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Frankreich:Das große Laben

Le Grand-Bornand in Hochsavoyen ist ein Skiort, den man sich noch leisten kann - und die Heimat einer Spezialität. Nur Käse sollte man mögen, wenn man hier Urlaub machen möchte.

Nett ist das nicht von Jean-Marc Thomet. Erzählt die ganze Zeit von den sensationellen Himbeer- und Blaubeer-Kuchen, die es bei "Chez Frédéric" gibt, von den berühmten Beignets de pommes de terre (Kartoffelküchelchen) und all den anderen Köstlichkeiten der savoyardischen Küche, und erst als sich die kleine Skitour dem Ende nähert, wird klar: Bei Frédéric ist gar niemand zu Hause. Von November bis Mai ist sein Restaurant in der Fünf-Häuser-Siedlung am Col des Annes geschlossen. Der Bergführer zeigt auf die dicken Schneeberge auf dem Dach des alten Hauses und sagt grinsend: "Zu viel Winter."

Le Grand-Bornand

Die Hänge rund um Le Grand-Bornand sind auch das Übungsterrain diverser Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Die Skirennläuferin Tessa Worley beispielsweise ist hier aufgewachsen.

(Foto: David Machet)

Wohl wahr. Auch im April, wenn drüben im Skigebiet von Le Grand-Bornand die ersten Lifte schließen, liegt hier oben auf 1700 Metern zumeist immer noch jede Menge Schnee. Wo sich im Sommer die Ausflügler tummeln, herrscht nun Stille. Zeit für eine Rast, einen Blick auf den Mont Blanc und die rhythmisch nebeneinander aufgereihten Gipfel der 25 Kilometer langen Aravis-Kette. Jean-Marc kennt jeden persönlich: Mont Charvet, Mont Fleuri, Tardevant, Tête de Paccaly, Roche Perfia, Tête Pelouse, Mont Charvin und den mit 2752 Metern höchsten Gipfel, die Pointe Percée. Deren Massiv ist eine Spielwiese für Kletterer und Bergfexe wie Jean-Marc Thomet. Als er von all den herrlichen Tiefschneehängen und Freeride-Routen genug geschwärmt hat, fällt ihm noch eine Geschichte zu der kleinen Siedlung rund um "Chez Frédéric"ein, wo er gerade eine Pause einlegt: "Das ist der Geburtsort des Reblochon. Der wurde im Mittelalter erfunden - aus der Not heraus."

Reise

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Steuerhinterziehung im Mittelalter: Ein Teil der Milch wurde im Euter gelassen

Es waren in der Tat finstere Zeiten, als dieser besonders würzige Käse entstand. Im 14. Jahrhundert herrschte der Graf von Genf über die Region - und das mit harter Hand. Er berechnete die Steuern der Bauern nach der Menge der Milch, die ihre Kühe täglich gaben. Doch schlau, wie Bauern nun mal sind, molken sie beim unvermeidlichen Besuch der Kontrolleure nur einen Teil der Milch - um ihre Steuerlast zu drücken. Der andere Teil blieb im Euter, und als die Kontrolleure vom Hof waren, wurden die Kühe ein zweites Mal gemolken.

Reiseinformationen

Anreise: Per Flugzeug, Zug oder Auto nach Genf. Von dort aus in gut einer Stunde auf der A 41 bis Annecy und über Thones bis Le Grand-Bornand.

Unterkunft: Ein Drei-Zimmer-Apartment für sechs Personen im Village de Lessy in Chinaillon kostet pro Woche ab 1162 Euro. Nähere Auskünfte (engl. und franz.) unter www.cgh-residences.com

Weitere Auskünfte: Von Dezember bis Anfang Mai kann man auf einem Bauernhof bei der Produktion des Reblochon zusehen. Buchungen über www.legrandbornand.com (u.a. deutsch). Für Skitouren wird ein Bergführer empfohlen. Buchungen: La Compagnie des Guides des Aravis, Tel.: 0033/6/85 42 81 95, www.compagnie-guides-aravis.com

"Reblocher" ist ein alter savoyischer Ausdruck für "ein zweites Mal melken". Aus dieser besonders fettreichen Milch wurde dann Käse gemacht, zunächst für den Eigenbedarf. Heute ist der Reblochon auf den Speisekarten der Region omnipräsent, längst zum Kulturgut geworden und seit 1958 als Reblochon de Savoie herkunftsgeschützt, einer der ersten AOC-Käse (Appellation d'Origine Contrôlée) in Frankreich und darf nur in etwa 200 Gemeinden der Departements Savoie und Haute Savoie hergestellt werden. Dabei muss die Milch der örtlichen Kuhrassen Abondance, Tarine und Montbéliarde verwendet werden.

Besonders fetthaltig: der Reblochon, wichtigste Zutat des Tartiflette.

(Foto: imago)

Jetzt stehen die Kühe noch im Stall, unten im Ort Le Grand-Bornand, einem 2000-Einwohner-Städtchen, das sich vom abgeschiedenen Bergdorf allmählich zum Ferienort entwickelt hat. Gut eine halbe Stunde braucht man mit dem Auto von Annecy aus, etwa doppelt so lange aus Genf; im Sommer kann man über den Col de la Colombière abkürzen - eine Strecke, die öfter im Programm der Tour de France auftaucht. Le Grand-Bornand ist ein Ort mit zwei Gesichtern. Während es unten im Village auf tausend Metern Höhe rund 400 traditionelle Chalets gibt, die 200 Jahre und älter sind, herrscht 300 Höhenmeter weiter oben im Ortsteil Chinaillon die Moderne: gewaltige Apartmentblöcke, in deren Quergang-Labyrinthen man sich schon mal verlaufen kann. Aber auch hier: kaum Après-Ski-Halligalli, mal abgesehen von ein bisschen Partymusik im "La Floria" an der Talstation des garantiert nicht beheizten Sessellifts. Im "Green Monkey", dem Skilehrertreff auf der Hauptstraße, wird Tischfußball gespielt. Hier geht es nicht hoch her, sondern beschaulich zu.

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Es ist ein Ort, den man sich noch leisten kann. Der Skipass für 90 abwechslungsreiche Pistenkilometer vor prima Kulisse kostet 33,50 Euro, der Zwei-Tages-Pass für die 220 Kilometer der gesamten Region Aravis (La Clusaz, Manigod, St.-Jean-de- Sixt) 72 Euro, kostenloser Skibus inklusive. Im europaweiten Skipass-Preisvergleich des ADAC landete Le Grand-Bornand in den Top Ten. Und wer nicht gerade im mit zwei Gault-Millau-Hauben dekorierten "Confins des Sens" einkehrt, wird auch beim Blick auf die Speisekarte nicht blass vor Schreck: eine bezahlbare, wenn auch eher rustikale Küche. Käse muss freilich schon mögen, wer hier Urlaub macht. Immer im Angebot: Tartiflette, eine Bombe von Kartoffelauflauf mit Speck und Zwiebeln, überbacken mit einer gewaltigen Masse Reblochon. Varianten sind Tartichèvre (Ziegenkäse statt Reblochon) oder Croziflette (Nudeln statt Kartoffeln). Möglicherweise steckt hinter dem ganzen Käse auch eine perfide Strategie der örtlichen und ebenfalls bauernschlauen Spirituosenproduzenten, denn das Resultat ist am Ende stets gleich: einen Génépi, s'il vous plaît! Reblochon ohne den Verdauungs-Kräuterschnaps geht gar nicht.

Nur gut, dass man tagsüber wieder Kalorien verbrennen kann: in der Loipe des malerischen Vallée du Bouchet, wo vor zwei Jahren sogar der Biathlon-Weltcup Station machte, im ausladenden Freeride-Gebiet unterhalb des Mont Lachat oder auf den Skipisten der Weltmeister und Olympiasieger. Der kleine Ort hat die wohl beste Medaillen-pro-Einwohner-Bilanz der Alpen. Neun Medaillengewinner bei den jüngsten Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen kommen aus Le Grand-Bornand: Skicrosser, Langläufer, Snowboarder sowie die Alpin-Rennläufer Steve Missillier und Tessa Worley. Die kennt Jean-Marc Thomet, der Bergführer, seit vielen Jahren: "Ihre Mutter ist auch Skilehrerin. Und der Tessa habe ich ein bisschen bei ihrem Fernstudium geholfen." An den Empfang für die vier Olympia-Helden von Sotschi erinnert sich Jean-Marc noch genau: "Eine gigantische Party war das, bestimmt 10 000 Leute. So viele Menschen habe ich hier noch nie gesehen." Doch man ist nicht nur stolz auf die heimischen Profis, sondern spannt sie auch ein: Wer genug zahlt, kann einen Skitag mit den Skicross-Profis Bastien oder Jonathan Midol verbringen.

Oder eben mit Jean-Marc Thomet Felle unter die Tourenski schnallen und auf Zeitreise gehen. Noch bevor Le Grand-Bornand im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, kam Jean d'Espagne des Weges, der Heilige Johannes von Spanien, ein Mönch des Kartäuserordens. Im Sommer 1151 zog er durch das noch menschenleere Vallée du Bouchet, kämpfte sich mit seinem Maultier-Tross den steilen Weg zum Col des Annes empor - und schlief der Sage nach ein paar Hundert Meter unterhalb der Passhöhe erschöpft ein. Als er wieder erwachte, entsprang neben ihm aus dem Fels eine Quelle - die Rettung für die durstige Truppe. "Une source miraculeuse", sagt Thomet und nimmt einen Schluck des stark eisenhaltigen Wassers aus der Quelle, die von einer kleinen Madonnenfigur markiert wird. Ein paar Meter weiter wurde 1671 zum Gedenken an den spanischen Heiligen die Chapelle de la Duche errichtet, die älteste Kirche im Tal, die auch unter dem Namen "Bénite Fontaine" bekannt ist: gesegnete Quelle. Gestärkt zog Jean d'Espagne damals weiter, über den Col des Annes und ins nächste Tal hinab, wo er das Kartäuserkloster Le Reposoir gründete. Es entwickelte sich bald zum bedeutenden Pilgerort - und schließlich zur Touristenattraktion.

Oben am Col des Annes, vor der verschlossenen Tür von Frédéric, macht sich allmählich Hunger breit. Jean-Marc hat eine Idee: ein paar Meter queren, dann ein kurzer, aber steiler Aufstieg zurück ins Skigebiet, zum Restaurant "Les Terres Rouges", wo es auf der Panorama-Terrasse natürlich Tartiflette gibt.