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Frankfurt am Main:Architekten geißelten den Plan

Lange bevor überhaupt der erste Grundstein lag, war die Altstadt schon verurteilt. Hans Joachim Schulze, Stadtführer im Nebenberuf, erinnert sich noch an den siebenseitigen offenen Brief an Oberbürgermeisterin und Stadtparlament aus dem Jahr 2008. Frankfurter Architekten und Künstler, von denen einer später sogar leitender Architekt des ganzen Areals wurde, geißelten die Anmutung des geplanten Stadtkerns als "spätmittelalterlich". Der Plan zeuge von der Unfähigkeit, die heutige Architektur als kulturelle Leistung anzuerkennen. Zehn Jahre lang deklinierten Kritiker durch, was ihnen an der Idee missfiel, im Kern der Vorwurf, mit der Altstadt das Deutschland der Kaiserzeit als Kulisse auferstehen zu lassen, Wunden heilen zu wollen, die der Zweite Weltkrieg in der deutschen Seele hinterlassen habe. Die Altstadt, eine Ausgeburt deutschnationaler Heimatsehnsucht?

Schulze, in Funktionsjacke und Fahrradbrille, steuert auf den Friedrich-Stoltze-Brunnen zu, Blickfang und Treffpunkt auf dem Hühnermarkt, dem zentralen Platz der Altstadt. 17 Erwachsene und zwei Kinder sind heute gekommen, die meisten aus Frankfurt und Umgebung, so wie fast immer. Schulze unterrichtet Deutsch als Fremdsprache, seit vielen Jahren führt er nebenbei Menschen durch die Stadt. Momentan ist er damit ausgelastet, die Neugier der Frankfurter auf ihr neues Stück Innenstadt zu befriedigen. 800 bis 1000 Menschen habe er die neuen Häuser schon gezeigt, schätzt er, und mit jedem Termin ist er mehr davon überzeugt, dass die Bürger stolz seien auf das, was hier entsteht.

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An diesem Tag sind wieder einige dabei, die nicken, als Schulze zur Einstimmung Bilder des Technischen Rathauses herumreicht. Wo 1944 die Altstadt in Schutt gelegen hatte, war nach dem Krieg ein Parkplatz, entstand später die Betonburg, die als Mahnmal im visuellen Gedächtnis der Frankfurter geblieben ist. Schulze zeigt auf das rote Haus ohne Erdgeschoss, das fast 600 Jahre lang auf Eichenpfählen stand und jetzt als Nachbau wieder errichtet wurde. Als dieser Straßenzug noch "Worschtquartier" hieß und sich die Metzger darin drängten, hingen hier Schweinehälften von der Decke, das "Neue Rote Haus" wurde regelmäßig mit Ochsenblut getüncht, es stank gewaltig. "Zum Wohnen war die Altstadt ein schrecklicher Ort", sagt Schulze, und man denkt an die gerade eingezogenen Anwohner, die sich jüngst bei der Stadt beschwerten, es sei wegen der Touristengruppen zu laut.

Eineinhalb Stunden dauert die Altstadtrunde mit Schulze, über das rollatorfreundlich flache Pflaster aus vietnamesischem Basalt, vorbei am ersten Leerstand, ein Dessousgeschäft, das vor wenigen Tagen zusperren musste mangels Umsatz. Das Café im bunten Haus mit der Waage ist noch nicht fertig, die Metzgerei eine Dauerbaustelle, ein Ladenlokal dient noch als Lagerplatz für Dämmstoffe, das Struwwelpeter-Museum hat noch geschlossen, viele Wohnungen stehen leer. Ein Kiosk fehlt, irgendwann soll ein Bäcker einziehen. "Die Leute sehen aber schon das Potenzial", sagt Schulze, nachdem er seine Gäste verabschiedet hat. Die Kulisse steht, sie wartet auf ihren Alltag.

Und Hendrik Korkuter wartet an vielen Tagen auf Gäste. Der Januar sei übel gewesen, sagt er, verregnet, an manchen Tagen habe er schon um 18 Uhr den Laden zugesperrt. Im Februar, als die Temperaturen an sonnigen Wochenenden schon zweistellig waren, hat er an manchen Samstagen mehr als 100 Portionen Eintopf verkauft. "Die Flut an Menschen hörte gar nicht mehr auf", sagt er, und ein bisschen klingt es, als gebe er damit einen Vorgeschmack auf den Sommer. Dann werden sich an den Wochenenden Tausende Touristen und Frankfurter in der neuen Altstadt drängen, während der nun bevorstehenden Phase, in der die Neugier allmählich der Gewohnheit weicht. "Das Neue stürzt und altes Leben blüht aus den Ruinen", steht zur Braubachstraße hin an einem der Häuser, ein verdrehtes Zitat aus Schillers "Wilhelm Tell". Wo Leben blühen soll, sind noch Knospen. Aber die Würste schmecken schon, ein wenig so wie früher, als Frankfurts Metzger hier deren Weltruhm begründeten.

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