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Geoglyphen als Reiseziel:Himmlische Riesenbilder

Heilige Plätze für Opferrituale, Landebahnen für Außerirdische oder riesige Wegweiser? Scharrbilder von erstaunlicher Größe wie die Nazca-Linien in Peru beschäftigen die Phantasie von Wissenschaftlern, Esoterikern und Touristen.

16 Bilder

Geoglyphen Nazca Uffington

Quelle: istock

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An der Oberfläche kratzen, um zum Wesentlichen vorzustoßen: Vor zwei- bis dreitausend Jahren hinterließen Künstler Scharrbilder von riesigen Ausmaßen, die man vom Erdboden aus kaum überblicken kann und deren exakte Formgebung und -vielfalt zu unzähligen Spekulationen über ihre Bestimmung führten - eine archäologische Bilderreise von Daniela Dau.

Nazca-Linien, Peru

Es war der Conquistador, Chronist und Historiker Pedro de Cieza de León aus Spanien, der als erster Europäer im 16. Jahrhundert die Nazca-Linien in seiner Peru-Chronik beschrieb: "... Zeichen in einem Teil der Wüste, die um Nanasca herum liegen ..., damit die Indios den Weg entdecken können, dem sie zu folgen haben ..."

Zwischen 200 vor und 600 nach Christus hatten die Nazca in dieser Region etwa 450 Kilometer südlich von Lima gelebt und sich mit ihren oft mehrere hundert Meter großen Bildern und kilometerlangen Linien im Erdboden verewigt. Die ältesten Scharrbilder stammen sogar noch aus der Paracas-Periode davor (etwa 800 vor Christus).

Geoglyphen Nazca Uffington

Quelle: istock

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Für Geoglyphe wie die Nazca-Linien wird die oberste Gesteinsschicht abgekratzt, darunter kommen andersfarbige Felsschichten zum Vorschein. Unter dem rostroten Gemisch aus Eisen- und Manganoxiden findet man in diesem Teil Perus helleres, beigegelbes Sediment - daher kommen die Abbilder von Menschen, Affen (im Bild), Vögeln, Walen und geometrischen Figuren wie ...

Geoglyphen Nazca Uffington

Quelle: istock

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... Trapeze besonders gut zur Geltung. Um den Kontrast noch zu verstärken, schichteten die Erbauer das braune Gestein zu seitlichen Begrenzungslinien auf. Das gewaltigste Tiermotiv ist ein riesiger Vogel mit einer Brust so groß wie fünf Fußballfelder.

Doch aufgrund ihrer Größe sind sie auf ebener Erde kaum mit dem Auge zu erfassen. Lange Zeit blieb das Wissen um ihre Existenz den Indianern vorbehalten. Es dauerte bis in die 1920er Jahre, als mit dem Beginn der kommerziellen Luftfahrt in Peru Passagiere die Linien ausmachten. Sofort begannen Spekulationen über ihre Funktion, denn die Formenvielfalt passte nicht zu der eher praktischen Wegweiser-Erklärung von Cieza de León.

Geoglyph

Quelle: AP

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Die deutsche Wissenschaftlerin Maria Reiche hatte seit den 1940er Jahren die Theorie verfochten, dass es sich um einen riesigen aufgezeichneten Kalender handele. Andere, weniger seriöse Naturen vermuteten in der Wüste rund um Nazca einen phantasievoll gekennzeichneten Landeplatz für Außerirdische. Sportarena, religiöse Kultstätte, Startrampe für Fesseldrachen, Markierungen für unterirdische Wasserläufe - bis heute haben gut zwei Dutzend Theorien Bestand. Und genauso unvollendet wie die Lösung des Nazca-Rätsels ist die Erforschung der Fundstelle selbst.

Im Bild: Die Spinne von Nazca

Geoglyph

Quelle: AP

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Noch Anfang diesen Jahres entdeckten japanische Wissenschaftler insgesamt weitere 138 Hügelanlagen und Linien sowie zwei neue Bodenzeichnungen: einen menschlichen Kopf und ein Tier. Manchmal kann es auch von Vorteil sein, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben: Die Zeichnungen sind so klein, dass sie bisher aus dem Flugzeug nicht entdeckt wurden.

Mehrere in der Region angesiedelte Tour-Unternehmen bieten verschiedene Rundflüge über die seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Nazca-Linien an. Allerdings warnt derzeit das Auswärtige Amt, besser keine Flüge zu buchen, die vom Airport Maria Reiche in Nazca aus starten: Der technische Zustand der dort eingesetzten Kleinflugzeuge entspreche oft nicht europäischen Standards. Auch bei der Qualifikation der Piloten gebe es Probleme. In den vergangenen Jahren sei es zu mehreren Zwischenfällen gekommen, darunter drei Flugzeugabstürze mit insgesamt 18 Todesopfern und mehrere Notlandungen. Die Standards am Flughafen in Pisco, von wo ebenfalls Überflüge der Nazca-Linien angeboten werden, seien dagegen besser.

Es gibt noch weitere Geoglyphe in Peru zu entdecken, unter anderem im Palpa-Tal, im Pisco-Tal und in der Region um Quebrada de Santo Domingo.

The Giant of Atacama

Quelle: Emilio / cc-by-sa-2.0

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Geoglyphe in der Atacama-Wüste, Chile

Etwa 800 Kilometer weiter südlich der peruanischen Nazca-Linien liegen mehr als 5000 Scharrbilder im Sand und Geröll der trockensten Wüste der Welt, der Atacama in Chile. Die tierischen, menschlichen und geometrischen Figuren dürften zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert entstanden sein. Wie in Nazca feierten die in der Gegend siedelnden Aymará-Indianer vermutlich vor allem religiöse Zeremonien an den Figuren, deren Umrisse sie in den Fels geritzt oder aus dem abgetragenen Geröll gelegt hatten.

Die größte von ihnen, "El Gigante" in der Nähe von Cerro Unita in der Tarapacá-Region (im Bild), misst 86 Meter in der Länge und zeigt einen König oder eine Gottheit mit einer Federkrone auf dem Kopf. Der "Riese" soll über seine spirituelle Funktion hinaus auch als Kalender gedient haben.

Valle de la Luna chile

Quelle: ASSOCIATED PRESS

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An den in den Fels geritzten Balken ließ sich die Mondstellung ablesen. Wissenschaftler bescheinigen den Atacama-Geoglyphen außerdem eine wichtige Rolle im ausgedehnten Wegenetz von Südamerika: Die Figuren sind einzeln oder in Gruppen auf Hügeln und Tälern über ein großes Gebiet verstreut -  aber immer in der Nähe präkolumbischer Handelsrouten, die die alten Völker durch diese lebensfeindliche Gegend geleitet hatten.

Wer sich dem "Riesen" nähern möchte, tut dies am besten von der nördlichsten Stadt Chiles aus, Arica. Im dortigen Archäologischen Museum sind zudem die ältesten Mumien der Welt ausgestellt. 7800 Jahre haben die einbalsamierten Körper vom Volk der Chinchorro schon überdauert. Ausgangpunkte für Geoglyphen-Exkursionen können auch die quirlige Belle-Epoque-Stadt Iquique weiter südlich sein oder San Pedro de Atacama auf mehr als 2400 Meter Höhe. Von dort ist auch die "Mondlandschaft" des Valle de la Luna (im Bild) gut erreichbar.

Geoglyph

Quelle: AP

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Blythe Intaglios, Kalifornien

Auch im Südwesten der USA stoßen Urlauber auf Geoglyphen und müssen dafür noch nicht einmal in die Luft gehen. Die Giants oder Intaglios genannten Scharrbilder nahe der Kleinstadt Blythe in Kalifornien sind maximal 50 Meter lang und gerade so in der Ebene zu überblicken. Man kann sich allerdings vorstellen, wie beeindruckt der Pilot George Palmer gewesen sein muss, der in den 1930ern auf einem Rundflug als erster Nichtindianer die Intaglios entdeckte.

Erhöht auf Terrassen an den Ufern des Colorado River gelegen, gruppieren sich hier um große menschliche Figuren Zeichnungen von Pumas, Pferden und das Bild einer Schlange. Vermutlich haben Mojave-Indianer die Geoglyphe in den ebenen Fels geritzt, sie könnten 450 bis zu mehr als 2000 Jahre alt sein.

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Quelle: Ron's Log / cc-by-sa-3.0

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Der Zweck der Bilder ist wissenschaftlich ein offenes Buch. Das befeuert diejenigen, die auch hier vermuten, dass die amerikanischen Ureinwohner Besuch von intelligenten Außerirdischen bekommen haben könnten. Die mündlich überlieferten Legenden der Indianer erzählen aber, dass in dieser Gegend früher Zeremonien und Tänze abgehalten worden sind. Gefeiert und geehrt wurde dabei unter anderem die menschliche Figur in den Intaglios, Mastamho, der Schöpfer der Welt. Zuletzt fanden wieder Zeremonien an den Blythe Intaglios statt, allerdings nicht nur aus religiös-spirituellem Anlass.

Geoglyph

Quelle: ASSOCIATED PRESS

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Die ansässigen Indianerstämme und Umweltaktivisten befürchten die Zerstörung eines Teils der Geoglyphen: Ab 2013 soll in der Nähe von Blythe ein riesiges Solar-Kraftwerk entstehen.

Die Blythe Intaglios sind relativ einfach zu finden: Etwa 24 nördlich des Zentrums von Blythe auf der U.S. Route 95 zweigt eine Schotterpiste ab, ein Schild des Bureau of Land Management weist den Weg. Nach kurzer Fahrt erreicht man die zum Schutz vor Vandalismus umzäunten Intaglios. Kommerzielle Panorama-Flüge werden derzeit nicht angeboten, hier ist Eigeninitiative gefragt. Weitere Geogplyphen im Südwesten der USA finden Interessierte zum Beispiel in der Gegend um Yuma oder bei Quartzsite (Arizona). Auch diese beiden Fundorte liegen in der Nähe des Highway 95.

geoglyph

Quelle: AP

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Uffington White Horse, England

In den Wüstengegenden der USA und von Südamerika trugen die Schöpfer von Geoglyphen Gestein ab, um ihre Bilder zu gestalten. Für das Uffington White Horse in England musste erst die auf den grünen Hügeln Oxfordshires wuchernde Vegetation ausgeschnitten werden, um die Umrisse der Figur in den darunterliegenden weißen Kreidefels zu ritzen und diese dann mit Kreidebrocken wieder aufzufüllen.

Auch über das Alter dieses Scharrbilds gehen die Meinungen von Wissenschaftlern auseinander. Die einen vermuten, dass sie im im 9. Jahrhundert entstanden sind, andere Forschungen datieren das Pferd sogar ins 5. Jahrhundert zurück, als die Angelsachsen mit ihren Anführern Hengist (bedeutet übersetzt Hengst) und Horsa (Pferd) Britannien eroberten. Wieder andere deuten es als eine zwei- bis dreitausend Jahre alte Huldigung an die keltische Göttin Epona, die Beschützerin der Pferde.

Geoglyphen Nazca Uffington

Quelle: istock

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Die Ausmaße (107 Meter lang, 37 Meter breit) und die Form des Pferdes wurden seit seinem Entstehen nicht verändert, lediglich die Linien sind dünner geworden.

Das Uffington White Horse liegt gut zwei Kilometer südlich von Uffington in Oxfordshire im mittleren Süden Englands, nicht weit von der B4507. Parkmöglichkeiten gibt es am nahen Whitehorse Hill und am Woolstone Hill. Im Ganzen sieht man das Scharrbild am besten aus der Luft, doch kommerzielle Rundflüge werden in der Gegend nicht angeboten. Einen guten Blick hat man vom nahen Dragon Hill aus. Der Eintritt ist frei und ganzjährig möglich, auch wenn es auf den Hügeln ziemlich windig werden kann. Ein Besuch beim Uffington White Horse lässt sich gut mit einer Besichtigung des nahen Uffington Castle verbinden, einer Wallburg aus der Eisenzeit, oder einem anderen mystischen Überbleibsel alter britischer Kulturen: Stonehenge liegt nur eine gute Autostunde weiter südlich.

Geoglyph in Australien

Quelle: online.sdereise

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Marree Man, Australien

Als der Buschpilot Trac Smith 1998 in etwa 1000 Metern Höhe das Outback im zentralen Südaustralien überflog, legte er wahrscheinlich eine ungeplante Extrarunde ein. Denn in der rotbraunen Wüstenlandschaft hatte er westlich der Siedlung Marree eine überdimensionale Zeichung entdeckt, die einem Aborigine-Mann mit einem Stock in der Hand ähnlich sah - Zeugnis einer uralten Kultur, das in dem 127.000 Quadratkilometer großen Sperrbezirk Woomera Prohibited Area bisher einfach noch nicht entdeckt worden war?

Bis heute ist der Urheber der 4,2 Kilometer großen Figur im Dunklen geblieben, niemand hat sich zum "Marree Man" bekannt. In zahllosen Spekulationen wurden unter anderem der australische Künstler Bardius Goldberg, eine Gruppe von Bauarbeitern, Mitglieder des australischen Militärs und US-Amerikaner mit dem riesigen Scharrbild in Verbindung gebracht. Fest steht aber, dass der Geoglyph nahe des Salzsees Lake Eyre neueren Datums, sprich im Frühjahr 1998 entstanden ist. Schätzungen zufolge dürfte die Herstellung sechs Wochen gedauert haben und der oder die Künstler ging nicht mit filigranen Mitteln ans Werk.

marree geoglyph

Quelle: AFP

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Um die 20 bis 30 Zentimeter tiefen und bis zu 35 Meter voneinander entfernten Linien in die Erde zu graben, benötigt man einen Traktor und vermutlich Unterstützung durch GPS. In die ausgehobenen Linien wurde Weißkalk gestreut, der sich selbst von Satellitenkameras aus gut vom rotbraunen Untergrund abhebt.

Während andere Geoglyphen als mysteriöse Überbleibsel versunkener Kulturen gefeiert werden, gab es um den "Marree Man" in erster Linie Streit. Die Dieri, jene australischen Ureinwohner, in deren Stammesgebiet das Scharrbild angefertigt wurde, protestierten: Die Erdzeichnung habe Schaden an ihrem Land angerichtet und störe den unablässigen Schöpfungsprozess. Die australische Regierung und prominente Anthropologen bezeichneten die Zeichnung als Vandalismus und Graffiti. Daher wird auch nichts unternommen, "Marree Man" als Kunstwerk anzuerkennen und es zu bewahren.

Es ist wenig sinnvoll, den "Marree Man" mit dem Auto zu besuchen: Das Bild erschließt sich erst aus einer Höhe von gut 1000 Metern. Flugunternehmen bieten daher Rundflüge im Outback an, auf denen unter anderem auch der Marree Man zu sehen ist.

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Quelle: AP

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Palm Islands, Dubai

Bei den alten Geoglyphen besteht ein Teil ihrer Anziehungskraft im Rätsel ihrer Entstehung. Bei der erst jüngst geformten Inselfigur Palm Islands in Dubai lag ihre Bestimmung von Anfang auf der Hand: Mit den künstlich aufgeschütteten Landmassen soll Geld verdient werden, durch den Verkauf teurer Wohnungen und den kostspieligen Aufenthalt in Luxus-Hotels wie dem Atlantis, in Restaurants und Yachthäfen. Die außergewöhnliche Form der Inseln erschließt sich am besten aus großer Höhe, doch hier enden schon die Gemeinsamkeiten zu den historischen Stätten.

Aufgrund der komplizierten Aufschüttungsarbeiten und der Strömungsproblematik sollen die palmenförmigen Inseln mehrere Milliarden Dollar kosten. Von den drei geplanten Eilanden, deren Bau 2001 von der staatseigenen Entwicklungs- und Baugesellschaft begonnen worden war, ist lediglich "The Palm, Jumeirah" fast fertiggestellt. Die Arbeiten an den beiden anderen Inseln ruhen derzeit, die Nachfrage von potentiellen Käufern war zu gering. Und am Nachbarschaftsprojekt "The World", einer gigantischen Aufschüttung auf dem Grundriss der Weltkarte, kann man bereits die Zukunft der künstlichen Inseln absehen.

Abu Dhabi springt für Dubai in die Bresche

Quelle: dpa

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Die kleineren Durchlässe zwischen den Inseln beginnen zu versanden, weil sie nicht mehr freigebaggert werden. Steigende Meeresspiegel, Sandstürme und zu durchlässige Wellenbrecher schädigen die Inseln weiter. Während die Geoglyphen der Indianer- und anderer Urvölker Jahrtausende überdauert haben, könnten die künstlich geschaffenen Inseln nach einem endgültigen Baustopp in absehbarer Zeit wieder versinken.

© sueddeutsche.de/kaeb/lala

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