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Karibik:Nirgendwo ist Europa so bunt wie auf Martinique

Ville de Saint Pierre, Saint-Pierre City, Martinique, France

Nach dem Ausbruch des Vulkans Mont Pelée im Jahr 1902 erwacht nun zaghaft neues Leben in der einstigen Hauptstadt Saint-Pierre.

(Foto: David Giral)

Frankreichs Überseeterritorium hat malerische Buchten, exotische Pflanzen, Zouk-Musik und Rumdestillerien. Doch seine Unschuld hat das Paradies längst verloren.

Wie weit der Stier Europa getragen hat, kann jeder sofort nachprüfen - in seiner Brieftasche. Auf jedem Euro-Schein ist nicht nur Kontinentaleuropa abgebildet, wer genauer hinsieht, wird in ein paar kleinen Kästchen die Gebiete der EU finden, die nicht mehr auf die Karte passten. Neben den spanischen Kanaren sind dies die vier französischen Übersee-Départements: La Réunion, Guyane sowie die Karibikinseln Guadeloupe und Martinique.

Wie französisch und damit europäisch Martinique trotz der gut 6000 Kilometer Distanz zum französischen Festland ist, wird dem Ankömmling schnell klar: Der Aéroport Aimé Césaire in Lamentin nahe der Hauptstadt Fort-de-France ist modern und sieht mit seinem leuchtenden Weiß fast wie eine kleine Ausgabe des Münchner Flughafens aus. Zweimal täglich fliegen ihn Großraumjets der Air France von Paris-Orly aus an; auch Air Caraïbes, Air Canada und American Airlines bieten interkontinentale Verbindungen. Geldwechseln entfällt, man zieht selbstverständlich Euro aus dem Geldautomaten.

Ville de Saint Pierre, Saint-Pierre City, Martinique, France

Von Rum, Zuckerrohr, Sklaverei erzählt das Graffito in St. Pierre.

(Foto: David Giral)

Auch unser Taxifahrer wirkt wie aus einem Luc-Besson-Film: Cool, sportlich und modisch gekleidet lehnt Marc Martial an seinem weißen Mercedes-E-Klasse-Taxi, das er - innerhalb Europas ja kein Problem - vor ein paar Jahren persönlich in Sindelfingen abgeholt hat. In die Stadt geht es auf der Autobahn, die in exzellentem Zustand und täglich zur Rushhour von Staus geplagt ist, vorbei an Industriegebieten und Carrefour- oder Géant-Casino-Supermärkten, deren Sortiment dem in Kontinentalfrankreich nicht nachsteht. Sogar eine kleinere Zwillingsausgabe des Pariser Wahrzeichens Sacré-Cœur thront auf einem Hügel nordwestlich von Fort-de-France.

Freilich, dass man nicht in Toulouse oder Lyon gelandet ist, wird ebenso schnell klar: schon beim ungewohnt feuchtheißen Luftschwall, der einen empfängt, sobald man durch die Türen des klimatisierten Flughafens tritt. Wie in der gesamten Karibik herrscht auf den 1100 Quadratkilometern (ungefähr die Fläche Groß-Berlins) Martiniques ein Tageszeiten-Klima: Es gibt nur eine Passatwind- und damit regenreichere Periode, aber die Temperaturen bewegen sich rund ums Jahr, tags wie nachts zwischen 23 und 33 Grad. Dementsprechend ist man an jedem Eck und zu jeder Zeit von Palmen, tropischer Vegetation (Martinique heißt in der Sprache der Ureinwohner "Madinina" - Insel der Blumen) und umherschwirrenden Kolibris umgeben. Dazu kommen Mangroven, Hügelketten und unzählige postkartentaugliche Buchten und Strände. Die Schwesterinsel Guadeloupe mag mit ihren zwei unterschiedlichen Hälften landschaftlich abwechslungsreicher sein, dafür hat Martinique an seiner Ostküste ein konkurrenzlos malerisches Gewirr aus Halbinseln und Inselchen zu bieten.

SZ-Karte

Im strukturschwachen Norden setzt die Organisation "Tak Tak" auf Ökotourismus

Europäische Lebensart unter Palmen und ewiger Sonne - ist Martinique also das ersehnte Paradies der Pauschaltouristen, die sich ja mehr oder weniger ihr Zuhause mit besserem Wetter und Meer erträumen? Die französische Regierung unter Nicolas Sarkozy wollte es einmal so. Nachdem es 2009 auf Guadeloupe und Martinique zu einem mehrmonatigen Generalstreik mit unruheartigen Zuständen wegen der immens steigenden Lebenshaltungskosten gekommen war, tagte eine Kommission ein Jahr lang, bis der Präsident persönlich verkündete, der Tourismus sei die Lösung der Probleme.

Daran zweifelt aber nicht nur unser Chauffeur Marc, der befindet: "Seit damals hat sich wenig geändert. Es ist eher noch teurer geworden." Er fährt fast rund um die Uhr, um den Standard für seine vierköpfige Familie zu halten. Denn die Zugehörigkeit zu Frankreich ist auf der einen Seite das Ruhekissen der Insulaner: Einen zweistelligen Milliardenbetrag pumpt Paris jährlich in seine Übersee-Départements, der soziale Schirm ist auch über den "compatriots en outre-mer", den Landsleuten in Übersee, aufgespannt. Andererseits aber hat das zentralistische Frankreich die Ökonomie der Inseln zu reinen Importwirtschaften degradiert. Nicht zuletzt deshalb findet man hier die höchste Arbeitslosenquote aller französischen Départements. Um aber beim Massentourismus mitzuhalten, wie ihn Kuba, die Dominikanische Republik oder selbst die Nachbarinsel St. Lucia betreiben, fehlen alle Voraussetzungen, schon wegen des viel höheren Euro-Preisniveaus. Aber auch wegen der selbstbewussten, auf Gleichberechtigung pochenden Mentalität der Martiniquaises.