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Fotografien aus Afrika:Eleganz und Hoffnung

Fotograf Tariq Zaidi porträtiert die Dandys des Kongo - und dabei geht es ihm nicht nur um Mode.

Von Stefan Fischer

Der Fotograf Tariq Zaidi schreibt in dem englischsprachigen Vorwort zu seinem Band "Sapeurs" von einem "surreal style statement". Tatsächlich mutet das Modebewusstsein der sogenannten Sapeurs in den Hauptstädten der Republik Kongo sowie der Demokratischen Republik Kongo irrwitzig an. Und schon steckt man mitten drin in einem durchaus verwirrenden Diskurs, in dem es um viel mehr geht als bloß um Mode. Es geht um Hoffnung an Orten der Hoffnungslosigkeit, um Lebensfreude, es geht letzten Endes um schwarze Selbstermächtigung. Oder doch nur um eine überkandidelte Manier?

La Sape, das ist die Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes - die Gesellschaft der Stimmungsmacher und eleganten Menschen. Ihre Anhänger, die Sapeurs, zu deutsch: Pioniere, leben beidseits des Flusses Kongo, in Brazzaville und Kinshasa, den Hauptstädten der zwei kongolesischen Staaten. Sie sind teuer und exklusiv gekleidet - in zweien der ärmsten Länder der Welt. Insofern stellt sich die Frage, wie frivol dieser Schick ist.

Die Anfänge der Bewegung reichen rund hundert Jahre zurück, sie wurde zunächst von einer frankophilen Elite getragen und hatte durchaus Gegner. Vor allem in den 1980ern gab es Bestrebungen, die Sapeurs aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Der Wind hat sich gedreht, die Société hat neuen Zulauf, sie wird von der Gesellschaft respektiert. Teilweise werden ihre Mitglieder sogar als Prominente gefeiert.

Denn sie geben ein Bild ab, das vor allem der Westen kaum kennt. Entweder liefern die Kriege und humanitären Katastrophen die Bilder aus Afrika oder aber die Naturschönheiten und wilden Tiere. Oder, drittens, die traditionellen Lebensweisen der Menschen, was nicht selten in einen Ethnokitsch abkippt.

Die Sapeurs belegen, dass es auch einen afrikanischen Kosmopolitismus gibt. Der Vereinigung gehören inzwischen etliche Frauen an - auch das ist ein wichtiges Signal in den patriarchalen Gesellschaften beidseits des Flusses Kongo. Und es handelt sich bei den eleganten Stimmungsmachern nicht zwangsläufig um Mitglieder der Oberschicht. Unter den Sapeurs sind neben etlichen Geschäftsleuten auch Taxifahrer, Polizistinnen, Lehrer, Dachdecker, Friseurinnen und Maurer. Viele stoßen in jungen Jahren dazu - und müssen lange sparen, bis sie ihr Outfit beisammen haben. In der Regel handelt es sich dabei um Bekleidung westlicher Modeschöpfer. Der kongolesische Sänger Papa Wemba wird zitiert mit dem Satz: "White people invented the clothes, but we make an art of it." Es ist tatsächlich die stilsichere Kombination der Kleidungsstücke und Accessoires von vier, fünf Designern, die hier besticht: Neben Anzügen und Schuhen, Hemden und Hüten sind Brillen, Gehstöcke und Pfeifen Ausdruck eines Stilwillens, der eine Form von sozialem Aktivismus darstellt, einen smarten Antagonismus zu den politischen und wirtschaftlichen Zuständen.

Tariq Zaidi fotografiert die Frauen und Männer vor Kulissen des Elends und der Zerstörung. Er zeigt im Kontrast zu diesen Hintergründen Eleganz, auch Übermut, Lebensfreude und eine immense Selbstsicherheit. Oftmals gibt es Zeugen dieser Auftritte: Menschen, die neugierig, aber auch ein wenig verschämt beobachten, andere lassen sich anstecken von der positiven Energie dieser lässigen Dandys, die sie in ihrer Freizeit sind.

Von den Bildern geht eine große Kraft aus. Zaidis Kunst ist es, auf ihnen jeden falschen Anschein des Clownesken zu vermeiden. Wer in den Sapeurs ein Dekadenzphänomen sieht, erkennt deutlich, dass es nicht die obszöne Dekadenz der korrupten und ausbeuterischen Staatseliten ist. Sondern die Lust an einem Luxus, den sich diese Menschen mit Einschränkungen in vielen anderen Lebensbereichen erkaufen.

Tariq Zaidi: Sapeurs. Ladies and Gentlemen of the Congo. Kehrer Verlag, Heidelberg 2020. 176 Seiten, 35 Euro.

© SZ vom 15.10.2020/edi
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