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Reisefotograf Robert Götzfried:Orte wie aus alten Gangstergeschichten

Was ist hier bloß passiert? Die Landstraßen der US-Südstaaten sind gesäumt von verlassenen Läden, demolierten Wagen und anderen kleinen Rätseln. Robert Götzfried hat sie fotografiert.

Von Irene Helmes

14 Bilder

nur frei für Serie "Reise-Fotografen" - Robert Götzfried in den USA

Quelle: Robert Götzfried

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Vielleicht liegt es ja daran, dass in einem so riesigen Land genug Platz ist, um Dinge einfach ihrem Schicksal zu überlassen und weiterzuziehen. Das Amerika, das der Münchner Fotograf Robert Götzfried abbildet, ist jedenfalls voller Spuren. Ob eine zerbröckelnde Bankfiliale oder ramponierte Oldtimer - als er 2014 und 2015 durch Virginia, North Carolina und Tennessee fuhr, fand er derlei Motive en masse. Bewusst mied er die großen Interstate-Highways, und erkundete stattdessen auf den Backroads die Atmosphäre im Hinterland.

Im Bild: Seitenansicht eines alten Bankgebäudes in Bundesstaat Tennessee

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Diese alte Tankstelle, die auch mal ein Imbiss war, fotografierte Götzfried auf seiner ersten Reise durch Tennessee im Vorbeifahren.

Der Anblick solcher Überbleibsel lässt ihn rätseln: "Einmal war das wohl eine schicke Tankstelle, vermutlich mit einer jungen netten Bedienung mit Sechzigerjahre-Make-Up, aber irgendwann war es damit vorbei ..." Hier, wie bei seinen anderen Bildern, hat er in der Nachbearbeitung bewusst auf verblichene Farben gesetzt, um dieses Verstreichen der Zeit zu betonen.

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Quelle: Robert Götzfried

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In Virginia stand dieser verbeulte Wagen einfach so am Straßenrand, im Hintergrund bellte ein Kettenhund vor dem Häuschen, Menschen waren keine in Sicht. "Da läuft natürlich sofort die Fantasie an, was wohl passiert sein mag", erzählt Götzfried. Er habe sich an Ort und Stelle an eine Gangstergeschichte aus den Vierzigern oder Fünfzigern erinnert gefühlt, an einen Raymond-Chandler-Roman vielleicht.

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Hat hier einmal Johnny Cash getankt? Möglich wäre es, hat Götzfried diese Station nahe des A.P. Carter Highways in Virginia doch nur entdeckt, weil er das Haus der legendären Musikerfamilie Carter suchte. Dieser entstammte Cashs Ehefrau June. Ein Mann, mit dem Götzfried sich ein Stück weiter unterhielt, erzählte ihm, Cash sei in den alten Zeiten öfters in der Gegend gewesen, um bei Auftritten befreundeter Musiker zuzuhören.

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Schon bei Götzfrieds erster USA-Reise war fest eingeplant, die Heimat von Elvis Presley zu besuchen. Was er vorfand, erwies sich als etwas anders als gedacht:

"Wenn man vom Elvis-Presley-Boulevard spricht, denkt man doch an Samt und Glitzer und rosa Cadillacs. Tatsächlich ist das aber nur auf dem kleinen touristischen Graceland-Teil der Fall, sonst ist alles völlig runtergerockt", so der Fotograf. Auch diese Unterkunft im Stil der Sechziger hat sichtlich bessere Zeiten hinter sich.

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Eine eigene Bilderserie hat der Fotograf den Tafeln gewidmet, die für die allgegenwärtigen Kirchen werben. Die Sprüche auf ihnen sind nicht selten skurril wie hier ...

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Quelle: Robert Götzfried

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... oder hier in Tennessee. "Egal, wer in Washington sitzt, Christus ist immer noch der König". Diesen Spruch, aufgenommen 2015, hält Götzfried für bezeichnend für die Einstellung vieler Südstaatler zum Wahljahr 2016.

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Quelle: Robert Götzfried

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Seine Lieblingsmotive fand Götzfried aber völlig zufällig im Nirgendwo von Tennessee. Im kleinen, "wirklich gottverlassenen" Örtchen Sneedville hielt er kurz für ein Tankstellen-Foto an, als ein Wagen heranrumpelte. Der Wagen auf diesem Bild. Heraus stieg ein Mann namens Kenny, der wegen einer Panne um Hilfe bat. Schließlich montierten die beiden den kaputten Reifen ab und transportierten ihn in Götzfrieds Wagen - zur voll aufgedrehten Musik von Lynyrd Skynyrd und Hank Williams - in die nächste Werkstatt. Diese wiederum ...

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... kam dem Deutschen vor "wie aus einem Coen-Brüder-Film, völlig obskur, wenn man da hineinspaziert". Der Herr rechts im Bild entpuppte sich als Chef des Ladens "Sword Used Cars". Zeit erwies sich als nebensächlich und es wurde auch noch miteinander angestoßen, bis Götzfried seinen neuen Bekannten Kenny mit repariertem Reifen im Gepäck zu dessen Wagen zurückkutschierte. Die Episode bleibt ihm in bester Erinnerung - ZZ-Top-Scherze sparte er sich allerdings sicherheitshalber.

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Quelle: Robert Götzfried

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Besonders in Memphis gab es wiederum Anlass zu mulmigem Gefühl. Dieser Schnappschuss zeigt einen Mann beim Bierholen - "ein Abziehbild" dessen, wie es dort an vielen Ecken aussehe, so Götzfried. In einer Stadt, die wirtschaftlich am Boden sei, sorgte eine Atmosphäre geprägt von Waffen und Drogen dafür, dass er nachts vorsichtshalber nicht mehr zum Fotografieren loszog.

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Einer der stärksten Eindrücke nach seinen Südstaatentouren: Überall stehen "alte, coole Autos" herum. In Gebrauch - der Pickup Ford F 150 ist nach Götzfrieds Beobachtung immer noch das verbreitetste Auto - oder in allen möglichen Phasen des Verfalls. Wie hier an einer Backroad in North Carolina bleiben letztere meist sich selbst überlassen und prägen so das Landschaftsbild.

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Quelle: Robert Götzfried

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In den Bergen North Carolinas entdeckte Götzfried das, was er als den einstigen Fuhrpark einer benachbarten Gemüsefarm identifizierte. Durch solche Anblicke werde man in den Südstaaten permanent an die Vergangenheit erinnert, "aber es geht irgendwie nicht weiter mit neuen Dingen", findet er.

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Quelle: Robert Götzfried

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Dass es mit dieser Tankstelle nicht geklappt hat, die den Aufschriften zufolge auch mal ein kleines Nachtlokal war, überraschte Götzfried beim Vorbeifahren wenig: "Es war einfach nichts und niemand sonst in der Gegend". Als Kritik an der Region will er seine Südstaatenbilder aber nicht verstanden wissen. Die Entspanntheit und Offenheit der meisten Leute, die er traf, haben ihn nachhaltig beeindruckt. Und seine eigene Liebe zum Bluegrass habe ihm besonders geholfen, das Eis zu brechen - die Begeisterung für Musik ist der Gegend schließlich geblieben.

Auf seiner Website hat der Fotograf seine Bilder in thematische Strecken geordnet. Zu seinen Projekten gehört auch die urbane Fotografie von oben - begonnen hat er damit 2011 in Bangkok. Nach München sollen noch weitere Städte folgen.

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Quelle: Illustration Jessy Asmus

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In dieser Serie stellt SZ.de interessante Reisefotografen vor. Bislang ging es mit ihnen in die Metropolen der Welt, nach Vietnam, tief unter die Meeresoberfläche, zu indigenen Stämmen auf den Philippinen und mitten in die deutsche Städtelandschaft, an Vulkankrater sowie zur wahren Seele der Eisberge, nach Südamerika, Hongkong, nach Taiwan, Island, Bangladesch, in die US-Südstaaten, nach "Senegambia" und Rio de Janeiro sowie in den glühenden Sommer von Tadschikistan. Weitere Episoden zeigten bereits Reisen durch Schottland, Afrika, Armenien, Myanmar, Rumänien, Iran, Spitzbergen und Georgien sowie die Lieblingsorte eines Globetrotters, der alle Unesco-Welterbestätten abbilden will.

© SZ.de/kaeb/holz

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