Flusskreuzfahrten Das Meer ist nicht genug

Mit Radausflügen – wie hier an der Donau – und anderen Aktivprogrammen wollen Anbieter von Flusskreuzfahrten jüngere Passagiere und Familien ansprechen.

(Foto: Amawaterways)

Vielmehr macht sich der Kreuzfahrt-Boom auch auf den europäischen Flüssen bemerkbar. Mit Sport, Kinderprogrammen, besonderen Ausflügen und Kulinarik krempeln Reedereien ihr Angebot um.

Von Michael Wolf

Noch vor nicht allzu langer Zeit waren die Rollen bei Kreuzfahrten klar verteilt. Wer zu alt oder gebrechlich für die manchmal schwankenden Hochseeschiffe war, der ging zu Flusskreuzfahrten über. Die Produkte auf dem Markt waren überschaubar, die Struktur der Schiffe nicht verwirrend: eine Lounge mit Bar, ein Restaurant mit fester Essenszeit und Menüwahl bereits beim Frühstück, Blümchengardinen und manchmal auch noch Klappsofas in den Kabinen.

Doch der radikale Wandel der Kreuzfahrt im Hochseebereich hat sich seit Jahren auch auf dem Fluss fortgesetzt, möglicherweise sogar noch einschneidender als auf den großen Schiffen. Natürlich können Flussschiffe nicht mit Broadwayshows oder Eisarenen auftrumpfen, auf den meisten Flüssen regeln Schleusen und Brücken die Größe und Länge der Schiffe sehr genau. Aber sie bieten heute mehr Platz, ein komplett umgedachtes modernes Design, mehr Licht und Panoramaverglasungen auch in vielen Kabinen sowie zahllose Optionen für Aktivitäten und Landausflüge.

Mehr als 350 Kreuzfahrtschiffe mit jeweils mehr als 20 Betten finden sich heute auf den europäischen Flüssen, ihre Anzahl hat sich seit etwa zehn Jahren verdoppelt. Fast die Hälfte fährt für ausländische Zielmärkte wie die USA. Immer mehr Schiffe werden auch für chinesische Gäste gechartert. Etwa 470 000 deutsche Passagiere buchten 2017 eine Flusskreuzfahrt und generierten so 500 Millionen Euro Umsatz, das bedeutet eine Steigerung der Gästezahlen um acht Prozent und eine signifikante Konsolidierung der Preise, die in den vergangenen Jahren bisweilen unter Dumpingangeboten gelitten hatten.

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Erreicht wurde dies mit neuen, modernen Schiffen. "Die Qualität der Schiffe sowie im Service hat enorm zugenommen und wird sich noch weiterentwickeln. Die Neubauten ersetzen und ergänzen die Alt-Tonnage, erweitern die unterschiedlichen Segmente", erklärt Benjamin Krumpen, Geschäftsführer von Phoenix-Reisen. Und innovative Neubauten wie die Schaufelraddampfer der elsässischen Reederei Croisi Europe erschließen mit ihrem geringen Tiefgang von gerade einmal 70 Zentimetern neue Fahrgebiete, etwa Teile der Elbe oder die Loire.

Themenreisen, von Golf bis Wandern, ornithologische Beobachtungen, Besuche von Events wie der Kieler Woche (Plantours) oder dem Rhein in Flammen (Nicko Cruises) liegen im Trend. Auch Konzerte und Talkshows (Arosa), Samba-Soireen (Croisi Europe) oder eigene klassische Konzerte in Schleusenkammern (Excellence) gehören zum Angebot. Und natürlich: Immer noch mehr die Kulinarik, die heute in großer Vielfalt auf den Schiffen geboten wird. Gab es früher nur die Wahl zwischen Fisch und Fleisch, können die Gäste heute von vegan bis vegetarisch in bis zu vier verschiedenen Restaurants an Bord essen.

Fast jede Reederei veranstaltet Reisen zu kulinarischen Themen, vom Krimidinner bis zum Beaujolais-Event in Frankreich. Auf wahrscheinlich einmaligem Niveau bewegt sich das Gourmetfestival des Schweizer Schiffsreiseveranstalters Reisebüro Mittelthurgau auf seinen Excellence-Schiffen. Dieses Jahr werden von 19. Oktober bis 27. November 40 Spitzenköche an Bord kochen, die insgesamt über 48 Michelin-Sterne und 626 Gault-Millau-Punkte verfügen.

Aktiv und neugierig sollen sie sein

Neben der Gastronomie gewinnt auch immer mehr die Möglichkeit aktiver Betätigung an Bedeutung. Fahrräder und gut ausgestattete Fitnessräume gehören bei vielen Reedereien mittlerweile zur Grundausstattung an Bord, einige bieten sogar einen kleinen Spa. Spezielle, anspruchsvolle Sportprogramme ergänzen das Angebot auf dem Schiff und an Land wie bei der Reederei Ama Waterways, die vergangenes Jahr ein entsprechendes Pilotprojekt begonnen hat.

Das Programm, von der deutschen Sportreiterin Selina Wank entwickelt, beinhaltet bis zu sechs Übungen täglich, darunter Stretching, Jogging, Yoga, Kardio- und Krafttraining sowie Diskussionsgruppen zu Entspannungsübungen und gesunder Ernährung. Kristin Karst, Mitinhaberin von Ama Waterways: "Diese Aktivitäten sind bei unseren Gästen so gut angekommen, dass wir sie auf weiteren fünf Schiffen in diesem Jahr anbieten."

Neugierig und aktiv - so soll der Gast auch die immer vielfältigeren Landausflüge erleben. Nicko Cruises kooperiert mit der Zeitschrift Geo. Kultur und Architektur, aber auch Flora, Fauna und Fotografie sollen dadurch vermittelt werden. "Unsere Passagiere sollen die Welt mit neuen Augen sehen", sagt Geschäftsführer Guido Laukamp.

Familienurlaub auf dem Fluss? Bei vielen Reedereien auch heute noch kein großes Thema. Bei Arosa hat man allerdings schon seit Jahren entsprechende Angebote, bei denen Kinder bis 15 Jahre in der Kabine der Eltern zu bestimmten Terminen, meist zu Ferienzeiten, gratis mitfahren können. Auch die Kinderbetreuung sowie ein eigenes Animationsprogramm an Bord gehören mit dazu.

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Sogar der US-Gigant Disney hat nun die Flüsse entdeckt und offeriert mit seiner Tochter "Adventures by Disney" Familienreisen auf europäischen Flüssen: spielerische Entdeckung von Schlössern und anderen historischen Stätten auf dem alten Kontinent, begleitet von den bekannten Disneyfiguren und Animateuren, aber auch von Kinoabenden mit Popcorn an Bord. Die Zahl der von Ama Waterways hierfür saisonal gecharterten Schiffe wurde für dieses und nächstes Jahr verdoppelt - offenbar eine Erfolgsstory.

An jüngere erwachsene Passagiere zwischen 21 und 45 Jahren richtet sich ein neues Konzept der amerikanischen Reederei Uniworld, das bereits auf zwei Schiffen in Europa etabliert ist. "U by Uniworld" bietet modernstes Design in Schwarz-Weiß, eine Lounge zum gegenseitigen Kennenlernen, Yoga- und Kochkurse. Und natürlich schnelles Wlan, wie auf den meisten der modernen Flussschiffe.

Champagner oder Cocktails? Inklusive.

Nach Meinung von Managing Director Ben Wirz wird die Flusskreuzfahrt in Zukunft durch reine Konzeptschiffe ersetzt, die entweder für ältere Passagiere, Familien oder jüngeres Publikum fahren. Was vor nicht allzu langer Zeit als Endstation einer aktiven Kreuzfahrtlaufbahn unter Passagieren galt, ist heutzutage in einigen Fällen sogar ein Einstieg.

"Das Alter der Gäste auf unseren Flussschiffen ist geringer als das auf unseren Hochseeschiffen", erklärt Tom Wolber, CEO der amerikanischen Luxusreederei Crystal Cruises, "wir haben auch festgestellt, dass immer mehr Passagiere zu uns kommen, die noch nie zuvor eine Kreuzfahrt gemacht haben." Für das Konzept hat die amerikanische Reederei, deren malaysischen Besitzern auch mehrere Werften in Deutschland gehören, mächtig investiert. So wurde eines der exklusivsten Angebote im Luxusbereich mit vier neuen und einem umgebauten Flusskreuzfahrtschiff geschaffen. Für die Landausflüge werden Konzerte in Schlössern angeboten, die Inhaber der Suiten dürfen zwischen verschiedenen Sterne-Restaurants an Land wählen, fast alle Getränke wie Champagner oder Cocktails sind inkludiert.

Fast alle Reedereien versuchen zudem, die Saison auf dem Fluss zu verlängern. Neben den Fahrten zu Weihnachtsmärkten in mehreren Ländern im Advent und über die Festtage sollen neue Einrichtungen auf dem Schiff auch die Nebensaison attraktiver machen.

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