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GDL-Streik:Die Leiden eines Berufspendlers

Lokführerstreik - Brandenburg

Beim Bahnfahren lernen Pendler sogar Freunde kennen. Wenn nicht gerade alles stillsteht.

(Foto: dpa)

Als würde der Zahnarzt bei akuten Schmerzen sagen: "Kommen Sie in vier Tagen wieder." Der Immobilienkaufmann Fromund Hoffmann nimmt jeden Tag den Zug zur Arbeit. Eigentlich fährt er gerne Bahn. Wenn sie fährt.

SZ.de: Warum fahren Sie mit der Bahn zur Arbeit?

Fromund Hoffmann: Für mich ist das eine entspannte Art zu Reisen. Außerdem hätte ich sonst nie die vier Leute kennengelernt, mit denen ich jeden Morgen zusammen reise. Wir sind mittlerweile auch privat befreundet, unsere Familien kennen sich. Obwohl wir am Morgen immer relativ müde sind - unser ICE nach Frankfurt fährt um 6.51 Uhr am Stuttgarter Hauptbahnhof ab - ist es nie langweilig und keiner will schlafen. Es gibt sogar Leute, die extra in unser Abteil einsteigen, weil sie wissen, dass es bei uns lustig zugeht.

Und wie lange haben Sie da Spaß?

Ich bin täglich etwa zwei Stunden und 40 Minuten mit dem Zug unterwegs, mit Verspätung sind es manchmal auch vier Stunden. Durch das Pendeln habe ich mindestens einen 15-Stunden-Tag. Da kommt so ein Streik schon sehr ungelegen.

Wie kommen Sie denn in den nächsten Tagen zur Arbeit?

Ich habe zum Glück einen Kollegen, mit dem ich auch sehr gut befreundet bin. Bei ihm kann ich zwei Nächte schlafen. Am Freitag fahre ich mit einem anderen Kollegen nach Hause. Als Wochenendpendler hat er ein Apartment in Frankfurt und ist immer mit dem Auto unterwegs. Ansonsten hätte ich jetzt Urlaub nehmen müssen - und das mache ich lieber aus eigenem Antrieb heraus und nicht weil irgendwelche Menschen über mich entscheiden.

Werden Sie sich angesichts der Streiks überhaupt nochmal eine BahnCard holen, wenn diese abgelaufen ist?

Ja, schon. Aber meine Bekannten aus dem Zug und ich haben uns spaßeshalber überlegt, bei der nächsten BahnCard erstmal nur 75 Prozent des Preises zu bezahlen. Nur wenn wir dann regelmäßig und rechtzeitig an unser Ziel gebracht werden, gibt es die restlichen 25 Prozent. Immerhin zahle ich 4090 Euro für meine Bahncard 100 in der zweiten Klasse, mein Arbeitgeber übernimmt die Kosten nicht.

Wird es für Sie durch den Streik nun noch teurer?

Ich kann ja zum Glück bei meinem Kollegen übernachten. Aber allgemein haben Pendler wie ich durch den Streik einigen Aufwand: Wir müssen umbuchen und uns um Alternativlösungen kümmern, die zusätzlich Geld kosten. Kollegen von mir werden mit dem Fernbus zurückreisen, weil sie sonst keine Möglichkeiten sehen. Dabei haben sie noch Glück, mittlerweile sind die Fernbusse nämlich ausgebucht. Einer meiner Kollegen fliegt sogar heim. All das erstattet uns niemand.

Gibt es denn für Ihre Strecke keine Ersatzfahrpläne?

Ja, die soll es geben, 30 Prozent der Fernreisen sollen stattfinden. Aber Papier ist geduldig. Inwiefern die Züge dann tatsächlich so fahren, weiß ja niemand. Mir sind die Notfallfahrpläne zu unsicher, als dass ich mich auf sie verlassen würde.

Würden Sie GDL-Chef Claus Weselsky am Bahnsteig treffen, was hätten Sie ihm zu sagen?

Erst einmal vorweg: Grundsätzlich finde ich das Gehalt der Lokführer nicht hoch, vor allem wenn man bedenkt, dass sie Verantwortung für 500 Leute im Zug tragen. Ich befürworte also eine angemessene Bezahlung für sie, aber ich finde, der Arbeitskampf muss mit Augenmaß ablaufen. Und Herr Weselsky sollte die Kirche im Dorf lassen. Vielleicht könnte er sich ja mal Folgendes vorstellen: Ein Lokführer hat arge Zahnschmerzen und geht zum Zahnarzt. Der begrüßt ihn und sagt: "Kommen Sie in vier Tagen wieder, dann habe ich Zeit für Sie."