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Kolumne "Ende der Reise":Bloß nicht abheben!

Flugzeug vor dem Mond

Was für Zeiten: Wann konnte eine Kanzlerkandidatin oder ein Kandidat ein Verbot von Kurzstreckenflügen und Billigflugtickets ankündigen, ohne sich eines politischen Suizidversuchs verdächtig zu machen?

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die dunklen Tage für Reisende scheinen gezählt zu sein. Und sogar Klimaaktivisten haben Grund zum Optimismus. Denn eines bleibt vorerst wohl schwierig: das Fliegen.

Von Dominik Prantl

So, jetzt ist aber mal Schluss mit der Miesepetrigkeit, dem Defätismus, der Schwarzmalerei. Raus mit den Luftschlangen und Karnevalsmasken oder mit was immer man diesen europaweiten Sinkflug der Sieben-Tage-Inzidenzen feiern will. Stimmung! Gibt schließlich jede Menge Gründe für Euphorie, so durch die Brille des Reisenden betrachtet. Rundherum öffnen die Urlaubsländer nach einer halben Ewigkeit, die genau genommen natürlich nicht einmal ein Jahr dauerte: Österreich hat der Quarantäne quasi ein Einreiseverbot erteilt, Italien wirbt um Touristen wie einst für mehr Abstand, das Mittelmeer wartet sicher schon sehnsüchtig darauf, unsere krisenerbleichten Körper zu spüren, auch die Berge scheinen jetzt wieder näher zu rücken!

Und dann steht auch noch Pfingsten vor der Tür, Sie wissen schon, Heiliger Geist und Hoffnung und vor allem Feiertage. Sogar in der Führungsetage des einst nimmersatten Reiseveranstalters Tui, so ist zu lesen, macht sich neuerdings wieder Optimismus breit, was vielleicht mehr über abklingende Pandemiewellen verrät als alle Spahns und Robert-Koch-Institute zusammen.

Aber selbst für jene notorischen Mahner, von denen Fridays for Future und die Klimakrise noch nicht zwischen Impfausweisen und Testergebnissen vergessen wurden, reißen die guten Nachrichten nicht ab. Dass sich Verbände für heimischen Urlaub auf dem Bauernhof mit Namen wie Blauer Gockel in Bayern bis zum Roten Hahn in Südtirol - wobei man sich hier fragt, was zuerst da war, der Hahn oder der Gockel - kaum vor Anfragen retten können, ist womöglich nur Symptom eines derzeit größeren Trends. Während manche Airline ums Überleben kämpft, stellt die stets PR-bewusste Tourismusindustrie im Zuge einer coronainduzierten Flugangst mit Slogans wie "Weitwandern statt Fernreisen" oder "Radeln bis zum Horizont" so langsam jeden Klimaaktivisten in den Schatten. Und wann konnte eine Kanzlerkandidatin oder ein Kandidat ein Verbot von Kurzstreckenflügen und Billigflugtickets ankündigen, ohne sich eines politischen Suizidversuchs verdächtig zu machen?

Dazu passt ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH). Eine Passagierin aus Österreich hatte eine Airline auf kolportierte 70 000 Euro Schadenersatz verklagt, weil sie bei einer ihrer Meinung nach zu harten Landung einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte. Der EuGH urteilte nun, die Landung sei kein Unfall gewesen, weil sie sich im Rahmen der Grenzwerte bewegt habe. Dies richte sich nach objektiven Kriterien und nicht nach dem Empfinden einzelner Fluggäste. Vielleicht lässt sich das als Warnung verstehen, vorerst noch nicht die Bodenhaftung zu verlieren.

© SZ
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