Georgien Stalins Liebling

„Ich will langsam wachsen“: Aleko Sardanaschwili, Ex-Fußballprofi, ist in seine Heimat Ratscha zurückgegekehrt, um dort Chwantschkara-Wein zu machen.

(Foto: Hans Gasser)

In der georgischen Provinz Ratscha wird der teuerste Wein des Landes hergestellt. Doch nicht immer geht es dabei astrein zu.

Von Hans Gasser

Aleko Sardanaschwili ist Fußballspieler und studierter Orientalist. Eigentlich. Doch beim Sport hat ihn eine Verletzung gebremst, sodass er mit 21 als Spieler in der ersten georgischen Liga aufhören musste. "Und als Orientalist gab es hier im Land keine Arbeitsmöglichkeiten", sagt der 37-Jährige, der Dreitagebart, Basecap und T-Shirt trägt. Deshalb ging er wie so viele Georgier erst einmal ins Ausland. Er blieb acht Jahre in Malta, wo er es bis zum Geschäftsführer eines Wasser-Vergnügungsparks brachte. "Irgendwann trat ich dort auf der Stelle und das Heimweh nach meinem Land war zu groß."

Also kam er zurück, zog in das leer stehende Haus seiner Großmutter im Ort Chwantschkara in der georgischen Provinz Ratscha und begann zu tun, was Generationen seiner Vorfahren hier, an den sanft geneigten Südhängen über dem Fluss Rioni, getan haben: Wein machen. Im Innenhof des Bauernhauses stehen unter einem kleinen Dach mehrere Holzfässer. Aleko zieht die Deckel zur Seite: Der säuerlich-fruchtige Duft von Vergärung steigt in die Nase. "Das ist Chwantschkara", sagt er stolz. Dieser Name steht für einen Wein, der in der Sowjetunion als Inbegriff georgischer Weine galt. Das liege nicht nur daran, dass der halbtrockene Chwantschkara der Lieblingswein des hier teilweise noch heute verehrten Georgiers Josef Stalin gewesen sein soll. Vielmehr sei die Anbaufläche einfach sehr klein, erklärt Aleko. Die Trauben der Sorten Aleksandrouli und Mujuretuli, aus deren Verschnitt er hergestellt wird, müssen aus einem klar eingegrenzten Gebiet rund um den Ort Chwantschkara kommen. "Das sind in guten Jahren maximal 1200 Tonnen", sagt Aleko, "verkauft wird natürlich viel mehr!" Soll heißen, es wird viel Schindluder getrieben von den Firmen, die sie aufkaufen, den Wein keltern und vermarkten. "Die schauen weder auf die Qualität der Trauben, noch auf die Spritzmittel, die benutzt werden, für die zählt nur: Menge." Sehr viel davon geht auf den russischen Markt, wo der Chwantschkara immer noch einen großen Namen hat.

Aleko achtet auf hohe Qualität, er lebt noch von Erspartem und Nebenjobs, die er im Winter in Tiflis macht. Bisher produziert er nur einige Hundert Liter von dem Rotwein, füllt sie selbst in Flaschen und verkauft sie nur an Gäste und Bekannte, die bei ihm Urlaub machen - in kleinen, mehr als 100 Jahre alten Holz-Bauernhäusern, die er in verlassenen Dörfern abgetragen und hier wieder zusammengesetzt hat. "Ich will langsam wachsen", sagt er, während er durch seine schönen Weingärten am Rioni führt. Der Fluss fließt, gespeist von den nahen Gletschern des Großen Kaukasus, bis ins Schwarze Meer.

Georgien ist eines der ältesten Weinbauländer der Erde. Archäologische Funde von Traubenkernen in Tonamphoren belegen, dass bereits vor 8000 Jahren Wein gekeltert wurde. Berühmt ist das Land vor allem für seine Naturweine, die in den sogenannten Quevris ausgebaut werden. Diese großen Tonamphoren werden in einem Schuppen, dem Marani, in die Erde eingegraben, was die Temperatur konstant hält. Die gepressten Trauben kommen mitsamt Trester, also Stängeln und Schalen hinein. Früher ließ man den Trester bis zum nächsten Frühling im Wein, was zu sehr gerbstoffreichen Weinen führte. Heute wird er, je nach Weinsorte, nur während der zehntägigen Gärung oder wenige Wochen darauf belassen. Die uralte Technik führt dazu, dass weder künstliche Hefen noch andere Zusatzstoffe eingesetzt werden müssen, der Wein filtert sich in der Amphore selbst, indem die Trübstoffe sich absenken. Mehr als 400 autochthone Traubensorten gibt es noch in Georgien, die bekanntesten sind der dunkle Rotwein Saperavi und der bernsteinfarbene Rkatsiteli-Weißwein.

Der Chwantschkara, der mit einem Flaschenpreis ab 30 Lari (zehn Euro) als teuerster Wein Georgiens gilt, wird nicht in Quevris ausgebaut, sondern klassisch in Tanks oder Fässern. Die Gärung wird nach wenigen Tagen gestoppt, erklärt Aleko, sodass drei bis vier Gramm Restzucker im Wein bleiben. Seiner schmeckt auch für Skeptiker des Halbtrockenen relativ fein und vielschichtig, flankiert von einem Tisch voller georgischer Köstlichkeiten, die Aleko auftragen lässt: gebratener Speck, sauer Eingelegtes, Käse und mit Bohnenpaste gefülltes Fladenbrot.

Ratscha ist selbst für georgische Verhältnisse sehr arm, es gibt kaum Jobs. "Hier gibt es wenig zu tun für Youngsters", sagt Aleko, weshalb viele von ihnen, so wie er, nach Tiflis oder gleich ins Ausland ziehen. Um seine Region etwas zu beleben, hat er bald nach seiner Rückkehr aus Malta den Fußballplatz am Dorfeingang hergerichtet, mit Flutlicht sowie guten Toren versehen und den "Chwantschkara-Cup" ins Leben gerufen. Immer im August kommen seither etwa 30 Mannschaften aus halb Georgien. Über das Turnier wird sogar im Fernsehen berichtet, es ist gleichzeitig ein großes Volksfest. Weil viele Georgier in Ratscha ein Ferienhaus haben, nehmen auch Profi-Fußballer am Turnier teil. Im vergangenen August sei sogar Lewan Kobiaschwili hier gewesen, der Ex-Bundesliga-Profi und nun Präsident des georgischen Fußballverbandes, allerdings nur, um Geschenke zu überreichen. Die Siegermannschaft bekam unter anderem 20 Flaschen Chwantschkara.

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