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Flughäfen und die Corona-Krise:Flug ins Ungewisse

Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in Frankfurt

Glücklich zurück: In Frankfurt konnten Volker Saalfeld und Bernd Hecht ihre Töchter Natalie und Rosalie in den Arm nehmen. Die jungen Frauen waren in Neuseeland festgesessen.

(Foto: Reuters)

Die Airports auf der Welt gehen durchaus unterschiedlich mit der Corona-Pandemie um. In Frankfurt sorgt sich das Personal um die eigene Sicherheit.

Wer in diesen Tagen fliegen muss, kommt schnell voran. Kaum Warteschlangen, nur wenige Passagiere, viele geschlossene Geschäfte. Selbst Deutschlands größter Flughafen Frankfurt wirkt auf Bildern vielerorts so verwaist, als handele es sich um Aufnahmen des leer stehenden Berliner Airports BER. In der letzten Märzwoche wurden auf deutschen Flughäfen nur noch knapp über 200 000 Passagiere abgefertigt: 95 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der Stuttgarter Flughafen hat seinen Betrieb bis zum 22. April sogar komplett eingestellt.

Passagiere, die derzeit noch unterwegs sind, müssen wegen der Corona-Pandemie mit geänderten Prozeduren und medizinischen Untersuchungen rechnen - oder auch nicht. Es kommt nämlich ganz darauf an, in welchem Teil der Welt man unterwegs ist. Am rigorosesten geht es dabei in Asien zu. Am Changi Airport in Singapur müssen alle ankommenden Fluggäste mit einem medizinischen Check rechnen. Auch innerhalb des Terminals wird laut Auskunft des Flughafens nochmals Fieber gemessen, zum Beispiel vor Betreten der Lounges oder des Flughafenhotels. Das Personal ist angehalten, selbst zweimal täglich die eigene Temperatur zu überprüfen.

Die USA haben ihre Vorschriften ebenfalls verschärft. Aus China und Iran darf niemand mehr einreisen, auch europäischen Passagieren aus dem Schengenraum sowie aus Großbritannien und Irland wird der Zugang verwehrt. Ausnahmen gelten für amerikanische Staatsbürger sowie Besitzer einer Green Card und deren Familien. Was nach außen hin strikt wirkt, endete Mitte März allerdings im Chaos: US-Amerikaner, die aus Übersee zurückkamen, mussten in Dallas, Chicago und New York stundenlang warten, bevor sie einreisen durften - dicht gedrängt, ohne Mundschutz oder sonstige Vorkehrungen. Laut CNN wurden die Wartenden in New York sogar dazu aufgefordert, sich Stifte zu teilen, um Einreisekarten auszufüllen.

Deutschland scheint von solchen Zuständen derzeit weit entfernt zu sein. Hier geben sich die Flughäfen nach eigenen Angaben Mühe, die verbliebenen Passagiere möglichst gut zu entzerren. Nach Angaben des Flughafenverbandes ADV haben sich die hiesigen Flughäfen auf gemeinsame Standards geeinigt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. So sollen Passagiere beim Check-in, bei der Sicherheitskontrolle, an den Gepäckbändern und im Einreisebereich daran erinnert werden, den Abstand von eineinhalb Metern einzuhalten. Busse, die Passagiere vom Flugzeug zum Terminal fahren, sollen nur zu einem Drittel belegt werden.

Viele der Maßnahmen klingen jedoch schwammig; konkrete Zahlen liest man - mit Ausnahme der Bus-Regelung - auffallend selten. Bei einer Umfrage unter den Flughäfen zeigt sich dann auch, dass die Regelungen recht unterschiedlich ausgelegt werden. So haben die Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld ihre Infotheken geschlossen, um Kontakte zwischen Personal und Passagieren zu minimieren. In München wurden Plexiglas-Wände an zahlreichen Schaltern aufgestellt, in Köln / Bonn der Gebetsraum und die Besucherterrasse geschlossen. Dort werden die Busse "höchstens halb voll" besetzt.

Die Tatsache, dass die Fluggastzahlen dramatisch eingebrochen sind, hat aus medizinischer Sicht einen Vorteil: Wo weniger Menschen aufeinandertreffen, können sich auch weniger anstecken. Allerdings kommen immer noch zahlreiche Rückkehrerflüge an deutschen Airports an. Mit Absperrungen, Markierungen am Boden und Durchsagen sollen die Fluggäste sensibilisiert werden, ausreichend Abstand zu halten. Was die Gesundheitschecks angeht, bleibt Deutschland jedoch hinter anderen Ländern zurück: Fieber wird hier nur gemessen, wenn ein konkreter Verdacht besteht. Der wiederum soll von den Flugzeugbesatzungen vor der Ankunft gemeldet werden - die allerdings selbst keine medizinischen Fachleute sind.

Die Behandlung der Rückkehrer zeigt, wie stark sich der Umgang mit Covid-19 inzwischen geändert hat. Die Passagiere, die Anfang Februar von China nach Deutschland ausgeflogen wurden, mussten noch zwei Wochen isoliert in einer Kaserne verbringen. Inzwischen hat sich die Lungenkrankheit so stark verbreitet, dass im Grunde alle Passagiere als Risikofälle gelten. Sie alle zu isolieren, wäre logistisch kaum möglich. Wer heute aus dem Ausland zurückkehrt, soll sich deshalb 14 Tage lang in "häusliche Quarantäne" begeben. Kontrolliert wird das nicht.

Der Berliner Amtsarzt Patrick Larscheid hält diese Vorgehensweise für paradox: "Wer aus Kuala Lumpur einreist, wo es kaum Fälle gibt, soll zwei Wochen in Quarantäne. Wer aber von Düsseldorf nach München fliegt, kann sich frei bewegen, auch wenn er vorher vielleicht in Heinsberg war, dem besonders betroffenen Kreis in NRW." In Deutschland sind die jeweiligen Gesundheitsämter für medizinische Kontrollen an Flughäfen verantwortlich; in Larscheids Zuständigkeit fällt der Flughafen Tegel. Auch er hat keine Fiebermessungen angeordnet, das sei "reine Symbolpolitik", findet er. "Erhöhte Temperatur kann durch viele Dinge beeinflusst werden", sagt Larscheid: eine dicke Jacke, ein warmer Warteraum, vielleicht auch ein vor Ärger erhitztes Gemüt. "Covid-19 hat eben keine spezifischen Symptome", sagt der Mediziner.

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Und falls doch jemand offensichtlich Fieber hat? Dann, sagt Larscheid, könne man nur auf die Vernunft der Menschen hoffen. Als Amtsarzt habe er gar nicht die rechtliche Handhabe, Personen festzuhalten, die nicht in Berlin wohnen. "Wo würden sie auch bleiben?", fragt Larscheid. "Wir können die Leute ja nicht anbinden." In Berlin sei die Lage dennoch entspannt: "An beiden Flughäfen landen pro Tag insgesamt weniger als tausend Menschen", so der Amtsarzt. Die Gefahr, sich im Flughafen anzustecken, sei deshalb vergleichsweise gering.

Während an asiatischen Flughäfen nahezu alle Passagiere und auch die Angestellten eine Schutzmaske tragen, sieht man dies hierzulande noch selten. "Das Tragen von Atemschutzmasken steht den Beschäftigten frei", heißt es etwa von Seiten des Frankfurter Flughafens. Zur Verfügung gestellt werden sie dem medizinischen Personal und allen Mitarbeitern mit Kontakt zu Passagieren. Alle andern müssten sich selbst eine besorgen. Aus München heißt es, alle Angestellten, die "in direktem Kontakt zu Passagieren stehen", erhielten einen Mundschutz.

65 000 Masken habe der Flughafen dafür geordert. Hakan Bölükmese, Mitglied des Betriebsrats am Frankfurter Flughafen, warnt davor, den psychologischen Effekt der Corona-Krise zu unterschätzen. "Wenn das Gesundheitsamt in Flugzeuge reingeht, um Verdachtsfälle zu untersuchen, sind sie komplett vermummt", sagt Bölükmese. Das Flughafen-Personal habe eine solche Schutzausstattung nicht. "Natürlich gibt es da Sorgen, und manche Kollegen fühlen sich weniger wertgeschätzt." Auch hielten sich nicht alle Passagiere an die Vorschriften: "Eigentlich sollten in den Aufzügen maximal zwei Personen gleichzeitig sein. Aber Sie können ja nicht vor jeden Fahrstuhl einen Sicherheitsbeamten stellen."

Der Flughafen habe durchaus Positives geleistet, betont der Betriebsrat - aber eben nicht genug. Durch den starken Passagierrückgang sei auch das Personal reduziert worden. Deshalb gebe es weniger Kontrollstellen, an denen die Mitarbeiter vor Dienstantritt durchleuchtet werden. "Da staut es sich jetzt", sagt Bölükmese. Er habe schon mehrfach von bis zu 200 Meter langen Warteschlangen gehört. "Wir wünschen uns eine Entzerrung", sagt der Betriebsrat, "denn momentan sollte jeder unnötige Kontakt zwischen Menschen vermieden werden." Die Pressestelle des Flughafens weist die Vorwürfe zurück. Die Einhaltung der Abstandsregeln liege in der Eigenverantwortung der Angestellten.

In Atlanta, am größten Flughafen der Welt, versprüht die Fluggesellschaft Delta seit 1. April Desinfektionsmittel in jedem ihrer Flugzeuge. Die zusätzliche Reinigung soll helfen, das angeknackste Sicherheitsempfinden zumindest ein wenig zu verbessern. Oder wie es in einem Werbevideo vollmundig heißt: "Die sauberste Airline zu sein ist genauso wichtig, wie die pünktlichste Airline zu sein."

© SZ vom 09.04.2020/ihe
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