bedeckt München 21°
vgwortpixel

Flugtarife:Und was sagt Lufthansa dazu?

Bittet man die Lufthansa um eine Begründung für die Abkehr von freiem Aufgabegepäck in jeder Tarifstufe, argumentiert die Airline mit den Bedürfnissen der Kunden, auf die man durch die passgenaue Auswahl von Komponenten eingehe. Beim Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) spricht man von "à la carte pricing" und frohlockt: "Dadurch, dass bestimmte Leistungen zunehmend optional werden, kann der Kunde Kosten sparen."

Das ist allerdings bestenfalls die halbe Wahrheit: Felix Methmann, Reiseexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband, begrüßt die zunehmenden Wahlmöglichkeiten, widerspricht jedoch der Darstellung von einer Ersparnis für den Kunden. "Dass das Gepäck aus dem Preis rausgenommen wird, heißt nicht, dass der Preis sinkt" - im Gegenteil. Der Verbraucherschützer spricht von einer "kaum versteckten Preiserhöhung" und wählt die Analogie eines "Chipsherstellers, der angesichts steigender Kosten nur noch 180 und nicht mehr 200 Gramm in die Tüte füllt, um den Preis halten zu können".

Methmann spricht von "Augenwischerei": dass ein Nutzen für den Kunden behauptet wird, wo doch eigentlich Profitstreben Motor der Entscheidung ist. "Gerade auf der Langstrecke müssen doch so gut wie alle Passagiere Gepäck mitnehmen", sagt er. Vom neuen Tarif profitieren also vor allem die Anbieter. Im Premium-Segment sieht Methmann Lufthansa & Co. zumindest auf den billigen Plätzen nicht mehr. Für diesen Anspruch stünden "nur noch Fluggesellschaften aus Asien oder dem Nahen Osten, die auch in der Economy Class weiterhin einen guten Service anbieten".

"Demnächst muss man noch zahlen, um aufs Klo gehen zu dürfen"

Bei der Lufthansa hingegen, die damit wirbt, die "einzige europäische Fünf-Sterne-Airline" zu sein, beharrt man darauf, seinen Passagieren ein Premiumprodukt anzubieten, "am Boden (von der Buchung bis zum Einstieg ins Flugzeug) und an Bord", heißt es. "Dabei investiert das Unternehmen weiterhin dreistellige Millionenbeträge in Innovation, Digitalisierung und Personalisierung des Angebots." Das mag stimmen; ganz hinten in der Holzklasse kommt davon allerdings am wenigsten an. "Demnächst muss man noch zahlen, um aufs Klo gehen zu dürfen", sagt Verbraucherschützer Methmann und meint das nur ein bisschen ironisch.

Im Preiskampf haben sich Fluggesellschaften schon viel ausgedacht, um mehr zu verdienen: Die unter anderem von Ryanair-Chef Michael O'Leary ins Gespräch gebrachten Stehplätze blieben zwar ein Gedankenspiel - zumindest fürs Erste -, angesichts des stetig reduzierten Reisekomforts wäre deren Einführung aber nur konsequent. Je nach Airline, Buchungsklasse und Flugziel können - neben dem Aufgabegepäck - auch Sitzplatzreservierung, (alkoholische) Getränke, Mahlzeiten und der Zugriff auf das (komplette) In-Flight-Entertainment-System mittlerweile extra kosten. Sicher ist beim Fliegen eigentlich nur noch, dass nichts mehr sicher ist - außer der Fortbewegungsart an sich.

Dem Kunden bleibt als Gegenwehr eigentlich nur Abgebrühtheit, um nicht zu sagen: Dreistigkeit. Auf Billigflügen ist zu beobachten, wie Passagiere teilweise ihren halben Hausstand mit in die Kabine zu nehmen versuchen - in der Hoffnung, am Gate nicht zusätzlich zur Kasse gebeten zu werden; für die zulässigen Handgepäckmaße optimierte Gepäckstücke sind Verkaufsrenner. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Airline und Kunde wird sich durch die neuen Bestimmungen auch auf der Langstrecke wohl weiter verschärfen.

Ryanair hat Trolleys und Rucksäcke seit dem 1. November 2017 weitgehend in den Frachtraum verbannt, als Reaktion auf Verspätungen und notorisch überfüllte Gepäckfächer über den Köpfen der Passagiere. Das größere der zwei erlaubten Handgepäckstücke muss standardmäßig am Gate abgegeben werden; beide mit an Bord nehmen darf nur, wer einen Aufpreis zahlt. Halten wir fest: Durch am Flugpreis gemessen teure Aufgabegebühren hat Ryanair ein Problem geschaffen, welches das Unternehmen nun durch neue Regeln zu entschärfen versucht. Das ist schon Ironie für Fortgeschrittene. Und man hat nicht direkt den Eindruck, als wäre das der Konkurrenz eine Lehre.

© SZ vom 21.04.2018/ihe

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite