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Gefährliche Touristenattraktionen:Sie wollen Blut sehen

In Pamplona werden unter dem Jubel der Zuschauer wieder Stiere durch die Gassen gehetzt, jedes Jahr verletzen sich Hunderte Menschen, manche sterben. Und das ist nicht das einzige Spektakel, das zwar umstritten ist, aber Touristen anlockt.

Katja Schnitzler

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Helmet lies in sand in Roman amphitheatre after performance by Hungarian Collegium Gladiatorium fighting club in Pula

Quelle: REUTERS

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Es scheint wieder Zeit für Gladiatoren zu sein: Die Zuschauer wollen Blut sehen! Hat sich seit der Herrschaft Roms wirklich so wenig geändert? Reicht nicht Spektakel, muss es auch noch gefährlich sein, muss es Verletzte geben, Tote gar? Diese Fragen stellen sich die meisten Reisenden angesichts riskanter Touristenattraktionen wie dem Treiben in Pamplona, bei dem Menschen mit Stieren durch die Gassen rennen. Andere hingegen wollen nur eines: dabei sein.

Weltweit gibt es gefährliche Spektakel, die touristisch vermarktet werden. Gerechtfertigt werden sie oft mit der Tradition - obwohl einige Bräuche jenseits jeder Vernunft sind. Ein Überblick.

A dead bull is dragged away following a bullfight by Rejoneadores (bullfighters on horseback) at the San Fermin Festival in Pamplona

Quelle: Reuters

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Pamplona feiert mit dem gefährlichen Stierhatz den Schutzpatron San Fermin. Es endet immer gleich: mit toten Tieren und zahlreichen Verletzen. Die Gefahr macht den Nervenkitzel aus, so ist es Tradition. Doch inzwischen kommen nicht nur viele der 200.000 Einwohner der nordspanischen Stadt zur "204 Stunden Fiesta nonstop"-Feier, sondern bis zu eine Million Besucher aus aller Welt - ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor für die Stadt.

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Quelle: AFP

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Mit der steigenden Besucherzahl in den engen Gassen der Altstadt wird das Stiertreiben noch gefährlicher und chaotischer. Auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster werden jeden Tag vom 6. bis 14. Juli Stiere durch die Straßen gejagt, angeführt von Leitochsen. Im Roman Fiesta aus dem Jahr 1926 hatte Ernest Hemingway dem Brauch in der Hauptstadt der nordspanischen Autonomen Gemeinschaft Navarra gehuldigt, er selbst war auch mit den Stieren gerannt und zahlreiche Touristen machen es ihm nach. Seit 1924 wurden 15 Menschen beim Stierlauf getötet.

Noch bewusster für Verletzungen entscheiden sich Menschen auf den Philippinen. Dort empfinden ...

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Quelle: AFP

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... Büßer an Ostern den Leidensweg Jesu am eigenen Leib nach. Zwar kritisieren auch katholische Bischöfe das blutige Ritual, nicht nur das Auspeitschen, sondern vor allem, ...

A penitent reacts as he is nailed to a wooden cross in Pampanga province

Quelle: REUTERS

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... dass sich einige Menschen bei organisierten Passionsspielen tatsächlich ans Kreuz schlagen lassen, im Bild in der Provinz Pampanga nördlich von Manila. Das Leiden der fanatisch Gläubigen - manche habe schon 25 Mal und öfter die Tortur über sich ergehen lassen - ist inzwischen auch zum Touristenspektakel geworden und zieht jedes Jahr Zehntausende Besucher an.

Zahlreiche Schaulustige lockt ein noch blutigeres Spektakel, das nicht in Gottes Namen, sondern im Namen der Götter zelebriert wird.

Devotees Mutilate Themselves At Phuket Vegetarian Festival

Quelle: Getty Images

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Das "Vegetarian Festival" findet an den ersten neun Tagen des neunten Mondmonats des chinesischen Kalenders im thailändischen Phuket statt, meist Anfang Oktober. Neugierige reisen eigens aus dem Ausland an. Der Legende nach soll einst eine chinesische Theatergruppe allein durch Fasten und die Kraft der Götter die Stadt Phuket gerettet haben - in einer anderen Variante kurierte sich die Gruppe mit vegetarischer Ernährung und Gebeten von Malaria. Auf göttliche Unterstützung setzen auch die Teilnehmer: In Trance stoßen sie sich alle möglichen und unmöglichen Gegenstände meist durch die Wangen - sogar ganze Fahrradstangen, an dem sie das Rad dann wieder festschrauben lassen. So nehmen die Menschen an den Prozessionen teil, am Abend laufen manche noch über glühende Kohlen oder steigen Leitern aus Klingen empor. Um die Wunden machen sie sich keine Sorgen: Angeblich schließen sich diese von selbst wieder, den Göttern sei Dank.

Der folgende Anblick lässt den Atem von Eltern stocken, nur nicht ...

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... den von jungen Eltern im spanischen Castrillo de Murcia in der Nähe von Burgos. Wo andere ihr Baby wegreißen würden, wenn ein schwerer Mann darüber springen wollte, feuern ihn manche Mütter noch an: "Noch einmal!" Jährlich zu Fronleichnam wird El Colacho, der Teufel, durch den Ort getrieben. Auf seiner Flucht ...

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... springt der in Rot und Gelb gewandete Teufel schon seit dem Jahr 1621 über Babys, die im vergangenen Jahr geboren wurden. Das soll sie vor Bösem und Krankheiten bewahren. Diese risikoreiche Tradition wird wohl beibehalten - inzwischen ist El Colacho auf der Liste der Fiesta de Interés Turístico Nacional aufgeführt, der Feste, die in Spanien für Touristen interessant sind.

Die Teilnehmer an einem harten, aber traditionellen Spiel in Italien sind immerhin erwachsen und selbst dafür verantwortlich, wenn sie ihr But vergießen.

Calcio Fiorentino final match

Quelle: dpa

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Beim Calcio Fiorentino muss man an unweigerlich an Gladiatoren denken, das Wort "Foul" hat bei diesem Ballspiel eine eher untergeordnete Rolle. Gespielt wird mit Füßen und Händen, und zwar nicht nur am Ball, sondern auch am Gegner: Handgreiflichkeiten, Kopf- und Ellenbogenstöße sind bis auf wenige Ausnahmen erwünscht. Die Wiege dieses harten Spiels ist die Piazza Santa Croce in Florenz, die frühe Form von Fußball wurde schon im 16. Jahrhundert gespielt. Sogar Päpste ...

Calcio Fiorentino final match

Quelle: dpa

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... sollen unter den jeweils 27 Spielern der Mannschaften gewesen sein. Ob Hochwürden allerdings auch so hart angepackt wurden wie die anderen auf dem Feld, ist zu bezweifeln. 1580 wurden die Regeln für die Mischung aus Fußball, Rugby und Kampfsport erstmals veröffentlicht, heute treten vier Teams gegeneinander an. Nach zweihundert Jahren Auszeit begann der Calcio Fiorentino 1930 wieder, inzwischen finden drei Spiele jeweils in der dritten Juni-Woche auf der Piazza Santa Croce statt - unter vollem Körpereinsatz und regem Zuschauerinteresse.

Schwere Stürze und Verletzungen gehören auch beim Pferderennen in Siena dazu.

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Quelle: AP

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Etwa 100 Sekunden dauert das Pferderennen beim Palio im toskanischen Siena, bei dem die Reiter der Stadtteile am 2. Juli und am 16. August über den zentralen Piazza del Campo jagen. Bei einem der härtesten Rennen der Welt kommen oft nur die Tiere an, da die Reiter sich gegenseitig und die anderen Pferde mit Ochsenziemer bearbeiten und verbotenerweise andere vom ungesattelten Rücken ziehen. Doch auch ein Pferd ohne Reiter gewinnt den Palio für seinen Stadtteil, läuft es nach drei Runden als Erstes ins Ziel - wenn es ans Ziel kommt. Tierschützer kritisieren das Rennen heftig, denn ...

A jockey falls from his horse during a trial race at Del Campo square in Siena

Quelle: REUTERS

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... seit 1970 seien bereits rund 50 Pferde bei dem Rennen verendet, erklärte die Verbraucherschutzorganisation Codacons. Auch Italiens Tourismusministerin Michela Brambilla drohte, der Palio sei nicht "unantastbar". Vor dem diesjährigen Rennen war bei einem Training ein Pferd gegen eine Begrenzung gerast und konnte nicht mehr gerettet werden.

Beim Motorrad-Rennen auf der Isle of Man kommt es regelmäßig zu schweren Unfällen - was auch Hobbyfahrer nicht abhält.

Motorcyclists ride their bikes on the roads at at Creg-ny-Baa during 'Mad Sunday' at the TT meeting on the Isle of Man

Quelle: REUTERS

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Seit 1907 findet jährlich ein hochriskantes Motorradrennen auf der britischen Kronbesitzung Isle of Man in der Irischen See statt - das älteste der Welt. Doch der Snaefell Mountain Course ist kein fester, abgesicherter Rundkurs, die Fahrer rasen vielmehr die meist ungeschützten normalen Straßen zwischen Steinmauern, Böschungen und Häusern entlang. Jedes Jahr kommt es zu schweren Stürzen und auch tödlichen Unfällen - ebenso am "Mad Sunday" (Foto): Dann wird ein Teil der Strecke abgesperrt und für Hobbyfahrer freigegeben, die sich dann nicht nur fühlen wie ihre professionellen Vorbilder. Sondern ebenso oft in Unfälle verwickelt sind.

© sueddeutsche.de/kaeb/dd/boen
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