Süddeutsche Zeitung

Mont Saint-Michel in Frankreich:Brückentage

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Inmitten eines glitzernden Watts in der Normandie liegt der Mont Saint-Michel. Nun soll das Wahrzeichen wieder wie eine Insel aussehen - doch die neue Postkartenidylle gefällt nicht allen.

Von Monika Maier-Albang

So also fühlt es sich an, wenn ein Mensch den Boden unter den Füßen verliert. Es wackelt kurz, dann sinkt man ein bis unters Knie. Das Ganze dauert eine Schrecksekunde, da steht Patrick schon bei einem, umfasst die Hand seiner Kundin und zieht sie aus dem Treibsand. Kein Problem, alles im Griff, soll seine Miene wohl bedeuten. Und das hat er ja in diesem Fall tatsächlich.

Alleine aber sollte man sich nicht hinauswagen in die Bucht am Mont Saint-Michel. Alle sagen das, schon immer, und die Warnschilder stehen vor jedem Zugang zur Bucht, an jedem Aussichtpunkt: "Das Meer steigt schnell und kann Ihnen den Rückweg abschneiden." Oder: "Seenebel kann sehr schnell entstehen und Sie überraschen." Aber so richtig versteht man die Tücken dieses Ortes und den Grund, warum er im Mittelalter viele Pilger das Leben gekostet hat, erst, wenn man ihn mit Patrick Desgué durchwandert. Wenn man an Wasserlöchern vorbeikommt, die wie eine warme Pfütze aussehen, unter einer wabbeligen Sandschicht aber Hohlräume bergen können. Wenn beim Durchschreiten der Flüsse Sée und Sélune das Wasser an den Oberschenkeln zerrt. Man bekommt ein Gefühl für die Gefahren, wenn man den 48-Jährigen erzählen hört von jenem Gewitter, das ihn einst in der wüsten, windumtosten Ebene überrascht hat - 22 Jahre ist das her, Desgué war damals noch nicht lange im Geschäft. Heute arbeiten die autorisierten Bucht-Führer mit Météo-France zusammen und erhalten von den Wetterkundlern detaillierte Vorhersagen.

Patrick Desgué weiß, wie man sicher durch eine Furt kommt, und wenn nicht, testet er sie vorher. Er wackelt im Stehen ein bisschen hin und her, weist dann den Weg, den seine Gefolgsleute nicht in einer Reihe, sondern versetzt beschreiten müssen. Er weiß, dass man sich sputen sollte, sobald der Hubschrauber der Küstenwache die Bucht überfliegt. Und er weiß, wie man auf den letzten Metern zum erhaben aufragenden Ziel den Couesnon-Fluss umgeht. Zumindest wusste er das bis jetzt.

Braun gebrannte Beine, Schild auf dem Rücken, Spektiv zur Vogelbeobachtung auf den Schultern - daran erkennt man die Guides, die über das Watt führen.

Nur ein knapper Kilometer trennt Mont Saint-Michel vom französischen Festland - den Fußmarsch durchs Watt sollte man dennoch nicht alleine antreten.

Einmal quer durch die Abtei, dann eine Wendeltreppe hinauf - und so sieht dann der Blick in die Bucht bei Ebbe vom höchsten Punkt der Abtei aus.

Doch die Aussicht verändert sich: Eine neue Brücke verbindet den Klosterberg mit dem Festland. Blick auf den Couesnon und die neue Brücke bei Ebbe.

Xavier Bailly, Verwalter der Abtei und Herr der Schlüssel, will das Kloster stärker vermarkten - vorsichtig, versteht sich.

Denn auch auf Mont Saint-Michel sieht man Touristenmassen ambivalent, die ganzjährig auf die Insel strömen - ist jedoch auf ihre Einnahmen angewiesen.

Die Touristen, sie verändern die Klosterinsel. Dinieren für viel Geld, shoppen, lärmen. Aber wenn die Flut dann abends kommt, halten doch viele inne.

Jetzt nämlich gibt es das neue Wehr, die neue Brücke, jetzt ist alles anders für die Wanderführer. Und für die Besucher.

20 Jahre lang hat der französische Staat geplant und gearbeitet, damit der Mont Saint-Michel, eines der bedeutendsten unter den Monuments Nationaux, noch attraktiver wird für Touristen. 3,5 Millionen fluten den Berg jetzt schon jedes Jahr, womit er sich nach dem Eiffelturm auf Rang zwei der meistgesehenen Ziele des Landes wiederfindet. Aber man war in Sorge, dass seine Anziehungskraft auf Dauer nachlässt. Das Schöne am Klosterberg ist ja seine Lage: inmitten des glitzernden Watts bei Ebbe, davor die grüngrauen Salzwasser-Wiesen, auf denen schwarzköpfige Schafe weiden. Und, sobald die Flut einsetzt, die hier für den höchsten Tidenhub Europas sorgt: der Berg im Wasser.

Das Problem dabei war, dass der Berg eben nicht mehr im Wasser stand, nachdem 1879 eine Dammstraße gebaut worden war, die dann, mit zunehmender Besucherzahl, auch noch zum Parkplatz ausgebaut wurde. Ein Bollwerk gegen das Wasser war das, hässlich anzusehen, das zugleich dazu beitrug, dass sich immer mehr Sedimente rund um den Berg ablagerten. Irgendwann, das war die Befürchtung, würde der Mont Saint-Michel auf dem Land stehen. Und wäre dann kein schönes Postkartenmotiv mehr. Also hat man die Natur wieder korrigiert. Und dafür 176 Millionen Euro ausgegeben.

Es gibt jetzt eine neue, sehr schöne Brücke, über die die Besucher zu Fuß oder mit dem Shuttlebus zum Berg gelangen. Das von dem österreichischen Architekten Dietmar Feichtinger entworfene, 760 Meter lange Bauwerk steht auf Stelzen, sodass einerseits das Wasser unter ihm hindurchfluten kann. Zum anderen ist die Brücke zum Berg hin abgesenkt. Wenn eine starke Flut kommt - und davon werden in diesem Jahr aufgrund einer besonderen Sonne-Mond-Konstellation zahlreiche erwartet -, ist der Berg tatsächlich jetzt schon vom Meer umspült. Die alte Dammstraße wird gerade abgetragen; bis August, zur Hochsaison, soll von ihr nichts mehr zu sehen sein. Und es gibt - und das ist entscheidend für das Gelingen des Vorhabens - ein neues Wehr am Couesnon, das nicht wie das alte nur als Hochwasserschutz für das Hinterland fungieren soll.

Das neue Wehr lässt bei Flut Meerwasser in den Fluss strömen. In einer Auenlandschaft, die einige Kilometer flussaufwärts angelegt worden ist, steht das Brackwasser, bevor es mit einsetzender Ebbe ins Meer fließt. Der Zufluss wird von kommender Woche an so gesteuert werden, dass der Couesnon den Klosterberg nicht mehr nur auf der linken Seite umfließt, sondern auch rechts herum. Durch den Druck des Wassers soll der Sand, der sich im Laufe der letzten 130 Jahre abgelagert hat, weggespült werden. Zehn Jahre könnte es dauern, haben Wissenschaftler berechnet, bis sich das Meer rund um den Klosterberg tatsächlich wieder tiefer eingegraben hat und die Salzwiesen am Zufluss verschwunden sind. Am Ende soll der Berg, wie die Werbefachleute sagen, "seinen maritimen Charakter zurückerhalten".

Vielleicht wird es so kommen, vielleicht auch anders. "Ob die Natur sich an die Studien hält, wissen wir nicht", sagt Desgué. Er, der von April bis November jeden Tag draußen verbringt, kennt die Unwägbarkeiten des Watts, das sich ihm stets anders zeigt. Und das er jetzt, wo der Couesnon ein zusätzliches Bett erhält, neu entdecken muss. Manche Kollegen, sagt Desgué, seien mit dem Umbau allein deshalb nicht einverstanden gewesen. Weil er ihnen Arbeit macht, weil ihnen das zusätzliche Wasser rund um den Berg auch Zeit für Führungen rauben wird. Er selbst aber, sagt Desgué, habe das Projekt von Anfang an befürwortet. "So, wie es jetzt aussieht, ist es schöner. Und wenn es schön ist, kommen Kunden."

Man müsse nur verstehen, dass die Umbauten einer touristischen Vision geschuldet sind, sagt Nathanaëlle Endes, die auf der gegenüberliegenden, der ruhigen Seite der Bucht im Écomusée arbeitet. "Ein Renaturierungsprojekt ist das nicht." Aber der Mensch hat die Bucht ja schon immer nach seinen Bedürfnissen gestaltet, hat Salz abgebaut und Polder geschaffen, um dem Kloster Pachteinnahmen zu sichern. Heute bewirtschaften Bauern mit Schafen und den kleintüpfelig braun-weißen Normannenkühen die Marschen. Man züchtet Austern hier. Die Öko-Farmer bieten ihre Huîtres naturelles im Herbst an, wenn Saison ist, die meisten Austern aber sind spezielle Züchtungen, Triploide mit drei Chromosomensätzen, vermehrungsunfähig - aber das ganze Jahr über genießbar, so wie es der Kunde will. "Es ist schon erstaunlich, was die Bucht aushält", sagt Endes.

Erstaunlich ist auch, wie ruhig es auf dem Mont Saint-Michel sein kann, wenn man die Hauptstraße meidet mit all ihren Restaurants, Hotels und Eisdielen der Mère-Poulard-Kette, deren Direktor Éric Vannier hier auch schon Bürgermeister war und in denen die Omelettes ab 39 Euro kosten. Stattdessen müht man sich die Stufen zur Abtei hinauf, wo Xavier Bailly, der neue Verwalter, die Ruhe natürlich ambivalent beurteilt: schön für den Besucher, schlecht für den Staat, dem die Einnahmen zufließen. Bailly ist seit drei Monaten Herr über viele alte Türen und fast so etwas wie ein Chef der sieben Nonnen und fünf Mönche, die zur Untermiete in der Abtei leben und ihn fragen müssen, wenn sie Besuch empfangen wollen.

Im Zuge der Neuentdeckung des Berges will Bailly auch die Abtei attraktiver machen. Der 55-Jährige hat eine zusätzliche Aussichtsterrasse öffnen lassen. Und die Wendeltreppe wieder zugänglich gemacht, die seit 20 Jahren verschlossen war. Wer zwischen den Türmen über den Dächern der Abtei steht, überblickt die ganze Bucht. Einmal pro Monat dürfen 18 Menschen hinauf. Es wird wohl noch dauern, bis Bailly sein Personal und den einen oder anderen Vorgesetzen überzeugt haben wird, dass man die Abtei besser vermarkten kann, als dies bislang der Fall ist.

Dann wird es Abend. Und das Wasser kommt "wie ein Pferd im Galopp", wie sie hier sagen. Unglaublich schnell, ein Rauschen, das Fische mitreißt und Möwen ein Festmahl bereitet. Die erste Welle, le mascaret, schäumt über die Füße derer, die sie unten erwartet haben. Wer ihr vom Berg aus zusieht, hat einen weiteren Blick. Aber einen distanzierteren.

Kaum ist es da, ist das Wasser auch schon am Steg, fließt durch den Hauptzugang bis in den Vorhof des Dorfes, wo jetzt Menschen in Gummistiefeln herumplatschen. 40 Minuten lang sind Berg und Festland getrennt, man muss sich also tatsächlich entscheiden, von welcher Seite aus man der Flut beiwohnen will. Und wie man sie erleben möchte. Unten, mit Blick auf den illuminierten Berg, wird gejuchzt und gejubelt. Oben, auf den Mauern der Anlage, stehen die Menschen schweigend. "Dieser Ort ist längst kein spiritueller mehr", sagt Nathanaëlle Endes. Mag sein. Aber es gibt Momente, da nähert er sich seiner alten Bestimmung wieder.

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SZ vom 23.04.2015
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