Süddeutsche Zeitung

Flughafen-Teppiche:Ganz schön hässlich

Lesezeit: 3 min

Nach 30 Jahren soll am Flughafen Portland der Teppich ausgetauscht werden. Amerikas Hipster protestieren, eine Frau lässt sich das Muster als Tattoo stechen. Auch die Scheußlichkeiten anderer Airports werden heiß diskutiert.

Von Katja Schnitzler

Im besten Fall gehen Reisende einfach über ihn hinweg, im schlimmsten Fall stolpern Passagiere darüber: Weil sie sich tatsächlich verfangen oder weil das Design die optischen Geschmacksnerven der Fluggäste überstrapaziert. Dabei zählen Teppichböden auf Airports eigentlich zu den eher wenig beachteten Gebrauchsgegenständen der Welt. Zu groß ist die Ablenkung durch Anzeigetafeln, mehr oder eher weniger verständliche Wegweiser, Duty-free-Geschäfte und andere Passagiere.

Andererseits verbringen Urlauber oft sehr viel mehr Zeit an Flughäfen, als ihnen lieb ist. Wenn dann der Blick gelangweilt umherschweift, greifen die meisten zum Smartphone - einem der eher viel beachteten Gebrauchsgegenstände der Welt. Weil der Nutzer dabei sehr von oben herab agiert, schlägt nun die Stunde des Teppichs. Langsam schieben sich ein wilder Mustermix, nie gesehenen Farbkombinationen oder unendlich langweilige Weite (zum Beispiel in niederdrückendem Bleigrau) aus dem Unter- ins Bewusstsein.

Eine ganz besonders innige Beziehung zum Flughafenteppich haben viele Menschen in der Hipster-Hochburg Portland im US-Bundesstaat Oregon. "Wenn ich ihn sehe, weiß ich, ich bin zuhause", sagte ein Mann dem Nachrichtensender NBC. Und auch: "Wenn er nicht mehr hier liegt, muss ich mich wohl verflogen haben. Dann hebe ich mit dem nächsten Flugzeug wieder ab." Dieser Mann hat nun ein Problem, denn die Leitung des Internationalen Flughafens von Portland (PDX) will nach fast 30 Jahren den Teppich austauschen.

Teppich-Muster als Tätowierung

Bürger protestierten, doch all die Selfies oder besser Footies mit dem petrol-grün-blauen Teppich zeigten keine Wirkung. Die Flughafen-Leitung bleibt hart: Der alte muss weg.

Eine Frau war besonders betroffen: Sie hatte sich nicht darauf beschränkt, Erinnerungsfotos von "ihrem" Airportteppich zu machen - sie trägt ihn jetzt immer bei sich. Auf der linken Schulter. Das Tattoo zeigt stilisiert die Runways, die vom Tower aus zu sehen sind, und auch den Teppich prägen.

Über diesen ganz besonderen Teppich wird nicht nur geredet, er kommuniziert auch selbst, irgendwie: Er hat eine Facebook-Seite, auf der Fans günstigerweise Bestellseiten für Socken, Hüte oder Trinkflaschen in ihrem Lieblingsdesign finden. Und er twittert unter @pdxcarpet. Immerhin wurde seinem Nachfolger ebenfalls ein Account eingerichtet, denn wer weiß, vielleicht wird @NewPDXCarpet in 30 Jahren auch geliebt.

Dass die Teppiche alle paar Jahre ausgewechselt werden müssen, liegt wohl daran dass man seinem Flor die vielen Absätze und Rollkoffer ansieht. Dann lieber Fliesen und Holzimitat statt wollener Geschmacksverirrung? Ach, was wäre dies für ein kühler Empfang! Das findet jedenfalls ein Autor, der mal in London, mal in New York lebt, und daher viel Lebenszeit auf Langstreckenflügen und in Airports verbringt.

Er entdeckte schon vor Jahren die einem Flughafenteppich eigene Faszination, als er sich mit einer Mischung aus Gin Tonic und dem Angstlöser Xanax auf die bevorstehende Überseereise vorbereitete. So fühlte er sich bereits am Terminal etwas abgehoben. Eine ideale Voraussetzung, um von New Yorker Auslegware fasziniert zu sein. Diese Erkenntnis überstand den Rausch, ein neues Hobby war gefunden. Weil der Autor aber nicht durch die ganze Welt reisen wollte, um Teppiche zu fotografieren, erfand er die "carpeteers".

Kritische Worte für den Boden des Münchner Flughafens

Wer wie er die bodennahe Schönheit erkennt - oder sich am Airport langweilt - mailt ihm ein Foto. Dieses versieht er mit einer (Kunst-)Kritik, die am lustigsten ist, wenn man sie möglichst ernst nimmt. Und setzt einen neuen roten Airport-Punkt auf den Globus seiner Seite carpetsforairports.com.

So wird etwa der Internationale Flughafen von Hawaii (ITO) gewürdigt:

"Designed vom zeitgenössischen Künstler Gerhard Richter während seiner 'Schulden'-Periode, besteht ITO aus drei Teppich-Schichten - blau, braun, weiß. Richter verwischte sie mithilfe von besonders schweren Rollkoffern und Stiletto-Absätzen. So entsteht der Eindruck von Dreidimensionalität, ohne dabei figürlich zu werden - obwohl Richter eingestand, dass er eigentlich einen Welpen malen wollte."

Der Boden des Münchner Flughafens kommt übrigens nicht gut weg, kein Wunder. Hier liegt kein Teppich, sondern Granit:

"Seelenzerstörend! MUC ist die Art von Steinboden, wie ihn die Gebrüder Grimm in einer dunklen Stunde hätten erfinden können. Unnachgiebig und unbefriedigend ist der Münchner Bodenbelag einer von der Sorte, vor der Eure Mutter immer gewarnt hatte. Bleibt weg!"

Auch wenn der alte Teppich des Internationalen Flughafens von Portland alles andere als hart war, hat ihn dies nicht gerettet. Er wurde allerdings nicht weggeworfen, nachder er abgezogen wurde.

Seine Überreste sollen in Fußabstreifergröße geschnitten werden. Dann wissen selbst die größten PDX-Carpet-Fans wieder: Sie sind wirklich zuhause.

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