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Gewalt gegen Bahnpersonal:Schläge für den Schaffner

Bahnfahren wird immer sicherer - allerdings nur für Fahrgäste. Nach SZ-Informationen ist die Zahl gewalttätiger Übergriffe auf Bahnmitarbeiter rapide angestiegen. Vor allem bei Fahrkartenkontrollen wächst die Aggression.

Daniela Kuhr

Schlechte Nachrichten prägen sich tiefer ein als gute. Und deshalb haben die furchtbaren Schlägereien mit tödlichem Ausgang, wie etwa am Münchner S-Bahnhof Solln im Jahr 2009 oder vergangenen September in Berlin, viele Menschen verunsichert. In Wahrheit aber sind Züge und Bahnhöfe vergleichsweise sichere Orte. Das geht aus einer Statistik der Deutschen Bahn für 2011 hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Sie zeigt: Zumindest Fahrgäste müssen sich nur selten ernsthaft sorgen. Die Zahl der Körperverletzungen in allen Zügen und Bahnhöfen ist im vergangenen Jahr wie schon in den Vorjahren zurückgegangen, und zwar um elf Prozent auf 1679. Wenn man sich gleichzeitig vor Augen hält, dass die Bahn jeden Tag 5,3 Millionen Menschen transportiert, ist die Gefahr, Opfer eines Übergriffs zu werden, also ausgesprochen gering.

Alarmierend aber ist eine andere Zahl. So wird das Bahnpersonal selbst immer häufiger zum Ziel aggressiver Übergriffe. Von den 1679 Körperverletzungen richteten sich ganze 748 gegen Mitarbeiter der Bahn. Die Zahl dieser Übergriffe ist damit im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent gestiegen. Vor allem bei Fahrkartenkontrollen komme es häufiger zu Aggressionen, aber auch im Umfeld von Großveranstaltungen, wie etwa Fußballspielen oder Volksfesten, sagt Gerd Neubeck, Leiter der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn.

Er sieht dafür vor allem zwei Gründe. Zum einen seien die Mitarbeiter angehalten worden, anders als früher jeden Vorfall zu melden, und sei es nur ein Schubser. "Denn nur so bekommen wir einen Überblick, wo und wann genau sich die Konfliktfälle häufen, sodass wir darauf reagieren können." Zudem mache sich aber auch das neue Sicherheitskonzept bemerkbar. "Wir haben nicht nur das Sicherheitspersonal von 3200 auf 3700 Mitarbeiter aufgestockt, sondern schicken die Kollegen auch gezielter dahin, wo es immer wieder zu brenzligen Situationen kommt, also etwa zu bestimmten Uhrzeiten an bestimmte Bahnhöfe."

"Die Konfliktbereitschaft nimmt zu"

Je häufiger aber jemand einschreite, desto häufiger könne es auch zu einem Übergriff kommen. Zwar seien die Mitarbeiter alle geschult worden, deeskalierend aufzutreten. "Doch wir müssen feststellen, dass die Konfliktbereitschaft einiger Menschen zunimmt", sagt Neubeck. "Sie respektieren das Einschreiten eines Mitarbeiters in Bahn-Uniform nicht mehr so ohne weiteres, sondern reagieren öfter als früher aggressiv." Vermutlich sei das ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Bei der Eisenbahngewerkschaft EVG sieht man das ähnlich. "Es sind längst nicht mehr nur halbstarke Jugendliche, die Probleme machen. Unsere Mitglieder berichten zum Teil von ganz normalen Reisenden, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen plötzlich handgreiflich werden", sagt Reiner Bieck, Vorstandsmitglied der EVG. Die Maßnahmen, die die Bahn ergriffen hat, hält er grundsätzlich für richtig. Wichtig sei aber, dass die Politik auch genügend Mittel bereitstelle, "damit in besonders problematischen Fällen grundsätzlich zwei Mitarbeiter gemeinsam eingesetzt werden können".

Diesen Punkt hält auch Holger Krawinkel, Bahn-Experte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, für entscheidend. "Objektiv mag die Bahn sicher sein", sagt er. "Subjektiv aber würden sich die Fahrgäste vermutlich deutlich sicherer fühlen, wenn auch zu kritischen Uhrzeiten und auf kritischen Strecken immer genügend Personal anwesend wäre."

© SZ vom 07.03.2012/hai
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