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Griechischer Wein:Rettet den Retsina!

Vom harzigen Kopfweh-Trunk zur hochwertigen Spezialität: Rund um Athen arbeiten Winzer an der Wiederbelebung des griechischen Weins - trotz oder gerade wegen der Krise.

In Griechenland geht es nie ohne Geschichte. "Man goss nicht Wasser auf Wein, sondern Wein auf Wasser, sodass man ein eher wässriges Gemisch bekam: Erst löschte man den Durst auf diese Weise, dann war man weniger gierig mit dem Weitermachen." Theophrast, ein früher Naturforscher, hat diese antike Mischungsregel überliefert. Wie stark verwässert wurde, bestimmte gewöhnlich der Gastgeber, dem Hausherrn oblag somit die Rauschkontrolle bei den "Symposien", den Athener Trinkgelagen. Den eher spießigen Spartanern dagegen war Trunkenheit ein Gräuel, sie blieben lieber abstinent. Was vom antiken Alkoholgebrauch übrig blieb, ist das heute gebräuchliche Wort für Wein: krasí, vom altgriechischen krãsis - die Mischung.

Vor den Augen von Anna Aga sollte man nie Wasser in ihren Wein schütten, es wäre, oh gottgütiger Dionysos, auch eine Sünde. "Wein ist mein Leben", sagt die griechische Önologin, hält ihre Nase über ein Glas Rosé Merlot- Cabernet Sauvignon von Ktima Kokotou, 2013. Urteil: "Fruchtig, elegant, ein perfekter Aperitif." Eine Weinprobe mit Blick auf sanfte grüne Hügel, Olivenbäume und lange Rebstockreihen. Toskana-Feeling mit Ägäis-Brise.

Der Wind vom Meer, der Boden aus Sand, Kalk, Lehm, dazu Sonne an 300 Tagen im Jahr, das gibt den Trauben Charakter. "Aber wenn du denkst, du weißt alles, dann tut die Natur etwas anderes, das ist magisch", sagt Anna Aga, "sonst könnten wir ja auch Coca-Cola produzieren."

Dass ihr das mit der Cola einfällt, ist nicht so weit hergeholt. Schließlich wollte die Griechin früher "was mit Kindern" machen, nur ein Zufall brachte sie zum Studium der Önologie (auch aus dem Altgriechischen: oînos für Wein). Mit 40 Jahren gehört Anna Aga nun zu einer neuen, jungen Generation in dieser alten Kunst, die ausgerechnet in Griechenland lange eher vernachlässigt war.

Umso größer wirkt heute die Ambition griechischer Winzer, die vergessen machen wollen, was im Gedächtnis des gewöhnlichen Tavernen-Gasts tief sitzt: Griechischer Wein ist entweder ranziger Retsina oder gleich weher Kopf und wunder Magen. Wieso es so weit kommen konnte, in einem Land, das auf eine 5000 Jahre alte Tradition des Weingenusses zurückblicken kann, auch dazu gibt es eine Geschichte, aber die wird man erst später in einer Athener Weinbar hören.

Zuerst setzte man auf französische Rebsorten, dann entdeckte man die eigenen

Das Weingut Ktima Kokotou liegt nur etwa 45 Autominuten entfernt vom Athener Stadtzentrum, man verlässt die Metropole Richtung Nordosten, passiert den Prominenten-Vorort Ekali zu Füßen des mehr als 1100 Meter hohen Athener Hausbergs Pendeli, und ist auch schon in dem Örtchen Stamata, wo ein Wegweiser die nahe Kellerei anzeigt. Als der Grieche George Kokotos und seine Frau Anne, eine Britin, Ende der Siebzigerjahre sich in diese liebliche Landschaft verliebten, hatten sie ein paar Aussteiger-Ideen im Kopf, langweilten sich aber bald in der Wildnis.

So pflanzten sie die ersten Rebstöcke. "George hatte eine romantische Kindheit im Weingarten seines Großvaters auf Kreta", erzählt Anne Kokotou, die man sich - groß gewachsen, schlank, in Khakihosen - auch gut in einem englischen Landhaus vorstellen könnte. Der Anfang war hart, zwei Mal gab es große Waldbrände, die sich den Reben gefährlich näherten. "Alles war schwarz um uns herum." Zuerst setzten die Weinbau-Neulinge auf in Europa gängige französische Sorten, Chardonnay, Cabernet Sauvignon. "Griechische Rebsorten wurden ja nicht so geschätzt."

Inzwischen ist das anders.

Karten

Die besuchten Weinbauorte nahe Athen