Süddeutsche Zeitung

Glossar:Das Wellness-ABC

Verstehen Sie Wellness und ihre vielen, oft schrulligen Spielarten? Eine kleine Übersetzungshilfe für Anfänger.

Anti-Aging, das: breit angelegte, vor allem in Industrieländern verbreitete und kampagnenartige Bewegung gegen das biologische Altern. Dient als wichtiges Argument der Wellness-Industrie. Umfasst die Gesamtheit aller Maßnahmen von der Anpassung der Lebensführung bis zu chirurgischen Eingriffen. Basiert auf einem uralten Traum der Menschen, der bislang nur Hexen, Zauberern und anderen Tolkien-Wesen erfüllt wird - ganz ohne fernöstliche Selbstheilungstechniken und Testosterontherapien.

Bier-Wellness, die: Badeanwendung in Essenzen von Hopfen, Hefe und Malzschrot. Soll je nach Anbieter vor allem bei Männern wahlweise die Nerven stärken, gegen innere Unruhe wirken, bei Magenbeschwerden helfen, die Haut zart spülen oder den Stoffwechsel anregen. Wird vor allem von Männern als Auswuchs der Überflussgesellschaft kritisiert, da eine innere Anwendung bei schonenderem Umgang mit den Rohstoffen von vielen als noch effektvoller erachtet wird.

Cleopatrabad, das: beharrlich mit C geschriebenes, hautstraffendes und eher auf weibliche Kundschaft abgestimmtes Cremebad. Eng mit der verwandt, da auch hier Lebensmittel - in diesem Fall Milch und Öl - in badewannengroße Behälter gekippt werden. Erhielt den Namen durch Kleopatra VII., wobei selbst die Julius-Cäsar-Geliebte trotz Eselsmilch- generierter Pfirsichhaut nicht einmal 40 Jahre alt wurde.

Danarium, das: Saunavariante aus Kleopatras Zeiten, die irgendwo zwischen Saunarium, Sudatorium und Caldarium liegt. Eignet sich wegen der moderaten Temperatur (65 Grad) und der mittleren Luftfeuchtigkeit (60 Prozent) für Herz-Kreislauf-Patienten, Saunamuffel und andere hitzephobe Wellnessjünger.

Elektrotherapie, die: ebenso wenig wie der brutal klingende Eiswickel eine Foltermethode des US-Geheimdienstes CIA, sondern eine Möglichkeit der physiotherapeutischen Behandlung akuter Muskel- oder Nervenbeschwerden durch Stimulation mit schwachen elektrischen Impulsen. Soll anders als CIA-Praktiken langfristig zur Schmerzlinderung führen.

Fußreflexzonenmassage, die: Behandlungsmethode, die auf der Annahme basiert, dass die Menschheit zwar ihresgleichen auf den Mond schickt, aber längst noch nicht alles über die Zusammenhänge im eigenen Körper weiß. Bei der F. dient die Fußsohle als kartenähnliches Spiegelbild des gesamtes Körpers, womit über die Haut gewissermaßen Zugriff auf Herz und Nieren genommen werden kann. Diverse Studien deuten darauf hin, dass die Fußsohle doch kein Spiegel ist.

Ginkgo, der: lebendes Fossil und letzter Überlebender aus der Ordnung der Ginkgoales. Diente schon in seiner Heimat China vor Hunderten Jahren als natürliches -Präparat. Soll unter anderem gegen Ohrensausen, Demenz und Durchblutungsstörungen helfen. Wird hoffentlich auch den Wellness-Wahn überleben.

Handtuch, das: rechteckiges, saugfähiges Tuch. Wichtigstes Wellness-Requisit. Teilt mit den Benutzern das Schicksal, dass es sich nach mehreren Saunagängen zum Waschlappen wandelt.

Indien, heiliges: 1. Staat in Südasien, 2. zum Wohlfühl-Paradies verklärtes Ursprungsland fernöstlicher - von der Wellness-Bewegung gerne adaptierter - Heilkunst und Meditationstechniken.

Jacuzzi, der: Gattungsname für Sprudelbecken (engl: Whirlpool).

Klangschale, die: polarisierende, vorzugsweise auf Festivals und in Eine-Welt-Läden beheimatete Bronzeschüssel, die mittels eines Klöppels in Vibration ver- und zu Massagetechniken eingesetzt werden kann. Gilt K.-Befürwortern als der beste Energielieferant und Spannungslöser, K-Kritikern als letzter Beweis, dass auch die ultraentspannten Heilkünstler nur unser Geld wollen.

Lomi-Lomi, das: auch Lomi-Lomi-Nui; ursprünglich hawaiianische, ganzheitliche Massagetechnik unter Verwendung von Duftölen und Hula-Musik. Wird in Mitteleuropa nur noch selten von schamanischen Heilern ausgeübt. Klingt dafür schön exotisch.

Meridian, der: 1. halber Längenkreis auf der Erdoberfläche; 2. Marke der Bayerischen Oberlandbahn; 3. Leitbahn in der traditionellen chinesischen Medizin, die ein System von zwölf Hauptmeridianen als Energiesystem definiert hat. Kann durch Akupunktur und beeinflusst werden.

Nordic Walking, das: Langlaufen ohne Schnee und Ski. Tauchte mehrere Jahre meist in einem Satz mit Begriffen wie Wohlfühlen, Urlaub oder Sauna auf. Hat seinen Status als ständiger Wellness-Assoziierter inzwischen an andere trendige Bewegungslehren wie Yoga und Pilates abtreten müssen. Ist deshalb dorthin verschwunden, wo es herkam: in der Versenkung.

Oceanic Aqua Balancing, das: meditatives Bewegen im Wasser unter Anleitung. Wegen der nur leicht kryptischen Aneinanderreihung von Vokabeln aus mehreren Sprachen das Paradebeispiel eines gelungenen Wellness-Neologismus'.

Von Phytobiodermie bis Zeit

Phytobiodermie, die: Paradebeispiel eines Wellness-Neologismus' für Akademiker mit kleinem Latinum. Beschreibt im Grunde nichts anderes als die Behandlung der Haut mit pflanzlichen Produkten natürlichen Ursprungs - nur eben basierend auf der Fünf-Elemente-Theorie der traditionellen chinesischen Medizin. Klingt trotzdem nicht einmal halb so schön wie oder .

Qigong, das: Atem-, Meditations- und Bewegungsübung zur Beeinflussung von Qi, das als Lebensenergie wiederum auf den Qi-Autobahnen () unterwegs ist. Stammt aus der traditionellen chinesischen Medizin. Wurde zuletzt mit einer untypischen Offenheit in die abendländische Körperkultur integriert.

Rasulbad, das: häufig auch Rhassoulbad; ausnahmsweise weder aus Fernost noch dem alten Rom stammende ägyptische Dampfbad-Variante mit schmieriger Heilschlammpackung zur Stärkung des Immunsystems und Förderung der Durchblutung. Eher nichts für Kleopatras.

Spa, das: Oberbegriff für Orte der Wellnessanwendungen und etymologischer Streitfall der modernen Wellnessliteratur. Während gemeinhin das belgische Heilbad Spa als Ursprung des Begriffs gesehen wird, verbreiten diverse Quellen immer wieder die - weit glaubwürdigere - Behauptung, Spa sei eine Abkürzung von "sanus per aquam" (lateinisch: gesund durch Wasser). Interessanterweise stammt der Name der Stadt Spa tatsächlich von einer gleichnamigen Quelle - deren Name wiederum eine Abbreviation von sanus per aquam sein könnte. Letzteres gilt zwar als eher unwahrscheinlich, würde jedoch beiden Parteien recht geben.

Thalasso-Therapie, die: zumindest etymologisch hundertprozentig aus dem Griechischen stammender Name einer Behandlung, die sich auf die Heilkraft des Meeres (= Thalassa) und die Wirkstoffe in Meerwasser, Meersalz, Meeresalgen und Meeresschlamm verlässt. Die T.-T. darf laut dem Verband Deutscher Thalasso-Zentren logischerweise nur von Einrichtungen in unmittelbarer Meeresnähe durchgeführt werden. Ist deshalb fürs Marketing alpiner Wellnessresorts völlig ungeeignet. Alleine deshalb sympathisch.

Upanahasveda, die: ayurvedische Rückenmassage mit warmen Ölen, die man erst einmal fehlerfrei bestellen können muss.

Vichy-Dusche, die: horizontal angebrachtes Duschsystem zum Bewässern von liegenden Körpern. Stammt nicht etwa aus der Fabrik des französischen Kosmetikherstellers; kam vielmehr erstmals in dem französischen Kurort Vichy zum Einsatz.

Wambo-Mambo, das: aus Australien importierte Massagetechnik der Aborigines unter Verwendung von Bambusrohren und warmen Ölen. Endgültiger Beweis, dass "Wellness" auch schon in den letzten Ecken der Erde eine Nummer war, bevor der Begriff in der Hotellerie überhaupt existierte.

Yin & Yang, das: dynamisches Duo aus dem alten China und Paten des kühl-warmen Yin-Yang-Pools. Nehmen als rivalisierende und zugleich kooperierende Gegenspieler über die auf das Qi und damit das Wohlbefinden zudem so sehr Einfluss, dass sie selbst dem Yoga als eigentlichem Y-Kandidaten eines Wellness-Glossars den Rang ablaufen.

Zeit, die: von Wellness-Hotels gerne verwendeter Begriff zur Bewerbung der eigenen Kompetenz ("Zeit für Sie", "Zeit für mich", "Zeit zu zweit"), obwohl sich die Z. selbst mit den besten - und -Therapien nicht beirren lässt. Bleibt auch weiterhin größter Feind und zugleich wichtigste Ursache sämtlicher -Bemühungen.

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SZ vom 03.03.2016/ihe
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