zusehen kann, wie sie diesen seltsamen, schwarzen Stoff bearbeiten - den Jet.

Wind und Wasser spülen den Jet aus den Klippen vor Whitby. Sarah Steele macht sich bei Ebbe auf die Suche nach dem Millionen Jahre alten Material, das im Prinzip eine Art fossiles Holz ist.

(Foto: Oliver Abraham)

"Black as jet" heißt es im Englischen, wenn etwas sehr schwarz ist. Wer in England Jet sagt, meint oft auch Whitby - denn Jet wird hier gefunden und verarbeitet. Zum Beispiel in der Manufaktur von Sarah und David Steele in der Church Street. Das kleine Türglöckchen bimmelt fröhlich an diesem nieseligen Morgen. Sarah, orange Gamaschen über den Gummistiefeln, schwerer Mantel, verlässt ihren Laden und schließt die Tür ab. Bis die Touristen, also die Kunden kommen, dauert es noch. Zeit aber ist es nun für Sarah, denn die Nordsee zieht sich zurück, und bei Ebbe kann man Jet finden. Ihre Schritte verhallen in den engen Gassen, sie geht die Bootsrampe hinunter ans Meer. Der Nordsee hinterher. Sarah, 47, ist eigentlich Geologin. Doch sie lebt davon, zusammen mit ihrem Mann David und Sohn Archie aus Jet Schmuckstücke zu fertigen.

Es ist eine Zwischenwelt, die da für ein paar Stunden aus der finsteren Tiefe auftaucht

Es ist ablaufendes Wasser, und mit der Ebbe scheint sich auch das gröbste Schlechtwetter zu verziehen, vorerst. Flächen aus glattem Fels fallen trocken, steinerne Terrassen zwischen dem Steilufer und der See. Die Brandung dröhnt und droht. Es ist eine seltsame Zwischenwelt, die für ein paar Stunden aus der finsteren Tiefe auftaucht. Steine und Geröll liegen herum wie in einem Skulpturengarten, Tang tropft. Ein paar Stunden nur, und alles versinkt wieder in den Fluten.

In ihrer Werkstatt macht die Künstlerin ihren eigenen Schmuck.

(Foto: Oliver Abraham)

Das Wasser hat ein Sammelsurium aus Holz und Kohle, aus Tang und Muscheln hinterlassen. Sarah kniet sich hin und sortiert diesen Schmodder auseinander. Flink und mit geübtem Blick. An solchen Stellen findet sie Jet. "Ich war sieben Jahre alt, als ich mein erstes Stück Jet gefunden habe. Damals war ich mit meinen Eltern in Saltwick Bay im Urlaub", erinnert sie sich. Die Bucht liegt gleich hinter der nächsten Klippe. Irgendwann fing sie damit an, selbstgefertigte Stücke zu verkaufen. "Bevor ich mein eigenes Geschäft hatte, verkaufte ich Schmuckstücke auf Kunsthandwerksmärkten", sagt sie. Whitby ist dafür der richtige Ort; er ist Treffpunkt der Gothic-Szene - deren Anhänger bekanntlich auf Schwarz stehen. Sie kommen hier regelmäßig zu Musikfestivals zusammen.

Sarah Steele fertigt aber auch historische Stücke wie Halsketten und Büsten.

(Foto: Oliver Abraham)

Jet ist keine Mineralie. "Ebenso wie Perlen oder Bernstein ist es ein organischer Edelstein", sagt Sarah, "also kein Kristall, sondern pflanzlichen Ursprungs." Im Grunde ist es unter großem Druck fossilisiertes Holz. Schon in vorgeschichtlicher Zeit wurde damit Kunst gemacht. So sind etwa die Venus-Figurinen vom Petersfels in Baden-Württemberg bis zu 15 000 Jahre alt.

Der Jet hier in der Nordsee stammt aus der Steilküste. Der Fels bröckelt, und gerade bei schwerer See, wenn die Wellen bis an die Wand krachen, brechen Stücke des im Fels eingeschlossenen Materials ab. Jet ist leichter als Stein und kann durch Wellen transportiert werden. So wie Kohle, Holz und Muschelschalen. Deshalb liegt er dort, wo all das andere Verspülte liegt.

Wie kann man zwischen Kohle und Jet unterscheiden? "Für mich ist das offensichtlich", sagt Sarah, "aber dafür braucht man schon den Blick des Experten!" Und viel Erfahrung. Am Jet fasziniere sie "sein Glanz, seine Wärme, das Leichte, er ist sehr schön zu polieren". Tatsächlich meint man eine Wärme zu verspüren, wenn man Jet in der Hand hält, im Gegensatz zu Stein oder Glas. Und wenn man ein Stück Jet über ein unglasiertes Stück Porzellan zieht, sollte ein bräunlicher Strich zu sehen sein.

Reiseinformationen Whitby

Anreise: Der Flughafen von Newcastle wird u. a. von Eurowings (www.eurowings.com) und Ryanair (www.ryanair.com) angeflogen, hin und zurück ab ca. 220 Euro. Von dort mit dem Auto in zwei Stunden nach Whitby. Alternativ mit der Fähre von Amsterdam nach Newcastle, www.dfdsseaways.de

Unterkunft: Im Cow Shed, tolles Cottage, gelegen rund fünf Kilometer südlich von Whitby, mit Grillplatz und Blick auf die Nordsee, sieben Tage ab 750 Euro, www.sykescottages.co.uk; Hotel Raithwaite Estate, edle Unterkunft mit Spa-Angebot nahe Whitby, DZ ab 184 Euro, www.raithwaiteestate.com

Jet-Schmuck: www.eborjetworks.co.uk

Whitby Museum: www.whitbymuseum.org.uk

Weitere Auskünfte: www.visitbritain.com

"Jet kann man ganz legal hier am Strand aufsammeln", sagt Sarah, das Herausschlagen aus dem Fels sei aber verboten. Früher wurde Jet im Hinterland gewerblich in kleinen Bergwerken abgebaut. Gefunden wurde es in Sedimentgestein, das vor 170 bis 200 Millionen Jahren abgelagert wurde. Damals fielen Bäume in Gewässer und begannen sich im Faulschlamm unter Luftabschluss umzuwandeln - sie "versteinerten". Jet ist eigentlich eine Art Kohle, im Umwandlungsprozess von Braun- zur Steinkohle. "Gefunden wird der Original Whitby Jet nur im Umfeld von rund acht Kilometern der Stadt", erklärt Sarah. Das Material selbst allerdings kommt weltweit vor und wird fast überall als Gagat bezeichnet. Sie selbst verarbeitet nur Original Whitby Jet, darauf legt sie Wert, suchen geht sie hin und wieder auch. Meist kauft sie ihn aber Strandläufern ab, die sie gut kennt. Für ein halbes Kilogramm Jet in guter Qualität kann man hundert Pfund bekommen.

Der Platz zwischen Steilufer und Brandung verengt sich Richtung Saltwick Bay. Drohend ist der Himmel über dem Meer, dunkel sind die Felsen. Sarah kniet wieder auf einem Strand, umgeben von schwarzen Felsbrocken, überragt von pilzförmigen Felstürmen, und sucht nach dem begehrten Material. Das Wasser strömt und strudelt zwischen ihren Händen, wieder hat sie nur einen Krümel Jet gefunden.

Sarah klettert weiter über Felsstufen in Ufernähe, Tang krallt sich in die Ritzen. Der Weg windet sich durch Felstrümmer, Sarahs Mantel und ihr blondes Haar wehen im Wind. Im Osten stehen gewaltige Felsen, manche in der Brandung und andere schon im Felswatt; sie wirken wie Wachtürme vor der Steilküste Yorkshires. Es klart auf und es ist zu sehen, wie eine Staffel Felsen der nächsten folgt. Deswegen ist es besonders wichtig, auf die Zeit zu achten und nicht nur auf den erhofften Jet am Boden. Denn sollte man hier unten je vom Wasser überrascht werden, gäbe es kaum einen Ausweg.

So wertvoll war der Stoff, dass man ihn aus Asphalt, Gummi und sogar aus Blut fälschte

Sarah schaut auf die Uhr: Zeit, diese Zwischenwelt zu verlassen. Auf dem Rückweg zeigt sie auf versteinertes Holz, das im Meeresboden seit Millionen Jahren konserviert ist und auf einen Ammoniten, eine versteinerte Schnecke. Nebel zieht auf, und damit ist der Vorhang zu dieser seltsamen Bühne wieder gefallen. Das Wasser kommt zurück, die Nordsee verbirgt ihre Schätze wieder.

Sie geht durch die Gassen zurück und steht bald vor ihrem Laden, schüttelt die Nässe ab und tritt hinein. Über dem Ladengeschäft und der Werkstatt hat Sarah ein kleines Museum eingerichtet. Die Werkstatt stammt aus dem 17. Jahrhundert und besitzt eine schöne, gemütliche Atmosphäre. Ein wenig aus der Zeit gefallen, aber umso schöner wirkt der Schmuck, den sie hier herstellen. In den Vitrinen des Museums liegen Schmuckstücke und dekorative Stücke, historische Produkte aus Jet: Ketten und Kreuze, religiöse Darstellungen in Form von Figuren, Broschen und Armbändern. Sarah zeigt Jet, also Gagat, aus aller Welt, aus der Mongolei, Venezuela und Australien. Und es gibt auch Beispiele von Stoffen, aus denen Jet gefälscht wurde. Wie zum Beispiel Mooreiche oder Asphalt (Albertit), gehärtetes Gummi (Vulkanit) oder "Bois Durci", eine gepresste und verdichtete Mischung aus Tierblut und Holzmehl.

So wertvoll war Jet und im 19. Jahrhundert so beliebt, dass selbst die Vorkommen um Whitby offenbar nicht ausreichten. Queen Victoria trug Jet in Form von Trauerschmuck, als ihr Mann 1861 starb. Ihr Schwarz-Weiß-Porträt ist oft in den Auslagen mit Schmuckstücken aus Jet zu sehen. Aber neu war die Verwendung von Jet als Schmuckstein auch damals längst nicht mehr - denn schon die Leute in der Steinzeit wussten diese schönen, schwarzen Stücke zu schätzen.

Sarah Steele hält nun ein Stück Jet in den Händen, das magisch schimmert; schwarz natürlich und in einem faszinierenden Blau. So, als ob es die Essenz herbeizaubern würde und die Geschichte spiegeln, aus der es stammt - die der düsteren Kohlewälder, vor Abermillionen Jahren untergegangen, und die des Meeres, aus dem es wieder auftauchte.

Ihr Mann David sitzt in der Schmuckwerkstatt und bringt ein Stück Jet mit Polierscheibe und Instrumenten, die an jene eines Zahnarztes erinnern, in Form. Und zum Strahlen. Im Licht der Schmuckmanufaktur glänzt der Jet geheimnisvoll - absolut schwarz, black as jet.