Süddeutsche Zeitung

Gorongosa-Nationalpark in Mosambik:Der Gärtner von Eden

Lesezeit: 6 min

Im Bürgerkrieg gingen hungrige Soldaten im Gorongosa-Nationalpark auf die Jagd, Landminen zerrissen viele Tiere. Nun baut ein Millionär den Park wieder auf - und setzt auf Tourismus zum Schutz der Artenvielfalt.

Von Florian Sanktjohanser

Als die Elefantenkuh sich umdreht und auf den Geländewagen zutrampelt, erstarren die Touristen. Das mächtige Tier flappt mit den Ohren, richtet den Oberkörper auf, trompetet. "Die Matriarchin", flüstert José Montinho. "Sie deckt der Herde mit den Kälbern den Rücken." Der jungenhafte Safariguide blickt sich nach einem Fluchtweg um. Die Elefantin mustert den Wagen argwöhnisch, schnaubt, hebt drohend den Rüssel. Ein, zwei lange Minuten vergehen, keiner im Auto bewegt sich. Schließlich dreht sie ab und trottet zurück zu ihrer Herde, die vor der untergehenden Sonne in den Wald wandert.

Menschen in Autos bedeuten den Tod. Dieser Reflex sitzt immer noch tief in den Elefanten des Gorongosa-Nationalparks, 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in Mosambik. Die alten Tiere sind traumatisiert vom großen Schlachten, dem 95 Prozent der Elefanten im Park zum Opfer fielen. Und sie geben ihre Furcht und Aggression an die Jungen weiter. Es ist ein langer Weg zurück in die glorreiche Vergangenheit des Parks.

Der Gorongosa-Nationalpark im Herzen Mosambiks wurde 1960 von den portugiesischen Kolonialherren gegründet. In seiner Glanzzeit in den 1970er Jahren galt er als einer der schönsten Wildparks des südlichen Afrikas. Alte Fotos zeigen Zebras und Gnus in der Savanne, einen Fluss voller Hippos, Büffel- und Elefantenherden, große Löwenrudel. 20 000 Touristen kamen pro Jahr, sie wohnten in modernen Bungalows im Chitengo Camp, sonnten sich am Pool und gingen in VW-Bussen auf Pirschfahrt. Dann kam der Krieg.

Die antikommunistischen Rebellen der Renamo verschanzten sich in den Wäldern und schlugen hier eines ihrer Hauptquartiere auf, Casa Banana. Die hungrigen Soldaten schossen die Wildtiere, um ihr Fleisch zu essen. Das Elfenbein verkauften sie, um davon neue Waffen und Munition zu besorgen. Landminen zerrissen viele Tiere. 1985 eroberten die Truppen der sozialistischen Regierung das Lager. Doch das Schlachten der Tiere ging weiter.

Bauern, deren Felder vermint waren, flüchteten in den Nationalpark und jagten dort zusammen mit professionellen Wilderern. Als man 1994, zwei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, die Bestände zählte, hatten von 3000 Zebras 65 das Gemetzel überlebt, von einst 2200 Elefanten blieben noch 108 übrig. Die 14.000 Büffel, die noch 1972 im Park ästen, waren komplett ausgerottet, ebenso die 5500 Gnus und die 3000 Flusspferde. Das letzte Nashorn starb bereits in den 1970ern.

"Als ich 2004 das erste Mal hierher kam, sah ich kaum Tiere", erzählt Greg Carr beim Abendessen im wieder aufgebauten Chitengo Camp, "vielleicht ein paar Warzenschweine." Der große Mäzen des Parks, geboren 1959 in Idaho als letztes von sieben Kindern, trägt Dreitagebart, Poloshirt und Kakihose. Auf seinem Konto liegen Hunderte Millionen Dollar. Carr hat ein Vermögen mit Telefon- und Internetfirmen gemacht. Als er 1998 seine Anteile verkauft hatte, gründete er ein Museum, einen Friedenspark und ein Forschungszentrum für Menschenrechte in Harvard. Dann fand er sein Lebensthema: den Kampf gegen das Artensterben.

In New York lernte Carr Mosambiks UN-Botschafter kennen, der ihn in sein Heimatland einlud. "Ich dachte: Welche Stärke hat Mosambik?", erzählt er. "Ich kam auf Ökotourismus." Carr flog alle Nationalparks des Landes ab. Als er über die Palmwälder, die Savannen, die Flüsse und Seen des Gorongosa schwebte, wusste er, dass er den richtigen Ort gefunden hatte. "Die Leute rieten mir ab", erinnert sich Carr, "sie sagten: Es ist alles zerstört. Aber die Mosambikaner lieben diesen Park, sie wollten ihn wieder aufbauen. Sie brauchten nur Geld."

Carr stellte Wildhüter ein, die Fallen entschärften und Wilderern die Gewehre abnahmen. Und er begann, Tiere einzuführen. Im August 2006 trafen die ersten 54 Büffel aus dem Krüger-Nationalpark in Südafrika ein, es folgten Gnus, Elefanten, Flusspferde und Geparden.

Wer heute zu José Montinho in den Geländewagen steigt und durch das Tor des Chitengo Camps hinausrollt, sieht bald die ersten Warzenschweine mit keck erhobenem Kopf zwischen Akazien und Lala-Palmen davontrippeln. Er sieht Oribi-Antilopen über den Weg springen, Wasserböcke in der Savanne grasen und ein Flusspferd in einen Tümpel tauchen. Er sieht Paviane von der Ruine des Löwenhauses hüpfen, auf dessen Flachdach sich einst die Raubkatzen sonnten, und er sieht Sattelstörche durchs hohe Gras staksen. "Die schönsten Störche Afrikas", flüstert Thomas Herzog und reicht das Fernglas herüber. Der Österreicher, ein Safariprofi, ist mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar angereist, zusammen haben sie den Verein Build an Ark gegründet, der Spenden für Tierschutzprojekte sammelt. "Ich habe mir 200 Parks und Projekte angeschaut", sagt Herzog. "Es gibt keinen anderen Wildpark in Afrika, der so inspirierend ist und so vielversprechend für die Artenvielfalt. Das war mal der Garten Eden."

Die Landschaft sieht noch immer so aus. Alle paar Minuten ändert sich die Szenerie, Akazienwald wird zu übermannshohem Gras, geht dann über in Palmwald. Nilpferde und Krokodile gibt es zahlreiche. Nur die Löwen machen sich noch rar im Gorongosa. "Vor dem Bürgerkrieg war der Park berühmt für seine Löwen", sagt Paola Bouley, 38 Jahre alt, Biologin aus Südafrika. "Einst haben 200 Löwen im Nationalpark gelebt, zusammen mit der Umgebung sollen es sogar 500 Tiere gewesen sein." Im Krieg verhungerten sie und wurden geschossen. "Danach war noch eine einstellige Zahl am Leben", sagt Bouley.

Jetzt wird geschätzt, dass wieder 30 bis 50 Löwen durch den Nationalpark streifen. Das Problem: Ihre Zahl stagniert, obwohl sich die Beutetiere stark vermehrt haben. "Wir prüfen ihre Gesundheit und suchen nach genetischen Problemen", erklärt Bouley. "Vielleicht ist Inzucht schuld daran."

Bouleys Problem ist ein wichtiges und dringendes. Löwen sind die Stars der Savanne, sie locken Safaritouristen. Und die sollen Geld und Jobs bringen für die 200.000 Menschen, die in den Dörfern rings um den Nationalpark leben. In der Pufferzone rund 15 Kilometer um die Parkgrenzen dürfen sie ihre Felder nicht düngen, nur begrenzt Bäume fällen und nahe des Parks keine Kühe halten. Die Dörfler sind arm, die Verlockung zu wildern ist groß. Deshalb will Greg Carr den Tourismus ausbauen, um neue Jobs zu schaffen. "Wir planen fünf oder sechs Safaricamps im Park", sagt er. Im kommenden Jahr öffnen zwei neue Luxuscamps, außerdem sollen Bootstouren angeboten und die Safaris zu Fuß ausgeweitet werden. "Ein Nationalpark in Afrika muss den Einheimischen helfen", sagt Carr, der selbst 400 Dorfbewohner angestellt hat. "Der Tourismus gibt der Artenvielfalt einen Wert."

Das sollen die Kinder schon in den zwei Schulen lernen, die Carr bauen ließ, zusammen mit zwei Kliniken und einer Fabrik, in der Bananen und Ananas getrocknet und für die Supermärkte in der Hauptstadt Maputo verpackt werden. Im Bildungszentrum des Park-Hauptquartiers wird den Kindern in Workshops nachhaltige Landwirtschaft beigebracht. Und ihre Mütter lernen, Gemüse anzubauen, das sie dem Park-Restaurant verkaufen können.

Bisher betreiben die Einwohner der Dörfer vor allem Brandrodung. Wenn die Felder nach ein paar Jahren ausgelaugt sind, ziehen sie weiter. Auf dem Monte Gorongosa lassen sich die dramatischen Folgen besichtigen. Große Löcher klaffen im letzten Regenwald Mosambiks, auf den zweieinhalb Mal so viel Niederschlag fällt wie auf den Rest des Parks. Der 1863 Meter hohe Berg ist die Wasserscheide der Region, etwa die Hälfte des Wassers in den Flüssen des Parks entspringt hier. Deshalb hat Carr jahrelang gefordert, dass das Massiv Teil des Parks wird. 2010 hatte seine Lobbyarbeit Erfolg: Die Regierung erklärte, dass ab dem folgenden Jahr das Bergland über 700 Höhenmetern geschützt ist.

Greg Carr versucht, den Gorongosa-Nationalpark mit der Energie und Hartnäckigkeit eines Unternehmers zu retten. Er lädt Wissenschaftler und Filmteams ein und verhandelt mit Politikern. Bisher hat Carr 20 Millionen Dollar in den Park gesteckt. Er plant, noch mal die gleiche Summe zu investieren. Irgendwann soll sich Gorongosa durch den Tourismus selbst finanzieren. Seine Methode scheint erfolgreich zu sein. 2006 kamen kaum 1000 Besucher, im vergangenen Jahr waren es schon 7000, rund die Hälfte davon Mosambikaner.

Doch Carr steht weiterhin vor gewaltigen Problemen. Die Flüsse führen immer weniger Wasser, vielleicht eine Folge des Klimawandels. Dieses Jahr sind einige Tümpel schon im Mai ausgetrocknet, aus denen die Tiere früher bis August tranken, erzählt Montinho, der Safariguide. Und Thomas Herzog, der Tierschützer aus Österreich, sagt, dass einige der aus Südafrika eingeflogenen Tiere schon geschossen wurden: "Die Leute in den Dörfern streichen die Unterstützung ein und gehen trotzdem wildern."

Carr lässt sich von Rückschlägen aber nicht entmutigen. Der Gorongosa-Nationalpark ist sein Lebensprojekt, er hofft, dass andere Reiche seinem Beispiel folgen. "Wenn wir nichts tun, verlieren wir in den nächsten 30 Jahren vielleicht ein Drittel der Arten", sagt Carr. Gorongosa ist für ihn nur "ein Ort von Tausenden, wo dieser Kampf ausgefochten" werden muss.

Informationen

Anreise: Flug mit Egypt Air von Frankfurt über Johannesburg und zurück ab 597 Euro, www.egyptair.com, von dort mit der mosambikanischen Airline LAM nach Beira, hin und zurück ca. 420 Euro, www.lam.co.mz

Unterkunft: Die Hotelkette Girassol betreibt das Chitengo Camp; ein Standard-Bungalow kostet ca. 120 Euro/Nacht für zwei Personen, die Übernachtung im Safarizelt 60 Euro/Nacht für zwei Personen, www.girassolhoteis.co.mz/Gorongosa.aspx; ab Juli gibt es zudem mit dem Kubatana Camp eine luxuriöse Unterkunft im Park, ab 477 Euro/Nacht pro Person im DZ.

Weitere Auskünfte: Der Gorongosa-Nationalpark ist während der Regenzeit von Mitte Dezember bis zum 13. April geschlossen. Als beste Reisezeit wird April bis August empfohlen, www.gorongosa.org

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Quelle:
SZ vom 11.04.2013
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