Swanetien in Georgien Es herrscht Aufbruchsstimmung

Von der Bergstation geht der Blick auf die perfekte, vergletscherte Pyramide des Tetnuldi. Das Skigebiet mit seinen wirklich schönen Pisten soll bis auf 3200 Meter reichen, wenn es fertig ist. Da es bisher noch keinen Verbindungslift aus dem Tal gibt, kann man den Tetnuldi aber nur mit Geländewagen erreichen. Die Nebenstraßen sind generell unasphaltiert und im Winter nicht geräumt. Immerhin fährt vom Hauptort Mestia ein zum Bus umgebauter spätsowjetischer Laster die 18 Kilometer hinauf zum Skigebiet.

Unten, in Mestia, der auf 1500 Meter gelegenen Hauptstadt Swanetiens, herrscht Aufbruchsstimmung. Mestia ist eine Art San Gimignano des Kaukasus, nur deutlich spektakulärer, weil fast jedes zweite Haus einen steinernen, mittelalterlichen Wehrturm besitzt. Die Anlagen dienten als Schutz vor Lawinen und Erdrutschen, besonders aber als Rückzugsort, wenn man in Streit mit einem Nachbar-Clan kam. Das kam wohl oft vor, die Swanen waren ein kriegerisches Volk, hatten aber wegen der abgeschiedenen Lage keine äußeren Feinde. Auch in Mestia sind Kühe auf den Straßen, überall entstehen neue Gästehäuser, Cafés und Hotels, die Türme werden nachts beleuchtet; es gibt ein sehenswertes, zeitgemäßes Museum zur Geschichte Swanetiens und einen kleinen Flughafen mit modernem Empfangsgebäude.

Tea Zhorzholiani, ausgebildete Ärztin und Mutter von fünf Kindern, hat die Zeichen der Zeit erkannt. Sie hat ihren kleinen Supermarkt aufgegeben und in ein Gästehaus samt Restaurant namens Uschba im Zentrum von Mestia investiert. Gebratene Bachforellen, Auberginengemüse mit Koriander, die typischen, mit Fleisch oder Käse gefüllten Kubdari-Fladenbrote - alles wird auf einem alten Holzofen zubereitet. "Den Ofen haben wir behalten, weil er den Touristen so gut gefällt", sagt Zhorzholiani. Vergangenen Sommer hätten sie einen regelrechten Boom erlebt, mit "Israelis, Deutschen, Balten". Doch es kämen auch jeden Winter mehr Gäste.

Mestia, im Schatten des Uschba.

(Foto: Hans Gasser)

Es laufe so gut, sagt die Unternehmerin auf der mit Liegestühlen versehenen Terrasse ihres Gästehauses, dass sie eine weitere Pension bauen wolle, mit 24 Zimmern, unten am Fluss. Bald solle ein Gesetz in Kraft treten, das Tourismusunternehmer in Berggebieten von der Steuer befreie, sagt Zhorzholiani, das sei gut. Sie ist Anhängerin des "Georgischen Traums", der Regierungspartei, hinter der Bidsina Iwanischwili steht, der reichste Mann Georgiens. 2012 hatte er den langjährigen, immer mehr durchdrehenden Präsidenten Micheil Saakaschwili bei den Wahlen besiegt. Ironischerweise war es der heute gehasste Saakaschwili, der die touristische Entwicklung Swanetiens angeschoben hat, mit Straßenbau und Skigebieten.

In Mazeri, das man von Mestia in einer Fahrtstunde über eine Schneematschpiste erreicht, ist man noch nicht ganz so weit. Die meisten Menschen hier sind Selbstversorger, Jobs gibt es kaum, das Leben ist beschwerlich. "Die Politiker fördern den Tourismus vor allem in Mestia, auch die meisten Fremdenführer kommen von dort, und wir schauen zu", sagt Ämiran Pangan. "Die Menschen hier müssen halt selbst aktiv was tun", gibt ihm seine Frau Tiniko Kontra. Die Ärztin und der pensionierte Grenzwächter leben in einem relativ großen Haus in Mazeri. In der warm geheizten Stube liegt ein Säugling in der Wiege, es ist ihr Enkel, den sie nun betreuen, weil ihre Tochter mehrere Monate in Tiflis ist, um dort ein Praktikum zu machen. "Tourismus ist hier die einzige Möglichkeit zur Entwicklung", sagt die Ärztin, die so schlank und drahtig ist, weil sie ihre Patienten im ganzen Bechwi-Tal zu Fuß besuchen muss.

Ihr jüngster Sohn Lascha lebt noch zu Hause, er macht in diesem Jahr Abitur in der Bergschule, in der Schüler von der ersten bis zur zwölften Klasse unterrichtet werden. "Ich will Schauspieler werden. Wenn das nicht klappt, studiere ich Betriebswirtschaft," sagt er ernst. Lascha hilft im Sommer in Bærugs Grand Hotel Ushba aus, und er arbeitet als Trekking-Guide, führt Touristen zu Fuß oder mit Pferden etwa zum Uschba-Gletscher. Lascha ist auch einer der besten bei den jährlichen Langlaufwettbewerben. Die hat Bærug neu belebt, nachdem die Einheimischen das Langlaufen in den Achtzigerjahren von heute auf morgen eingestellt hatten. "Vielleicht aus Frustration, weil sie immer gegen die Russen verloren bei Olympia", scherzt Bærug.

Ihm geht es hier um viel mehr als nur um sein Grand Hotel, das er mit seinem einheimischen Partner Arkadi Argvlian betreibt. Dessen gemütliches, mit Holzofen beheiztes Restaurant dient auch als eine Art Gemeindesaal. Prämierungen für die Langläufer, Chorkonzerte der polyfonen georgischen Musik sowie ein Literaturwettbewerb finden hier statt. Letzteren hat ebenfalls Bærug ins Leben gerufen, damit Jugendliche in ihrer Muttersprache schreiben. "Swanetisch ist eine der ältesten noch gesprochenen Sprachen der Welt", erklärt Bærug, der sie selbst versteht und spricht.

In den Schulen werde aber nur auf Georgisch unterrichtet, und selbst in den Familien sei die Sprache auf dem Rückzug. Mit dem Kurzgeschichten-Wettbewerb will er den Stolz der Jungen auf die eigene Sprache fördern. Lascha hat auch eine Geschichte beigetragen, es geht um eine arrangierte Ehe und die Rebellion dagegen. "Das bleibt für immer", sagt er, "damit trage ich dazu bei, dass unsere Sprache nicht ausstirbt." Dennoch wird er das Tal verlassen und zum Studium nach Tiflis gehen. "Aber ich kann mir gut vorstellen, später in meinem Dorf hier etwas aufzubauen."

Reiseinformationen

Anreise: Z.B. mit Turkish Airlines über Istanbul nach Batumi, hin und zurück ca. 400 Euro, www.turkishairlines.com; von dort mit dem Auto nach Mestia (5 h), ab Herbst fliegt Wizz Air direkt nach Kutaissi

Unterkunft: Grand Hotel Ushba in Mazeri, DZ ohne Bad 69 Euro, mit Bad 104 Euro, www.grandhotelushba.com; Ushba-Guesthouse in Mestia, ÜN mit Halbpension ca. 25 Euro, www.svanetistay.com

Reisearrangement: Der Osteuropa-Spezialist Xenostours bietet verschiedene Georgien-Kulturreisen an, www.xenostours.de, Tel.: 089/72 40 29 71

Buch: Der Norweger Richard Bærug hat ein informatives Buch über Swanetien geschrieben, zu bestellen über das Hotel oder http://forlagshusetivestfold.no Weitere Auskünfte: www.gnta.ge