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Gelassene Reisende während des Bahnstreiks:Warum nur rastet niemand aus?

Lokführerstreik - Düsseldorf

Augen zu und durch: Der GDL-Streik bereitet zwar Ärger, trotzdem bleiben die meisten Deutschen gelassen.

(Foto: dpa)

Trotz ausfallender Züge gehen deutsche Reisende mehrheitlich gelassen mit dem Streik um. Das liegt auch am Internet. Dabei schadet es gar nicht, ab und an etwas Dampf abzulassen.

Dichtes Gedränge in den S-Bahnen, genervte Reisende an den Bahnsteigen, quälend lange Wartezeiten, bis der nächste Zug abfährt: Als die Lokführergewerkschaft GDL am Dienstag den längsten Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn ankündigt, befürchten viele ein totales Chaos im Wochenendverkehr. GDL-Chef Claus Weselsky wird in Boulevardzeitungen als "der Bahnsinnige" geschmäht - so als sei er das personifizierte Böse schlechthin.

Auch die Deutsche Bahn rüstet sich: Ersatzfahrpläne werden organisiert, Zugbegleiter, die größtenteils der anderen Gewerkschaft EVG angehören, werden in Konfliktmanagement geschult und die Mitarbeiter an Infopoints und bei Service-Hotlines werden gewarnt, dass da ganz schön was auf sie zukommen kann.

Doch dann passiert - sehr, sehr wenig. "Die meisten Menschen gehen gelassen mit dem Streik um", sagt Bernhard Schlag. Er ist Professor für Verkehrspsychologie an der TU Dresden und verfolgt den Tarifkonflikt und dessen Folgen für die Reisenden genau. Schlag und seinen Kollegen ist aufgefallen, dass der überwiegende Teil der Bahnkunden die Ruhe bewahrt. Keine laut schreienden Fahrgäste vor dem Infopoint. Keine Wutausbrüche in der Bahnhofshalle.

Woran liegt das? Bei der Suche nach den Gründen für die erstaunliche Gelassenheit sind Schlag und seine Mitarbeiter zu einer Erkenntnis gelangt, die sich auf ein einziges Wort eindampfen lässt: das Internet.

Dank Smartphones und Tablets könne sich nämlich jeder Reisende unterwegs informieren, welche Zugverbindung doch noch in Frage kommt. Das mache eine flexible Planung möglich, schon das alleine bringe Entlastung. Außerdem hilft es, wie Schlag erklärt, dem "Drang nach Selbstoptimierung" nachzukommen. Das Verlangen, den Tag so effektiv wie möglich zu nutzen, spielt dabei eine wichtige Rolle. Bahnkunden werden zwar durch Zugausfälle in der Erreichung ihrer persönlichen Ziele aufgehalten, haben diese Ziele aber dank der Auskünfte über Apps und Web-Auftritte immerhin noch im Blick.

Soziale Netzwerke als Ventile für Wut

Hinzu komme, dass man dank der modernen Kommunikationsmittel mit anderen Leuten in Kontakt treten kann. Statt mit der Situation allein umgehen zu müssen, wird der Ärger via Textnachricht oder Telefonat mit vertrauten Personen geteilt. Dies reiche oft schon aus, um persönliche Stresssituationen zu entschärfen.

Dabei müssen es nicht mal unbedingt Freunde oder Verwandte sein: Wer sich über Twitter oder Facebook auslässt, empfindet es meist als tröstlich, wenn fremde Nutzer ähnliche Erfahrungen schildern. Soziale Netzwerke werden so zum Ventil für Wut. Wer sich im Netz abreagieren kann, bleibt im realen Leben gelassener.

Wie stark Menschen auf eine Stresssituation wie den momentanen Streik reagieren, hängt aber immer von verschiedenen physiologischen und psychologischen Faktoren ab. Wer hungrig auf eine Bahn warten muss, ist naturgemäß gereizter als ein Reisender, der ausgeschlafen und ohne Termindruck unterwegs ist. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese, eine gängige Theorie in der Psychologie, verdeutlicht, dass auf eine erlebte Frustration eine Aggression folgen kann und diese sich proportional zur Stärke der Frustration verhält. Allerdings habe jeder Mensch eine "Persönlichkeitskonstante", wie es Schlag nennt. Tendenziell ruhige Menschen verhalten sich bei Frust wahrscheinlich immer noch relativ ruhig.

Ausgelebte Emotionen helfen bei der Stressbewältigung

Negative Gefühle müssen allerdings manchmal auch "ausagiert" werden, wie es Psychologen nennen. "Dampf ablassen ist an sich nichts Verwerfliches. Andere Kulturen leben einen viel offeneren Umgang mit Emotionen vor, als das in Deutschland der Fall ist", sagt Schlag. Solange man sich sozial verträglich verhalte, könne das bei der Stressbewältigung empfehlenswert sein. Für jeden, der bereits im Auto geflucht hat, ist das nachvollziehbar.

Was aber, wenn sich ein Mitreisender mal gar nicht mehr einkriegen will? Statt beschämt auf den Boden zu schauen, kann auch der direkte Kontakt gesucht werden, so Verkehrspsychologe Schlag: "Wenn man sich das zutraut, hilft womöglich ein verständnisvolles Gespräch, um die Frustration abzufedern. Wichtig ist, dass der Ton nicht erzieherisch oder korrigierend aufgenommen wird".